Der Flugzeugabschuss, der den Völkermord auslöste

Am Abend des 6. Aprils 1994 wurde in Ruanda die Präsidentenmaschine mit Raketen abgeschossen, danach ging das Morden los. Über die Urheber des Anschlags in Kigali gibt es zwei Theorien.

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Der Völkermord in Ruanda kam nicht aus heiterem Himmel. Über Jahre hatte sich der Hass der Hutu gegen die oft wohlhabenden Tutsi aufgebaut. Die Übergriffe nahmen zu, Häuser wurden niedergebrannt, Eigentum beschlagnahmt, Todeslisten erstellt. Die Situation geriet mit der Ermordung von Präsident Juvénal Habyarimana ausser Kontrolle. Das Attentat auf den Hutu Habyarimana war der Auslöser des Genozids in Ruanda. Radikale Hutu-Mitglieder begannen damit, massenhaft Tutsi abzuschlachten.

Das Flugzeug mit Habyarimana an Bord war am Abend des 6. April 1994 beim Landeanflug auf den Flughafen der Hauptstadt Kigali mit zwei Raketen abgeschossen worden. Staatschef Habyarimana kam gerade aus dem Ausland von Verhandlungen mit Rebellen des von Tutsi dominierten Front Patriotique Rwandais (FPR) zurück.

Attentäter im Umfeld von Präsident Habyarimana

Jahrelang war angenommen worden, dass die Präsidentenmaschine von den damaligen Tutsi-Rebellen um den heutigen Präsidenten Paul Kagame abgeschossen worden war. Von dieser These gingen auch erste französische Untersuchungen aus. Bis eine vom französischen Antiterrorrichter Marc Trévidic geleitete Kommission vor zwei Jahren zu einem anderen Schluss kam. Die Experten stellten fest, dass die Raketen vom Kanombe-Hügel in der Nähe des Flughafens von Kigali abgefeuert worden waren.

Das Brisante an dieser Erkenntnis war, dass sich auf dem Kanombe-Hügel das Hauptquartier der Präsidentengarde von Habyarimana befand. Nach Überzeugung der Trévidic-Kommission kam Habyarimana durch ein Attentat aus dem eigenen Lager ums Leben. Dies spricht gegen die Verstrickung des heutigen Präsidenten Kagame in den Mord an seinem Vorgänger Habyarimana. Ruandas Staatschef Kagame, der von französischer Seite lange Zeit als Mitverantwortlicher des Attentats betrachtet worden war, wirft seinerseits den Franzosen Mitschuld am Völkermord von 1994 vor.

Vorwand für lange geplanten Völkermord

Gemäss der Trévidic-Kommission organisierten Hutu-Extremisten aus der Armee den Anschlag auf Habyarimana, um einen Vorwand für den schon lange geplanten Massenmord an den Tutsi zu schaffen. Einer der führenden Planer des Völkermords war Théoneste Bagosora, Oberst der ruandischen Armee. Ende 2011 verurteilte ihn der Internationale Strafgerichtshof für Ruanda zu einer Gefängnisstrafe von 35 Jahren.

Bei dem Völkermord in Ruanda wurden 1994 innerhalb von 100 Tagen mindestens 800'000 Menschen getötet – ermordet von der Armee, Hutu-Milizen und durch über gezielte Medienhetze aufgestachelte Zivilisten. Umgebracht wurden vor allem Tutsi, aber auch gemässigte Hutu. Erst mit dem Sieg der FPR-Rebellen fanden die Massaker schliesslich ein Ende.

Artikel mit Material der Nachrichtenagenturen SDA und AFP (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.04.2014, 12:22 Uhr

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Vor 20 Jahren: 100 Tage Völkermord in Ruanda

Vor 20 Jahren: 100 Tage Völkermord in Ruanda Der Massenmord an mindestens 800'000 Tutsi und gemässigten Hutu in Ruanda gehört zu den blutigsten Kapiteln des 20. Jahrhunderts.

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Ruandas Präsident Paul Kagame hat Frankreich am Wochenende erneut eine Mitschuld an dem Völkermord vorgeworfen. Frankreich sagte daraufhin die geplante Teilnahme von Justizministerin Christiane Taubira an der Gedenkfeier ab. Am Sonntagabend erklärte das französische Aussenministerium aber, Frankreich werde durch Botschafter Flesch bei der Zeremonie vertreten. (vin/afp)

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