Der Nachfolger

Der Ägypter Ayman al-Zawahri, lange Jahre Bin Ladens Vize, übernimmt vermutlich bald die Führung von al-Qaida. Ein ehemaliger islamistischer Zellengenosse erinnert sich.

Osama Bin Ladens Stellvertreter: Ayman al-Zawahri auf einer undatierten Aufnahme, die im April 2006 im Internet veröffentlicht worden war.

Osama Bin Ladens Stellvertreter: Ayman al-Zawahri auf einer undatierten Aufnahme, die im April 2006 im Internet veröffentlicht worden war. Bild: AP

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Ayman al-Zawahri, der demnächst an die Spitze von al-Qaida rücken wird und damit zum neuen Feind Nummer eins für den Westen avanciert, hat Abud al-Zumur zur Entlassung aus dem Gefängnis gratuliert. Vor ein paar Wochen, im Fernsehen, bei seiner Ansprache zur arabischen Revolution und zu Libyen. Aus alter Freundschaft. In Erinnerung an die gemeinsame Zeit im Tora-Gefängnis in Kairo. Zawahri hat Zumur Mut gemacht, weiter für die gemeinsame islamistische Sache zu kämpfen. Dabei stehen der Bin-Laden-Vize Zawahri und der Präsidentenattentäter Zumur für eine Grundsatzentscheidung, welche die arabischen Islamisten nach dem Ausbruch des Volksaufstandes treffen müssen: Sind Bomben noch das geeignete Mittel, um ihre Ziele zu erreichen?

Es gebe keinen grösseren Gegensatz als jenen zwischen der friedlichen Forderung nach Demokratie, wie sie auf dem Tahrir-Platz durchgesetzt wurde, so der britische Aussenminister William Hague in Kairo, und «dem destruktiven und mörderischen Weg al-Qaidas».

Gewalt als einzige Wahl

Vor 30 Jahren war es auch Abud al-Zumurs Weg. Heute ist der Islamist ein grossväterlicher Mittsechziger mit Rübezahlbart, der in den Polstermöbeln seiner Kairoer Wohnung im Schatten einer Moschee Tee serviert. Damals war er Mitte 30, offiziell Geheimdienstoffizier, insgeheim aber Kopf der militanten islamistischen Organisation Gamaa al-Islamiya. Und er hasste den Präsidenten Anwar al-Sadat, der Frieden mit Israel geschlossen hatte, der den Islamismus bekämpfte, der das Recht zu herrschen verwirkt hatte. Ein Ungläubiger: «Es gab keine freien Wahlen in Ägypten, keine Medien wie al-Jazeera, die über unsere Ziele hätten berichten können: Uns blieb keine Wahl», sagt Zumur.

Am 6. Oktober 1981 zogen bei einer Militärparade Kampfflugzeuge bunte Rauchwolken über Präsident Sadat, als vier Soldaten aus einem Wagen sprangen und das Feuer aus automatischen Waffen eröffneten. Sadat starb unter den ersten Schüssen. Die Munition hatte Abud al-Zumur besorgt. Er bekam lebenslänglich; kurz darauf wurde bei einer der Razzien auch Zawahri verhaftet – der Arzt aus dem Kairoer Stadtteil Maadi. Drei Jahre vegetierten sie in einem Gefängnis. «Zawahri war ernst, bescheiden, prinzipientreu. Nach dem Attentat auf Sadat hat er sogar gesagt, nun sei es genug mit der Gewalt», sagt Zumur: «Er ist kein Teufel.» Zumur erstritt sich vor Gericht Bücher, Zeitungen, Fernseher für seine Zelle; seine Frau brachte ihm Selbstgekochtes. Zawahri aber wurde schwer gefoltert. Als er nach seiner Entlassung erneut nach Afghanistan reiste, wo er zum Vize Bin Ladens aufstieg, war er radikaler denn je: Al-Qaida, so sieht das der Journalist Lawrence Wright, ist auch in den Verliessen Ägyptens entstanden.

Innenminister als Zellennachbar

Zumur ging einen anderen Weg, obwohl er noch immer ein betonharter Salafist, Anhänger eines ursprünglichen wortgetreuen Islam, ist, der die ägyptische Öffentlichkeit vor kurzem mit schariagestützten Handabhack-Vorschlägen schockierte. Er hat der Gewalt abgeschworen, so wie die Gamaa al-Islamiya insgesamt, auch wenn eine Splittergruppe 1997 noch einen Anschlag mit Dutzenden von Toten am Hatschepsut-Tempel in Luxor verübte. Ein Irrtum, sagt Zumur: «Die Touristen waren unsere Gäste; sie hatten uns nichts getan.»

Eigentlich hätte er im Oktober 2001 aus der Haft entlassen werden sollen. Aber davor lag der 11. September. Der ägyptische Innenminister Habib el-Adly verlängerte die Haft Jahr für Jahr, bot ihm die Entlassung im Tausch für politische Abstinenz an. Zumur lehnte ab. Und dann, im Februar, fegte der Volksaufstand den Sadat-Nachfolger Hosni Mubarak fort; der Innenminister sass plötzlich in der Zelle nebenan, und Zumur wurde – mit Tausenden anderen politischen Gefangenen, die meisten Islamisten wie er selbst – entlassen. Dass er seine Freiheit ausgerechnet westlich orientierten, Facebook-fixierten Jungen und Mädchen verdankt, dass sie in gemeinsamen Zeltlagern erstritten hatten, was Bomben nicht geschafft hatten: Ägypten den Weg zur Demokratie zu ebnen, begrüsst Zumur enthusiatisch, gibt sich tolerant und demokratisch, auch wenn er einen Christen oder eine Frau als Präsident für unvorstellbar hält: «Das Volk entscheidet, aber wenn dies geschehen sollte, wechseln wir eben das Volk aus», sagt er gut gelaunt. Die Muslimbrüder wollen mit einer eigenen Partei in die Wahl ziehen. Die Salafisten zerstören Sufi-Schreine und halfen, den Rücktritt eines christlichen Gouverneurs im oberägyptischen Qena zu erzwingen. Zumur gilt als Präsidentschaftskandidat, auch wenn er eisern dementiert: Im nachrevolutionären Ägypten haben Islamisten wie er andere Mittel als Gewehre.

Globaler Anspruch

Könnte einer wie Zumur al-Qaida überzeugen, die Waffen niederzulegen? «Zawahri kämpft gegen die amerikanische Besatzung im Irak, in Afghanistan, in Palästina. Da hilft kein gewaltfreier Widerstand», sagt Zumur vage. Bin Laden ist für ihn ein Märtyrer, für die radikalislamische Hamas im Gazastreifen «ein arabischer Krieger». Dabei stehen auch die Hamas-Radikalen für Militanz in nationalistischer Sache – so wie einst das Sadat-Attentat. Al-Qaidas Anspruch auf ein islamistisches Kalifat aber ist in letzter Konsequenz global. Und dagegen hilft keine nationale Revolution.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.05.2011, 23:25 Uhr

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Bange Blicke in die Wüste

Al-Qaida hält im islamischen Maghreb vier französische Geiseln fest. Rächen sich Bin Ladens Gefährten? Frankreich blickt in diesen Stunden mit Sorge nach Mali. Wahrscheinlich dort, im Norden des afrikanischen Landes, irgendwo zwischen Sahara und Sahelzone, werden seit letztem September vier Mitarbeiter des französischen Nuklearunternehmens Areva von einer Gruppe festgehalten, die sich als Filiale von Osama Bin Ladens Netzwerk in Nordafrika bezeichnet: al-Qaida im islamischen Maghreb (AQMI). Die französischen Medien zitierten gestern anonyme Quellen aus Mali, die in die Verhandlungen über eine mögliche Freilassung der Geiseln verwickelt sind: «Der Tod Bin Ladens bedeutet schlechte News für die Geiseln», hiess es, «nun wird es hart. Unter den Leuten von AQMI gibt es welche, die im direkten Kontakt mit Bin Laden und dessen Entourage standen. Und die werden die Verhandlungen jetzt erschweren.»

Was niemand offen sagt: In Paris ist das Bangen gross, dass AQMI Rache an der Ermordung Bin Ladens üben könnte – mit der Ermordung der vier französischen Geiseln. Es wäre eine einfache Racheaktion – einfacher jedenfalls als ein Terroranschlag im Westen. Konkrete Indizien dafür gab es zunächst keine. Es wäre aber nicht das erste Mal, dass die Organisation Geiseln hinrichtet. Seit 2007 zeichnet AQMI unter diesem Namen. Sie geht aus der Salafistengruppe für Predigt und Kampf (GSPC) hervor, die ihrerseits 1999 aus einer Splittergruppe der algerischen Groupes Islamiques Armés (GIA) entstanden war. AQMI hat im Ländereck zwischen Algerien, Mauretanien, Mali und Niger wohl etwa 1000 Kämpfer unter Waffen, die sich in diesem nur schwer kontrollierbaren und unübersichtlichen Wüstengebiet mit Schmuggel, Lösegeldern für Geiseln aus dem Westen sowie mit dem Sicherungsdienst für den internationalen Drogenhandel finanzieren.

Bemüht ums Copyright

Rekrutiert wurden ihre Mitglieder unter anderem aus den Rängen alteingesessener Schmugglerbanden und unter arbeitslosen, ideologisch leicht beeinflussbaren jungen Menschen der Region. AQMI kann sich offenbar auch auf die logistische Hilfe von Tuareg stützen, die die Wüste am besten kennen. Am Lockgeld mangelt es nicht: Man geht davon aus, dass die Entführerbande bei früheren Geiselnahmen jedes Mal mehrere Millionen Dollar erpressen konnte.

Von allen Filialen des Terrors, die sich von Bin Laden inspirieren liessen, ist AQMI die einzige, die sich aktiv um das Recht auf den Namen al-Qaida bemühte, als handle es sich um ein erstrebenswertes Copyright. Doch wie eng sie auch organisatorisch und operationell mit dem Saudi verbunden war, ist ungewiss. Konkrete Verbindungen sind unwahrscheinlich. AQMI gilt unter Terrorexperten vielmehr als eines der besten Beispiele dafür, wie schwach Bin Ladens tatsächlicher operationeller Einfluss selbst auf die Jihadisten dieser Welt war, die sich direkt auf ihn beriefen. Die Terroristen hängen einer Idee an, weniger einer zentralistischen Organisation, und sie verehrten Bin Laden wie einen Guru, nicht wie einen Heerführer. Der AQMI-Chef, der 42-jährige Algerier Abdelmalek Droukdal, ein studierter Ingenieur, kleidet sich denn auch wie einst Bin Laden. Und er trägt auf einem Bild, das die «New York Times» vor einigen Jahren von ihm zeigte, den Bart so lang, wie ihn Bin Laden trug. Für Droukdal dürfte der Terrorfürst nun zum Märtyrer mutieren, dessen Tod gerächt gehört. (om.)


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