«Der Iran wird keine Truppen in den Irak schicken»

Der Vormarsch der Islamisten von Isis im Irak könnte zwei ehemalige Erzfeinde zusammenbringen – die USA und den Iran. Nahost-Experte Erich Gysling über Chancen und Gefahren einer solchen Kooperation.

«Die Amerikaner erwarten, dass der Iran bei der Stabilisierung im Irak kooperiert»: Ein Sicherheitsbeamter in der nordirakischen Stadt Arbil. (14. Juni 2014)

«Die Amerikaner erwarten, dass der Iran bei der Stabilisierung im Irak kooperiert»: Ein Sicherheitsbeamter in der nordirakischen Stadt Arbil. (14. Juni 2014) Bild: Reuters

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Medienberichten zufolge bereiten die USA anlässlich der Krise im Irak direkte Gespräche mit dem Iran vor. Eine Revolution?
Das ist eine deutliche Umkehr der bisherigen amerikanischen Politik. Seit den Atomverhandlungen in Genf gibt es bereits direkte Kontakte zwischen den beiden Ländern, jetzt geht es sogar einen Schritt weiter. Die Amerikaner erwarten, dass der Iran bei der Stabilisierung im Irak kooperiert – doch die werden eine solche Zusammenarbeit genau überdenken.

Inwiefern?
Vonseiten der Iraner besteht nur ein vitales Interesse an einer Kooperation, falls der Isis-Vormarsch das ganze Land destabilisieren sollte. Wenn die Rebellen aber z. B. westlich von Bagdad bleiben, werden die Iraner ihre Optionen durchgehen. Es ist nicht in ihrem Interesse, die Kohlen aus dem Feuer zu holen – nicht einmal für die schiitischen Iraker. In Teheran hat man den Ersten Golfkrieg nicht vergessen, der zwischen 1980 und 1988 mehr als eine halbe Million Menschenleben forderte. Für die Iraner ist die momentane Situation höchst komplex.

In Teheran wird man zuerst abwarten, wie sich die Lage entwickelt?
Natürlich. Darüber hinaus müssten die verschiedenen Instanzen innerhalb der Regierung Ja zu einer Einmischung sagen – und der Bevölkerung womöglich sogar einen neuen Krieg verkaufen. So eine Entscheidung wird keineswegs populär sein.

Und wie sieht man das in Washington?
Die Amerikaner möchten eine weitere Destabilisierung der Region unbedingt vermeiden. Eine Eskalation der Situation im Irak könnte zu einem Flächenbrand führen – auch im Hinblick auf die Lage in Syrien. Auch wenn Fracking eine immer grössere Rolle spielt, importiert Amerika weiterhin viel Öl aus der Region – sie sind also sowohl aus ökonomischen als auch aus strategischen Gründen an Ruhe interessiert.

Wie könnte eine Zusammenarbeit zwischen dem Iran und den USA im Irak konkret aussehen?
Man würde gemeinsam versuchen, dafür zu sorgen, dass Premier Maliki sein Regime grundlegend reformiert und die sunnitische Minderheit in den politischen Prozess einbezieht. Ferner müssen die Strafaktionen gegen die Sunniten aufhören. Teheran und Washington könnten also zusammen gegen die autoritäre Politik von Maliki auftreten.

Würde man in Bagdad überhaupt auf sie hören?
Maliki hat sich bisher unglaublich stur gezeigt. Ob er jetzt auf Aussenstehende hört, ist reinste Spekulation. Er könnte auch alle Gespräche als Einmischung von aussen abwimmeln.

Sie haben eben eine politische Zusammenarbeit zwischen dem Iran und den USA angesprochen. Kommt auch eine militärische Kooperation infrage?
Teheran müsste zuerst die Grenze zum Irak sichern, damit keine Isis-Kämpfer einsickern. Eine militärische Zusammenarbeit mit den USA wäre allerdings die Ultima Ratio. Dass Teheran Truppen in den Irak schickt, halte ich für wenig wahrscheinlich.

Erstellt: 16.06.2014, 14:34 Uhr

USA offen für Gespräche mit Iran zum Irak-Konflikt

Im Irak-Konflikt sind die USA nach den Worten von Aussenminister John Kerry offen für Gespräche mit ihrem bisherigen Gegner Iran. Militärische Kooperation sei nicht ausgeschlossen, sagte Kerry.

Zudem bestätigte Kerry, dass seine Regierung Drohnenangriffe in Betracht ziehe, um den Vormarsch der sunnitischen Miliz Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) zu stoppen. Luftangriffe mit unbemannten Flugzeugen «könnten eine Option sein», sagte Kerry.

Sowohl über den Drohneneinsatz als auch über eine Annäherung zwischen Washington und Teheran wegen des Irak-Konflikts war seit Tagen spekuliert worden. Die USA und der Iran teilen das Ziel, den schiitischen irakischen Ministerpräsidenten Nouri al-Maliki so zu stärken, dass er das Land wieder unter Kontrolle bringt. (dapd)

Erich Gysling ist Nahost-Experte und Journalist. (Bild: Keystone )

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