Interview

«Der Mann hat zwar einen Bart, aber keinen allzu langen»

Die syrische Opposition hat eine neue Führung. Was die im Ausland gewählten Leute den Rebellen vor Ort bedeuten, und ob ein baldiges Ende des Konflikts näher gerückt ist, sagt der Syrien-Experte Heiko Wimmen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die syrische Auslandsopposition hat sich auf eine neue gemeinsame Führung geeinigt. Die USA bezeichnen es als einen Meilenstein im Syrienkonflikt. Teilen Sie diese Auffassung?
Es ist zumindest ein Schritt in die richtige Richtung. Die Opposition hat einen Versuch unternommen, Pluralität im Nationalkongress zu ermöglichen. Der Kongress war ja zum Schluss deutlich zusammengeschrumpft und in der Kritik, weil er eben nicht inklusiv genug sei. Er war von den Muslimbrüdern dominiert worden. Jetzt hat man eine Menge Leute an Bord genommen, die eine andere Farbe haben. Ich sehe auch auf der Website von Aktivisten in Syrien, mit denen ich in Kontakt stehe, viel Positives. Die Frage ist, inwieweit diese Organisation mit denen zusammenarbeiten kann, die vor Ort sind, ich denke da vor allem an die militärisch aktiven Akteure.

Die Freie Syrische Armee?
Also, ob es die Freie Syrische Armee als eine klare transparente Struktur mit klaren Verantwortlichkeiten gibt, das wage ich zu bezweifeln. Die Frage ist, wie es der neuen Organisation gelingt, mit diesen Gruppen zusammenzuarbeiten, im Idealfall so, dass zivile Strukturen Kontrolle über militärische haben, und nicht umgekehrt.

Die Opposition ist ja in sich zerstritten. Im Ausland haben sich ein paar Akteure formiert. Das bedeutet aber nicht, dass die Leute im Inland dann auch auf Kurs sind.
Das heisst es natürlich nicht automatisch. Aber die Ausgangslage hat sich deutlich verbessert. Wir haben jetzt einen gewählten Präsidenten, Ahmad Mouaz al-Khatib. Ein Mann mit einem religiösen Hintergrund, aber moderat, weltoffen – so wird er jedenfalls präsentiert. Seine Wahl soll gleichermassen das religiös orientierte Milieu zufriedenstellen, aber auch bei den säkularen und den nicht sunnitischen Minderheiten Vertrauen schaffen. Der Mann hat zwar einen Bart, aber keinen allzu langen. Optisch kann man ihn zeigen.

Was weiss man sonst über ihn?
Er war lange Prediger in der Umayyaden-Moschee in Damaskus, der ältesten Moschee der Stadt. Er gilt als offen für andere politische Richtungen. Er war bis vor drei Monaten noch in Syrien. Das verbessert die Chancen, dass er mit Leuten vor Ort kommunizieren kann. Man hat daneben Leute anderer Schattierungen gewählt. Man hat Riad Seif gewählt, eine Integrationsfigur mit grosser Glaubwürdigkeit, ein Mann, der lange im Gefängnis war. Man hat mit Suhair al-Atassi eine Frau gewählt, die eine gewisse Glaubwürdigkeit hat als säkulare, linke Aktivistin. Man bemüht sich schon sehr, ein breites und differenziertes Bild zu geben.

Und wie lautet die Kritik?
Natürlich gibt es auf Seiten der Opposition im Lande selbst Gruppen, die alles mit Skepsis sehen, was aus dem Ausland kommt, und die noch mit grösserer Skepsis sehen, dass die USA sich da so eindeutig und vehement eingesetzt haben. Die Kritik wird sein, dass das eine Sache ist, die im Ausland gekocht wird unter dem Lead der USA und der Golfaraber, und dass man da nicht mitziehen soll. Entscheidend wird sein, wie die Leute an der Front und hinter der Front das aufnehmen, und da wird es erst einmal positiv aufgenommen. Das war allerdings auch so, als der Nationalkongress gegründet wurde. Die Begeisterung ist da sehr schnell abgeflaut.

Die USA haben verlauten lassen, dass sie mit der neuen Organisation zusammenarbeiten wollen. Offiziell humanitär. Was ist damit gemeint?
Offiziell bleibt man im humanitären Bereich und in der sogenannt «non lethal assistance». Es gibt ja eine Menge Dinge, mit denen man niemanden umbringen kann und die trotzdem einer militärischen Formation nützlich sein können, wie Kommunikationsgeräte und dergleichen. Eine andere Variante könnte sein, dass man Finanzmittel zur Verfügung stellt, aber keine Waffen. Die Rollenverteilung, die zurzeit vorherrscht, ist, dass aus den USA erst einmal technische und diplomatische Schützenhilfe kommt und die schwieriger zu vertretenden Dinge aus der Region kommen.

Also aus den Golfstaaten und der Türkei
Ja, wobei auch hier vieles auf Hörensagen basiert. Wenn die finanzielle Hilfe da ist, sind Waffen an vielen Orten erhältlich. Ich bin mir auch nicht sicher, dass die Türkei ungerührt zusehen würde, wenn da schweres Gerät über ihr Territorium verschoben würde. Was da an der Grenze passiert, ist äusserst komplex und einiges davon macht auch den Türken Sorgen.

Der Konflikt dauert mittlerweile über ein Jahr, hat geschätzte 36'000 Tote gefordert. Bashar al-Assads Macht scheint ungebrochen. Gestern wurden Bilder publiziert, wie er den neuen Botschafter im Iran bestellt. Kämpft die Opposition nicht gegen Windmühlen?
Bislang war es so, dass man tatsächlich sagen konnte, es gibt keinen glaubwürdigen Gegenentwurf zum Regime Assad. Was es da gab an Vertretern der Opposition, war ein Trauerspiel und konnte niemandem viel Hoffnung einflössen, dass diese Leute das Land führen können, wenn das Regime stürzt. Selbst wenn Assad geht, haben wir ein Land, in dem tiefe Gräben ausgehoben worden sind. Wir haben militärische Formationen und vielleicht Reste des Regimes, die weiterkämpfen wollen.

Und die vielzitierten Extremisten?
Die haben wir schon. Die Frage ist, wie viele es sind, und wie man sie isolieren und entwaffnen kann. Wenn man die Situation verbessert und eine Gruppe hat, die ein Mass von Legitimität gewinnt, der sich auch die militärische Opposition nicht entziehen kann. Wenn man die Staaten, aus denen die Hilfe kommt, wie die Golfstaaten, dazu verpflichten kann, eine der militärischen Struktur übergeordnete zivile Struktur mitzutragen. Wenn all das gelingt, verbessern sich die Aussichten sicherlich.

In den letzten Tagen waren immer wieder Scharmützel an den Grenzen ein Thema. Wie gefährlich ist die Lage an der Grenze?
Es gibt viele Grenzen, die Situation ist an jeder Grenze anders.

An der Grenze zur Türkei?
An einem grossen Teil der Grenze sind die Leute, die auf der türkischen Seite leben, keine Türken, sondern Araber. Alawiten, die mit der Freien Syrischen Armee und den Rebellen ihre Probleme haben und die zum Teil mit dem Regime sympathisieren. An anderen Teilen der Grenze haben wir Kurden auf der türkischen Seite der Grenze, die mit der syrischen Variante der PKK sympathisieren. Dies sind beides relativ gefährliche Mengenlagen, und ich glaube, Herr Erdogan wäre sehr gut beraten, weiter deeskalierend unterwegs zu sein.

Die Situation an der Grenze zu Jordanien?
Die Jordanier haben Probleme mit den Flüchtlingen. Die Regierung fühlte sich verpflichtet, zu kommunizieren, dass die Rebellen Jordanien nicht als Rückzugsraum benutzen. Es gibt immer wieder Meldungen, dass im Süden Syriens Jihadisten jordanischer Herkunft auf den Märtyrerlisten stehen.

Irak, Libanon?
Die Stämme im Irak und auf der syrischen Seite sind zum Teil eng verwandt und verflochten. Die Anzahl der Anschläge im Irak ist wieder gestiegen in den letzten Monaten. Im Libanon gibt es grosse Probleme mit Flüchtlingen. Das Land ist ohnehin in einer permanenten Zerreissprobe. Gestern gab es in Sidon Schiessereien zwischen der Hizbollah und Sunniten. Vor zwei Wochen gab es den Anschlag auf den Geheimdienstoffizier Wissam al-Hassan. Die Situation ist im Libanon und im Irak am gefährlichsten.

Und was ist mit Israel? Soeben erst gab es einen Zwischenfall.
Man könnte natürlich ein ganz wildes Szenario aufbauen, in welchem Assad zur Ablenkung von seinen inneren Problemen einen Angriff auf Israel anordnen könnte, aber das halte ich für abwegig. Er hat nicht die militärischen Mittel zur Verfügung, mehr anzufachen als ein Strohfeuer, und die internationale Stimmung würde in einer Weise kippen, dass eine militärische Operation in den Bereich des Akzeptablen tritt.

In Kairo treffen sich morgen die Aussenminister der Arabischen Liga und der EU. Syrien ist ein dominierendes Thema. Was ist von diesen Ländern zu erwarten?
Ich glaube nicht, dass die eine Zauberformel finden können. Wenn es die geben würde, hätte sich die schon jemand ausgedacht. Am Horizont wartet ein libysches Szenario. Wenn es den Rebellen gelingt, Gebiete in Nordsyrien zu konsolidieren, und mit der anerkannten Oppositionsführung, ist man dieser einen Schritt näher. Dann wäre die Unterstützung der Arabischen Liga für einen solchen Schritt eine wichtige Trumpfkarte in internationalen Gremien. Ich denke, das stellen sich manche so vor. Wobei, es ist ja nicht allein das russisch-chinesische Doppelveto, das zwischen uns und einer Lösung des Konflikts von aussen steht. Die hohen Risiken, die mit einer Intervention existieren, bleiben ja bestehen.

Die Zivilbevölkerung Syriens muss sich also noch auf Monate, wenn nicht Jahre weiteren Leidens gefasst machen.
Das ist zu befürchten, und es könnte auch noch schlimmer kommen. Mir ist nicht klar, inwieweit Assad all die Truppen, die in seinem Namen unterwegs sind, noch wirklich kontrolliert. In dem Masse, wie dem Regime durch die Sanktionen und die darbende Wirtschaft das Geld ausgeht, werden sich diese Truppen selber versorgen, durch Kriegssteuern, Plünderungen, Erpressungen. Je mehr sie das tun, umso weniger kann man sie noch kontrollieren. Man kann sich auch noch viel schlimmere Szenarien vorstellen: Das Gleiche könnte auch im Oppositionslager passieren, wenn es nicht gelingt, die Ressourcenströme zu bündeln und klare Strukturen und Verantwortlichkeiten herzustellen.

Erstellt: 12.11.2012, 17:31 Uhr

«Ich glaube nicht, dass die eine Zauberformel finden können»: Heiko Wimmen, Syrien-Experte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin.

Artikel zum Thema

Israel feuert auf Ziele in Syrien

Als Vergeltung für einen Granateinschlag auf israelischem Territorium hat die Armee zurückgeschossen und «direkte Treffer» gemacht. Auch an der Grenze zur Türkei bleibt die Lage explosiv. Mehr...

Assads unverschämtes Glück

Analyse «In Syrien herrscht kein Bürgerkrieg», sagt der syrische Staatschef. Er profitiert davon, dass seine Gegner so zerstritten bleiben, wie sie es vom ersten Tag an waren. Mehr...

«Ich muss in Syrien leben und sterben»

Der syrische Machthaber Bashar al-Assad lehnt den Gang ins Exil weiterhin ab. Der Preis für eine Intervention in seinem Land wäre «höher, als es sich die Welt leisten kann», sagte er im Interview. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kampf gegen das Aussichtslose: In Kalifornien versuchen die Feuerwehrleute immer noch das Ausmass der Buschfeuer einzugrenzen. (11. Oktober 2019)
(Bild: David Swanson) Mehr...