«Der Jemen hat einen ähnlichen Ruf wie Afghanistan»

Nahost-Experte Roland Popp rechnet damit, dass Saudiarabien mit Bodentruppen im Nachbarland einmarschieren wird. Allerdings sei es fremden Mächten noch nie gelungen, sich dauerhaft im Jemen festzusetzen.

Militärische Entschlossenheit: Saudiarabische Sicherheitskräfte bei einem Übungseinsatz an der Grenze zum Irak. (18. März 2015)

Militärische Entschlossenheit: Saudiarabische Sicherheitskräfte bei einem Übungseinsatz an der Grenze zum Irak. (18. März 2015) Bild: Faisal AlNasser/Reuters

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Saudiarabien hat in den Bürgerkrieg in Jemen eingegriffen auf der Seite der jemenitischen Regierung von Präsident Abd Rabbuh Mansur al-Hadi gegen die Huthi-Rebellen. Kann damit die Lage im Jemen stabilisiert werden?
Da habe ich meine Zweifel. Die Huthi-Rebellen haben in den vergangenen Tagen grosse militärische Erfolge erzielt und stehen vor der Einnahme von Aden, der wichtigsten Stadt im südlichen Jemen. Der international anerkannte Präsident Hadi ist nach jüngsten Berichten bereits über die Grenze in den benachbarten Oman geflohen. Die Saudis erklären als Kriegsziel die Verteidigung der legitimen Regierung, was mit einer Niederschlagung des Huthi-Aufstandes gleichzusetzen ist. Militärisch scheint mir das ein äusserst schwieriges Unterfangen – ich denke, dass die Intervention der saudisch geführten Allianz zu einer weiteren Eskalation im Jemen führen wird.

Steht der Jemen vor einer erneuten Teilung?
Langfristig ist das nicht auszuschliessen. Die Huthis kontrollieren gegenwärtig ein Gebiet, das in etwa dem ehemals unabhängigen Nordjemen entspricht. Im Süden gibt es seit Jahren eine populäre politische Sammlungsbewegung, die Hirak, welche die Neugründung des unabhängigen Südjemens zum Ziel hat. Allerdings hängt die weitere Entwicklung nun vom Fortgang der Feindseligkeiten ab – Prognosen sind da gegenwärtig unmöglich.

Erwarten Sie, dass sich Saudiarabien und seine arabischen Alliierten langfristig an diesem Konflikt beteiligen?
Es sieht alles danach aus. Allein diese Koalition zusammenzustellen, nach saudischen Angaben 10 Staaten umfassend, zeugt von grosser Entschlossenheit, das militärische Wagnis einzugehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die Huthi-Rebellen einfach ergeben werden – alles sieht nach einem langegezogenen, blutigen Konflikt aus.

Werden Bodentruppen zum Einsatz kommen?
Ich denke, dass das wahrscheinlich ist. Aus der Luft sind die Huthis auf keinen Fall zu besiegen. Gegenwärtig werden diejenigen Teile der offiziellen jemenitischen Armee angegriffen, die mit den Huthis zusammengearbeitet hatten. Die Huthis selbst sind aber eine klassische Guerilla-Armee und werden bald keine Ziele für einen Luftkrieg mehr zur Verfügung stellen. Die Saudis haben offenbar das Gros ihrer Armee an der Grenze zusammengezogen und beabsichtigen den Einmarsch. Ich denke, dass sich in diesem Fall einige Staaten des Golfkooperationsrates wie zum Beispiel die Vereinigten Arabischen Emirate beteiligen werden, vermutlich auch die Jordanier mit Spezialkräften.

Und Ägypten?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Ägypter Bodentruppen schicken. Sie hatten bereits in den 1960er-Jahren im nördlichen Jemen militärisch interveniert und konnten sich nicht durchsetzen – man sprach damals von Ägyptens Vietnam. Ohnehin hat der Jemen einen ähnlichen Ruf wie Afghanistan – fremden Mächten ist es noch nie gelungen, sich dauerhaft im Land festzusetzen. Ich persönlich bin überzeugt, dass die Saudis im Falle eines Einmarsches einen hohen Preis bezahlen werden. Bei einer früheren begrenzten Intervention 2009 hatten sie bereits schwere Verluste gegen die Huthis erlitten. Aber offenbar hat man aus dieser Erfahrung nichts gelernt.

Die Huthi-Rebellen sind Schiiten und werden vom schiitischen Iran unterstützt. Wird auch der Iran in den Konflikt eingreifen?
Militärisch wohl kaum – das würde sicherlich die Amerikaner auf den Plan rufen. Eine Unterstützung der Huthis dürfte jetzt sehr schwierig werden, da die Saudis den Luftraum zur Sperrzone erklärt haben. Die Huthis und ihre Verbündeten im Jemen sind jetzt auf sich allein gestellt.

Ist der Krieg im Jemen ein Stellvertreterkrieg zwischen dem Iran und Saudiarabien um die Vorherrschaft in der Golfregion?
Nein, das ist leider eine der gängigen Stereotypen für jeden Konflikt im Nahen Osten. Die Iraner haben Beziehungen zu den Huthis aufgebaut, nachdem diese eine Gegenregierung in Sanaa gegründet hatten. Zuvor aber waren die Verbindungen minimal, auch wenn die saudische Propaganda gerne das Gegenteil behauptet. Die Huthis sind sogenannte Zaiditen, eine gänzlich andere Spielart der islamischen Schia als diejenige, die im Iran dominiert. Die unterstellte ideologische Nähe gibt es nicht. Die konfessionellen Gegensätze im Jemen sind ein neues Phänomen und haben mit der aggressiven Missionierung der Saudis unter den jemenitischen Sunniten in der Vergangenheit zu tun. Die von Saudiarabien finanzierten und geförderten radikalen Islamisten waren zudem hauptverantwortlich für den Konflikt mit den Huthis, der vor etwa 10 Jahren ausbrach. Im Grunde bekämpfen die Saudis nun eine Gefahr, die sie selbst durch ihre fehlgeleitete Politik geschaffen haben.

Das sunnitische Saudiarabien hat die schiitischen Huthi-Rebellen im Jemen bombardiert, im Irak kämpfen die mehrheitlich schiitischen Regierungstruppen gegen die sunnitischen IS-Terroristen, in Syrien kämpfen Schiiten aus dem Iran und aus dem Libanon an der Seite von Bashar al-Assad gegen sunnitische Rebellen. Ist in der arabischen Welt der ganz grosse Religionskrieg ausgebrochen?
Nein, aber ohne Frage werden die schon lange bestehenden Rivalitäten zwischen den grossen Regionalmächten verstärkt religiös interpretiert. Die Religion wird auch immer mehr für politische Zwecke vereinnahmt. Aber die Lesart eines Religionskonfliktes ist zu vereinfachend – das Hauptproblem ist der sunnitische Jihadismus, der ganz bewusst versucht, konfessionelle Konflikte zu entfachen. Daher die Gräueltaten gegen Nicht-Sunniten und Nicht-Muslime in Syrien, Libyen und im Irak oder jetzt der Angriff auf schiitische Moscheen im Jemen durch die Terrormiliz Islamischer Staat.

Angeblich sollen die Atomgespräche in Lausanne am Wochenende zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht werden. Saudiarabien steht – wie Israel – einer Einigung mit dem Iran skeptisch gegenüber. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der saudischen Militäraktion gegen den Jemen und der entscheidenden Phase bei den Atomgesprächen?
Ich glaube: Nein. Sollte die Militäraktion scheitern, muss verhandelt werden. Auch dann wird der Iran eine Rolle spielen und in der regionalen Politik weiter aufgewertet werden.

Wo stehen die Amerikaner? Einerseits strebt die Regierung Obama eine Einigung mit dem Iran in der Atomfrage an. Andererseits haben die USA die Saudis logistisch und mit Geheimdienstinformationen beim Angriff auf den Jemen unterstützt.
Die Amerikaner unterstützen die offizielle Regierung unter Hadi und lehnen die Machtübernahme der Huthis ab. Grundsätzlich aber glaube ich, dass man in Washington äusserst besorgt über das saudische Vorgehen ist.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.03.2015, 13:44 Uhr

Roland Popp ist Nahost- und Sicherheitsexperte am Center for Security Studies an der ETH Zürich. (Bild: zvg)

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