Der Krieg erreicht auch die Türkei

Mehr als 70'000 Menschen sind bereits auf der Flucht, es gibt Tote auf beiden Seiten der Grenze.

In der türkischen Grenzstadt Akçakale trägt man einen neun Monate alten Jungen zu Grabe. Foto: Sedat Suna (EPA)

In der türkischen Grenzstadt Akçakale trägt man einen neun Monate alten Jungen zu Grabe. Foto: Sedat Suna (EPA)

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Erst vor wenigen Tagen hat Recep Tayyip Erdogan den Befehl zum Angriff gegeben, und schon wird klar, wie gefährlich die türkische Militäroperation nicht nur für Syrien ist, sondern auch für die Türkei. Am Freitag wurde in der türkischen Grenzstadt Akçakale ein neun Monate alter Junge zu Grabe getragen. Vier Soldaten flankierten den kleinen Sarg, auf dem eine türkische Fahne lag. Alle Toten auf türkischer Seite, es waren bis zum Freitag neun, wurden zu Märtyrern erklärt. Der Junge war ein Flüchtlingskind. In und um Akçakale, einer Stadt mit rund 100'000 Einwohnern, leben Tausende Syrer, die vor dem seit acht Jahren anhaltenden Bürgerkrieg geflohen sind.

Auch auf syrischer Seite gibt es tote Zivilisten. Der Kurdische Halbmond berichtete von mindestens sieben Getöteten und vielen Verletzten. Mehr als 70 000 Menschen seien auf der Flucht, meldeten mehrere Organisationen der UNO. Auch Dämme, Kraftwerke und Ölfelder seien getroffen worden. In einem fünf Kilometer breiten Streifen entlang der Grenze seien bis zu 450'000 Menschen in Gefahr, wenn die Konfliktparteien nicht maximale Zurückhaltung übten.

Danach sieht es nicht aus. Die türkische Armee sagte, sie habe bereits 342 «Terroristen», wie sie die Kämpfer der kurdischen Milizen nennt, getötet. Auch vier türkische Soldaten starben. Auf der türkischen Seite der Grenze sollen ebenfalls schon 170 Geschosse eingeschlagen sein.

Donald Trump drohte ebenfalls mit wirtschaftlichen Sanktionen, bot sich gleichzeitig aber als «Vermittler» zwischen Türken und Kurden an.

Auch auf ein Hotel in Nusaybin, in dem sich viele Journalisten aufhielten, wurde am Freitag geschossen, mit Scharfschützengewehren von Syrien aus. Zwei Reporter wurden verletzt. Vom Balkon des Hotels aus waren zahlreiche Kameras auf die Grenze gerichtet. Der Beschuss erfolgte daher wohl gezielt.

Die politischen Folgen der Militäraktion sind ebenfalls beträchtlich. Die Türkei hat sich international isoliert. Die EU will beim Gipfel ihrer Staats- und ­Regierungschefs in der kommenden Woche über Sanktionen gegen das Land beraten. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte am Freitag nach einem Blitzbesuch bei Erdogan in ­Istanbul: Er habe seine «ernsten ­ Bedenken hinsichtlich der Destabilisierung der Region» geäussert. Die Türkei sei ein wichtiger Nato-Partner, sagte Stoltenberg, das bedeute aber auch «eine grosse Verantwortung».

Nur die Kurden scheren aus der Einheitsfront aus

US-Präsident Donald Trump drohte ebenfalls mit wirtschaftlichen Sanktionen, bot sich gleichzeitig aber als «Vermittler» zwischen Türken und Kurden an. Letzteres dürfte ihm angesichts des schwer belasteten Verhältnisses zu Ankara kaum gelingen. Im Gegenteil: Das Misstrauen gegen Amerika, in der Türkei ohnehin stark, dürfte wachsen. Die Zeitung «Cumhuriyet» titelte: «Amerikanische Bomben» und zeigte ein Foto mit einem verletzten türkischen Kind. Washington hatte die kurdische YPG-Miliz noch bis vor kurzem mit Waffen versorgt. «Cumhuriyet» war bislang regierungskritisch, nun ist der allergrösste Teil der Opposition auf eine patriotische Linie eingeschwenkt.

Nur die Kurden scheren aus der Einheitsfront aus. Die Folge: Ihre Allianz mit dem Rest der Opposition steht vor einem Bruch. Dieser politische Kollateralschaden dürfte ganz im Sinne Erdogans sein. Ein Bündnis aus Kurden, Säkularen und Nationalliberalen hatte ihm bei den jüngsten Wahlen seine bislang schwerste Niederlage seit der Machtübernahme der AKP 2002 bereitet.

Falls es spürbare wirtschaftliche Sanktionen gibt, dürfte Erdogan versuchen, die Schuld für die Verschärfung der ökonomischen Krise ganz auf Washington abzuschieben. Der Kurs der türkischen Lira sackt seit Beginn des Krieges weiter ab. Das dürfte auch die ­Inflation wieder antreiben, die gerade etwas zurückgegangen war.

Erstellt: 11.10.2019, 21:55 Uhr

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