Der Profiteur ist Syriens Diktator Assad

Donald Trump hat in Syrien ein Desaster angerichtet. Dass die Türkei einen Waffenstillstand akzeptiert, ändert daran wenig.

Er hat gute Zeiten, wenn Donald Trump ein Chaos veranstaltet: Der syrische Diktator Bashar al-Assad. Foto: Andre Pain (EPA)

Er hat gute Zeiten, wenn Donald Trump ein Chaos veranstaltet: Der syrische Diktator Bashar al-Assad. Foto: Andre Pain (EPA)

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So einig waren sich Amerika und die Türkei selten. Ankara feiert einen «Sieg» in Syrien, und Donald Trump feiert sich selbst. «Härte und Liebe» gegenüber der Türkei hätten diesen «unkonventionellen diplomatischen Erfolg» ermöglicht, jubelt der US-Präsident. In Wahrheit aber war es wohl die Angst vor dem, was sie da gemeinsam im Norden Syriens angerichtet haben, die Washingtons hochrangige Emissäre eilends nach Ankara trieb und die Türken in einen vorläufigen Waffenstillstand einwilligen liess.

Es war schliesslich der von Trump persönlich befohlene US-Truppenrückzug aus der Region, der dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan den Freibrief für den Angriff gab. Schon in den ersten Tagen der Militäroffensive waren in Syrien wieder Zehntausende auf der Flucht, es gab viele Tote und Verletzte, und dies auf beiden Seiten der türkisch-syrischen Grenze.

Dass die von Amerika im Stich und sich selbst überlassene syrische Kurdenmiliz YPG auch auf türkisches Gebiet zurückschiessen würde, hatte Ankara wohl irgendwie nicht bedacht. Die Türkei konnte ihre eigene Bevölkerung nicht schützen, auch in den türkischen Grenzstädten ergriffen die Menschen die Flucht.

Der Diktator in Damaskus will keine Truppen auf seinem Boden dulden

Als die ersten Gefangenen der Terrormiliz Islamischer Staat in dem Kugelhagel die Gunst der Stunde nutzten und sich davonmachten, wirkte dies wie eine Sturmwarnung, nicht nur in Washington, sondern auch in Moskau. In Ankara dürfte es ebenfalls einigen Leuten bange geworden sein, schliesslich hat es in der Türkei in der Vergangenheit verheerende Anschläge des IS gegeben.

Dann kündigten die syrischen Kurden auch noch offiziell ihre Verantwortung für alle IS-Häftlinge auf, weil sie sich selbst zu verteidigen hätten. Spätestens da musste allen klar sein, welches Chaos nur neun Tage Krieg in Nordsyrien angerichtet hatten.

Gegen die Angst hilft gewöhnlich lautes Singen. Deshalb wird die Einigung von Ankara nun bejubelt. Nur, was haben US-Vizepräsident Mike Pence und Erdogan wirklich in den viereinhalb Stunden am Verhandlungstisch in Ankara erreicht? Die Waffen sollen für 120 Stunden schweigen, das ist uneingeschränkt zu begrüssen, weil es den Menschen auf beiden Seiten der Grenze eine Atempause gibt. Amerika und die Türkei aber haben ihren Deal ohne den Diktator in Damaskus gemacht, der am Donnerstag noch einmal klargemacht hat, dass er keine türkischen Truppen auf syrischem Territorium dulden will.

Die Türkei wird eine Verständigung mit den Kurden finden müssen, und zwar schnell.

Die Türkei möchte jedoch immer noch ein Gebiet zur «Schutzzone» unter ihrer Kontrolle machen, das grösser ist als der Libanon. Sie will dort ein bis zwei Millionen Flüchtlinge ansiedeln, die jetzt noch in der Türkei leben. Dabei dürfte sie sich künftig auf die Zustimmung Amerikas berufen. Die syrischen Kurden aber sagen, die Abmachung gelte nur für ein viel kleineres Territorium. Wer wird am Ende recht behalten? Es gibt noch weit mehr Luftlöcher in der Vereinbarung.

Die USA und die Türkei versprechen darin eine gemeinsame Bekämpfung des IS, aber wie soll das gehen? Werden die US-Truppen ihren Abzug aus der Region absagen? Nur was machen sie dann dort ohne ihre kurdischen Fusstruppen?

Die haben die Seiten gewechselt und sich zum Selbstschutz Damaskus unterstellt. Wenn es also einen Sieger gibt, dann ist es der Diktator Bashar al-Assad. Wie er diesen Vorteil nutzen wird – gegen den Erzfeind Türkei –, ist noch offen. Für die Türkei aber bedeutet das: Sie wird eine Verständigung mit den Kurden finden müssen, und zwar schnell, auch für ihren inneren Frieden, bevor sich neue Fronten auftun.

Nun dürfte der Traum von einer politischen Autonomie in Syrien für die Kurden wieder ausgeträumt sein.

Kein Zufall war es wohl, dass in Ankara am Donnerstag sozusagen parallel noch mit einem anderen Gast verhandelt wurde. Während Pence und US-Aussenminister Mike Pompeo im Palast bei Erdogan sassen, sprach einer der engsten Vertrauten des türkischen Präsidenten mit dem russischen Syrien-Beauftragten und sorgte dafür, dass dies auch bekannt wurde. Am kommenden Dienstag wird Erdogan zu Wladimir Putin nach Sotschi reisen.

Russland ist nicht erst seit dem US-Abzug der wichtigste Akteur in Syrien. Ohne russischen und iranischen Beistand wäre Assad längst nicht mehr an der Macht. Ob aus der amerikanisch-türkischen Vereinbarung mehr wird als nur eine fünftägige Atempause, hängt auch davon ab, wie Moskau seinen Einfluss nutzt.

Zu den Verlierern des Machtpokers zählen schon jetzt wieder einmal die Kurden. Assad hatte ihnen einst ein grosses Gebiet in Nordsyrien überlassen. Die Kurden sollten im Bürgerkrieg einen Puffer zur Türkei bilden, die syrische Rebellentruppen ausbildete und sie gegen den Diktator in den Kampf schickte. Nun dürfte der Traum von einer politischen Autonomie in Syrien für die Kurden wieder ausgeträumt sein.

Erstellt: 19.10.2019, 17:19 Uhr

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