Der Schuhwerfer von Bagdad ist zurück

Die Attacke auf US-Präsident George W. Bush machte Muntaser al-Saidi weltberühmt. Nach Jahren im Exil kandidiert er nun fürs irakische Parlament.

Legendärer Angriff: Der irakische Journalist Muntazer al-Zaidi bewarf 2008 US-Präsident George W. Bush mit einem Paar Schuhe. Video: AFP/Tamedia

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«Na und? Was soll mit dem Typen sein, der mit seinen Schuhen nach mir warf?» US-Präsident George W. Bush reagierte gelassen, als er Ende 2008 bei einer Medienkonferenz in Bagdad von einem einheimischen Journalisten mit Schuhen beworfen worden war. «Das ist wie bei einer politischen Veranstaltung, wo Leute einen beschimpfen», sagte Bush. Die Medienkonferenz ging weiter, nachdem der Schuhwerfer abgeführt worden war. «Das ist ein Abschiedskuss, du Hund», hatte der Mann gerufen. «Dies ist von den Witwen, Waisen und allen, die im Irak getötet worden sind.»

Beim Schuhwerfer von Bagdad handelte es sich um den Journalisten Muntaser al-Saidi, der für den TV-Sender al-Baghdadia an der Medienkonferenz teilgenommen hatte. Die Protestaktion gegen Bush machte den irakischen Journalisten weltberühmt, in der arabischen Welt wurde er sogar als Held gefeiert. Er erhielt Geldspenden und andere Geschenke, ebenso Heiratsanträge. In Tikrit, der Heimatstadt von Saddam Hussein, wurde der Aktion ein Denkmal gewidmet: ein drei Meter langer Schuh aus Kupfer. Der Schuhwurf brachte dem Nationalhelden Saidi aber auch eine Gefängnisstrafe von drei Jahren ein. Und er soll auch gefoltert worden sein, wie er später berichtete.

Wegen guter Führung konnte Saidi das Gefängnis bereits nach knapp einem Jahr verlassen. Dann wurde es ruhig um ihn. Er setzte sich ins Ausland ab. Und er engagierte sich in einer von ihm gegründeten und nach ihm benannten Stiftung, die sich für Kinder einsetzt, deren Eltern während des Irakkriegs ums Leben gekommen waren.

Vision eines säkularen Irak: Muntaser al-Saidi, Parlamentskandidat in Bagdad. Foto: AFP

Nach Jahren im Exil, zuletzt in Beirut, ist Saidi, inzwischen 39 Jahre alt, vor einem Monat nach Bagdad zurückgekehrt. Und er hat politische Ambitionen. Der frühere TV-Journalist kandidiert bei den irakischen Parlamentswahlen am kommenden 12. Mai, wie die «Washington Post» berichtet.

Schuhe wurden nach Prozess vernichtet

Für die 328 Parlamentssitze bewerben sich über 7000 Kandidaten aus mehr als 200 Parteien und Gruppierungen. Bei der Wahl geht es darum, ob die pro-iranischen Schiiten oder die eher pro-westlichen Kräfte die Oberhand gewinnen. Beim Urnengang dürfte der Politik-Neuling von seiner Bekanntheit als Schuhwerfer profitieren. Seine symbolträchtigen Schuhe kann Saidi für seine Kampagne jedoch nicht verwenden. Sie sollen nach dem Prozess gegen ihn von Sicherheitskräften entsorgt worden sein.

In das Parlament einziehen will Saidi, «weil es meinem Land viel schlechter geht als noch vor zehn Jahren», wie er in einem «Spiegel»-Interview erklärt. Die Sicherheitslage sei schlecht und die Politik korrupt. Unsere Regierung ist ein Spielball der Nachbarstaaten Iran und Saudiarabien, klagt Saidi. «Vor allem der Iran hat überall seine Finger im Spiel und immer das letzte Wort.» Seine Kandidatur versteht Saidi als Kampf gegen die iranische Einmischung im Irak, aber auch für einen säkularen Irak. «Der Einfluss der Religion auf Politik und Gesellschaft ist Gift für unser Land.»

Der Irak-Politik von Bush kann Saidi bis heute nichts Positives abgewinnen. «Die US-Invasion und die folgende Besatzung haben uns eine Million Tote gebracht, aber weder Freiheit noch Demokratie», ärgert sich Saidi. Bush ist für ihn ein Verbrecher, den er am liebsten hinter Gittern sähe. Würde sich eine Gelegenheit bieten, würde Saidi Bush erneut mit seinen Schuhen bewerfen. «Natürlich würde ich das wieder tun.» (vin)

Erstellt: 04.05.2018, 17:54 Uhr

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