«Der Krieg gegen den Terror ist verloren»

Für den britischen Nahost-Kenner Patrick Cockburn zeigt sich im Kampf um Kobani, wie kopflos die Staatengemeinschaft auf die Herausforderung des IS reagiert. Er befürchtet einen neuen 30-jährigen Krieg in der Region.

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Wie wichtig ist ein Sieg in Kobani für den Islamischen Staat (IS)?
Eminent wichtig, denn es wäre die direkte Antwort des IS auf die Bombardierungen der Amerikaner, die am 8. August im Irak und am 23. September in Syrien begonnen haben. Obama hatte angekündigt, den IS «zu schwächen und zu zerstören». Ein neuer Sieg der Jihadisten würde deshalb ihr Image in der Region sowie bei möglichen Unterstützern enorm stärken.

Geht es vor allem um Symbolik?
Nein. Symbolisch ist der Sieg über eine Koalition von 40 Ländern und trotz der im Fernsehen spektakulär dargestellten US-Luftangriffe natürlich wichtig. Politisch aber wäre es gleichzeitig ein harter Schlag gegen die syrischen Kurden, die bisher zu den wirksamsten Gegnern des IS zählten. Strategisch schliesslich würden die Jihadisten neu drei Grenzübergänge zur Türkei kontrollieren, einen wichtigen Abschnitt der Strasse entlang der Grenze sowie ein grosses Gebiet zwischen Mosul und den Vororten von Aleppo dazugewinnen.

Wie erklären Sie die enorme Widerstandskraft des IS?
Es ist die tödliche Mischung von religiösem Fanatismus und militärischer Erfahrung. Dabei stammt die militärische Kompetenz nur zum Teil von den Generälen und hohen Offizieren der früheren Armee von Saddam Hussein, die sich dem IS angeschlossen haben. Oder von den in seinen Reihen kämpfenden Tschetschenen, deren Einheiten übrigens in Kobani die Angriffe leiten sollen. Entscheidend ist wohl vielmehr die Erfahrung, die diese sunnitischen Milizen seit 2003 zunächst im Irak gegen die US-Armee, später die irakische Armee oder jüngst in Syrien gegen die Armee von Assad gewonnen haben. Wer all das überlebt hat, beherrscht sein Metier wahrscheinlich nicht schlecht.

Wie wichtig ist die Unterstützung aus der Türkei?
Lange Zeit konnten die Jihadisten die Grenze frei überschreiten und die Türkei als Rückzugsgebiet nutzen. Die Flugzeuge von Istanbul ins Grenzgebiet waren voll mit bärtigen Männern. Das ist heute nicht mehr so einfach. Seit einem Jahr machen die USA Druck auf Ankara, diesen Verkehr zu unterdrücken. Inzwischen aber sind die Islamisten nicht mehr so dringend darauf angewiesen. Sie kontrollieren ein Gebiet mit 5 bis 6 Millionen Menschen, das ist ein genug grosses Rekrutierungsreservoir.

Wie konnte eine Gefahr wie der IS so lange unentdeckt bleiben?
Nach dem Abzug der Amerikaner aus dem Irak 2011 wandte sich auch die internationale Aufmerksamkeit vom Land ab. Man dachte, das Geschäft sei erledigt. Und übersah dabei, wie die Frustration gerade in der sunnitischen Minderheit unter dem Regime von Premierminister Nouri al-Maliki immer grösser wurde. Die krasse Diskriminierung der Sunniten schuf ein ideales Rekrutierungsumfeld für die Islamisten. Doch der entscheidende Funke sprang aus Syrien über: Die irakischen Sunniten verfolgten mit, wie ihre Glaubensbrüder sich dort gegen das Assad-Regime erhoben und dabei starke Unterstützung aus Saudiarabien und den Golfstaaten erhielten. Das war der Moment, in dem sich der sunnitische Aufstand auch im Irak radikalisierte und die Voraussetzungen für den Aufschwung des IS schuf.

Wäre der IS gestoppt worden durch eine Intervention in Syrien?
Das ist eine naive Vorstellung: Nach den Erfahrungen in Libyen muss man wohl annehmen, dass selbst ein militärischer Eingriff des Westens zum Sturz Assads die Probleme nicht gelöst hätte. Zudem wäre das nicht so leicht zu bewerkstelligen gewesen. Assad hatte und hat mit Russland und dem Iran viel stärkere internationale Unterstützung, als sie Ghadhafi je gehabt hat. Dass man aber nichts getan hat, um den Krieg in Syrien durch einen international vermittelten Waffenstillstand zu stoppen, hat sicher in die Hände des IS gespielt. Der IS ist unter anderem eine religiöse Kriegsmaschine. Im Kampf kann er seine brutale Kraft erst richtig entfalten.

Sie vergleichen den IS mit den faschistischen und nationalsozialistischen Bewegungen in Italien und Deutschland. Was heisst das für Nachbarländer wie Jordanien oder Libanon?
Nichts Gutes: Ich denke, sie unterschätzen die Gefährlichkeit des IS immer noch. Viele Länder in der Region haben die jihadistischen Bewegungen in Syrien mit Geld und Waffen ab 2011 unterstützt. Das kam auch dem IS zugute.

Stimmt der Faschismusvergleich?
Es gibt starke Parallelen: Beim IS handelt es sich um eine Bewegung, die extrem sektiererisch ist, keine andere Wahrheiten zulässt, soziale Unzufriedenheit aufnimmt und Widerstand oder Widerspruch mit brutaler Gewalt unterdrückt. Dazu kommt ein radikaler Antischiitismus, der in gewisser Weise mit dem Antisemitismus vergleichbar ist. Christen oder Jesiden in der Region machen jedenfalls diesen Vergleich.

Was treibt den Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten an?
Es ist ein uralter Konflikt, der immer wieder blutig ausgebrochen ist. Doch was ihn in den letzten 40 Jahren angeheizt hat, ist der radikale Wahabismus, wie er in Saudiarabien gelehrt und von wo er mit grosser finanzieller und medialer Unterstützung in der gesamten muslimischen Welt verbreitet wird. Der Wahabismus hat den moderaten sunnitischen Islam verdrängt. Es ist eine zutiefst sektiererische Form des Islam, feindlich gegenüber Schiiten, Sufis, Jesiden, aber auch allen Nichtmuslimen, wie Christen oder Juden. Die Spannungen im Nahen Osten haben dadurch eine stark religiöse Komponente erhalten.

Hat der US-Einmarsch im Irak diese Spannungen verstärkt, indem neben dem Iran nun ein zweites Land unter schiitische Herrschaft geriet?
Ja, durch den Einmarsch im Irak sind die USA und ihre Partner in diese Auseinandersetzung hineingezogen worden. Sie haben den Konflikt sogar verschärft, weil aus Sicht der Sunniten die Schiiten sich ausländischer Hilfe bedienten, um sie von der Macht zu vertreiben, und sich damit als doppelte Verräter erwiesen.

Ist mit dem Erfolg des IS der «Krieg gegen den Terror» gescheitert?
Ja, das ist ganz offensichtlich. Die Anschläge vom 11. September waren auf die Politik von Saudiarabien und Pakistan zurückzuführen. 15 der 19 Attentäter waren Saudis. Amerikanische Untersuchungen zeigten, dass Geld aus saudischen Quellen die Anschläge finanziert hatte; und Bin Laden selbst stammte aus der saudischen Elite. Unterschlupf hatte er in Afghanistan bei den Taliban gefunden, die wiederum ein Ziehkind des pakistanischen Geheimdienstes waren. Und so führte der Entschluss der USA, sich in ihrem Krieg gegen den Terror nicht auf Pakistan zu konzentrieren, nur dazu, dass sie die Taliban nie besiegen konnten. Und Saudiarabien wurde nie dazu gezwungen, seine enorme finanzielle Unterstützung für radikalislamische Bewegungen und die entsprechende Propaganda im Internet aufzugeben. Auf diese Weise konnte der Krieg gegen den Terror nur scheitern.

Experten sprechen nun von einem neuen 30-jährigen Krieg zwischen Schiiten und Sunniten in der Region. Ist das nicht übertrieben?
Der Vergleich ist in einer wichtigen Hinsicht berechtigt: Im Krieg in Syrien, der nun auch auf den Irak übergegriffen hat, werden wie im 30-jährigen Krieg in Deutschland vor 400 Jahren vier oder fünf Kriege in einem ausgefochten. Es geht einerseits um einen Volksaufstand in Syrien, darin steckt gleichzeitig eine Rebellion der Muslimbrüder gegen das schiitisch-alawitische Regime von Assad, der wiederum Teil ist eines regionalen Konflikts zwischen Schiiten und Sunniten, hinter dem der Iran und Saudiarabien stecken. Schliesslich haben wir es überregional mit einem neuen Kalten Krieg zu tun zwischen Russland, das Assad unterstützt, und den USA. Das macht es so schwierig, diesen Konflikt zu befrieden. Es gibt zu viele Akteure, mit zu vielen divergierenden Interessen.

Ist es unter diesen Umständen denkbar, dass Syrien und der Irak als eigenständige Staaten überleben?
Das ist kaum vorstellbar, nach all dem Blut, das geflossen ist. Was diese Woche geschehen ist, ist bezeichnend: Alle sind auf Kobani fixiert, gleichzeitig hat der IS aber fast alle Städte in der südirakischen Provinz Anbar erobert. Die Offensive startete am 2. Oktober, und der IS steht jetzt vor den Toren Ostbagdads. Und auch hier konnte die irakische Armee – trotz US-Luftunterstützung – den Islamischen Staat nicht stoppen. Es wird sehr schwierig werden, unter diesen Bedingungen den irakischen Staat wieder aufzubauen. Dasselbe gilt für Syrien. Assad wird kaum je das ganze Land wieder ­unter seine Kontrolle bringen.

Und der Islamische Staat? Wird er sich als Staat etablieren?
Das ist bereits der Fall. In den von IS kontrollierten Gebieten wurde eine Verwaltung aufgebaut. Ob dieses Konstrukt halten wird, ist eine andere Frage. Die Jihadisten des IS sind vielleicht am besten mit den Roten Khmer in Kambodscha zu vergleichen: militärisch sehr erfolgreich, aber auch extrem ideologisch und repressiv im Alltag.

Sind die Jihadisten fähig, einen Staat über längere Zeit zu führen?
Nach dem Fall von Mosul im Juni hofften viele im Westen, die sunnitischen Stämme würden die brutale IS-Herrschaft bald abschütteln, wenn man die Regierung in Bagdad austauschen und die Sunniten stärker in die Politik einbinden würde. Doch das war eine Illusion. Zum einen wird man eine solch aggressive und auch paranoide Gruppierung nicht so einfach los. Zum anderen ist die Angst vor den schiitischen Milizen oder der Armee im Irak bei den Sunniten im Moment grösser als jene vor dem IS. Langfristig aber hat auch der IS keine magischen Kräfte, er wird nicht ewig napoleonische Siege erringen. Je mehr er sich festsetzt, die Scharia anwendet, mit brutalen Strafaktionen vorgeht und Frauen herabwürdigt, desto mehr werden die Wut und der Widerstand wachsen. Aber das kann lange dauern.

Was kann der Westen tun?
Vordringlich ist eine Befriedung Syriens: Hier ist der eigentliche Nährboden für den IS mit einem sunnitischen Bevölkerungsanteil von fast 60 Prozent, im Irak sind es nur 20 Prozent. Wenn es gelänge, einen Waffenstillstand zwischen Assad und der Nicht-IS-Opposition herbeizuführen, um die Gewalt zu stoppen, liesse sich der IS bremsen. Doch dazu müssten sich Bashar al-Assad, der Iran, Russland mit den USA, Saudiarabien, der Türkei und allen anderen wichtigen Akteuren in der Region einig werden, dass mit erster Priorität nun der IS gestoppt werden muss.

Bisher ist das nicht der Fall.
Nein, deshalb kann auch Obamas Strategie nicht aufgehen. Wichtige Akteure wie die Türkei oder Saudiarabien wollen den IS nicht wirklich bekämpfen. Das sieht man in Kobani deutlich. Für diese beiden Regionalmächte hat der Sturz Assads erste Priorität. Jene aber, die am Boden gegen die Jihadisten kämpfen, die syrische Armee, die syrischen Kurden, Hizbollah, die irakisch-schiitischen Milizen, werden von den USA auf Distanz gehalten, weil man mit ihnen nicht kooperieren will. So aber können die Luftschläge keine grosse Wirkung zeitigen. Ohne Bodenunterstützung machen sie wenig Sinn.

Wie gefährlich ist der IS für den Westen?
Sehr gefährlich, aber weniger wegen der einzelnen europäischen Kämpfer, die aus der Region in ihre Heimatländer zurückkehren. Was die Organisation so gefährlich macht, ist, dass der IS sehr gut organisiert ist und als Institution funktioniert. Die in Videos verbreiteten Köpfungen von westlichen Geiseln wurden von oben angeordnet. Das sind keine individuellen Entscheidungen von durchgedrehten Jihadisten. Sollte der IS im Westen Anschläge planen, werden das gezielte, sehr gut vorbe­reitete und organisierte Attacken sein. Diese Terrororganisation ist sehr viel disziplinierter, grösser und gefährlicher als selbst das Terrornetzwerk ­al-Qaida von Osama Bin Laden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.10.2014, 06:54 Uhr

Der Journalist und Nahostexperte Patrick Cockburn hat in Zürich auf Einladung von Christian Solidarity International sein neues Buch vorgestellt: «The Jihadis Return: ISIS and the New Sunni Uprising».

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Porträt General John Allen, Seite 9

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