Der Staat im Staat zersetzt den Staat

Die pakistanischen Taliban töten Kinder, sie erpressen Schutzgelder und kontrollieren Transportgeschäfte. Sie sind Terrorgruppe und zugleich Wirtschaftsmafia.

Die Wände sind mit Einschusslöchern übersät: Medienvertreter besichtigen die Armeeschule in Peshawar, die von der Taliban überfallen wurde. Foto: AFP

Die Wände sind mit Einschusslöchern übersät: Medienvertreter besichtigen die Armeeschule in Peshawar, die von der Taliban überfallen wurde. Foto: AFP

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Trauer, Wut und ein stechendes Gefühl der Ohnmacht beherrschen den Tag nach dem Massaker. Oft schon haben verheerende Terrorattacken den Staat Pakistan erschüttert. Aber am Dienstag haben die Taliban so viele Menschen getötet wie bei keinem einzelnen Anschlag zuvor. Ein schwer bewaffnetes und gut vorbereitetes Selbstmordkommando stürmte eine Armeeschule in Peshawar und ermordete 141 Menschen. Fast alle Opfer waren Schüler.

Die Gewalt kennt kaum noch Grenzen an dieser Terrorfront. Viele geschockte Pakistaner werden einmal mehr rätseln, wie es nun um ihre Zukunft steht, wenn schon die mächtigste Institution im Land, das Militär, nicht einmal mehr seine eigenen Offizierskinder schützen kann.

Diese Zweifel wollen die Taliban mit den Attacken fördern. Sie möchten, dass der Staat verwundbar erscheint, damit sich alle wegducken und den Radikalen ohne grossen Widerstand das Feld überlassen.

Paradoxerweise könnte aber gerade dieser besonders abscheuliche Angriff auf die Schule ein Indiz dafür sein, dass die Taliban unter grösseren Druck geraten sind als all die Jahre zuvor. Pakistan hat seit einem Jahr einen neuen Armeechef. Raheel Sharif zeigt sich weit entschlossener, die Aufständischen im Grenzgebiet zu Afghanistan zu bekämpfen, als seine Vorgänger. Und das Militär hat seine Strategie gegenüber früheren Offensiven weiterent­wickelt, es führt nun häufiger auch Schläge aus der Luft.

Schüler schon lange ein Ziel

Wie sehr die Offensive die Aufständischen tatsächlich schwächt, ist indes schwer zu beurteilen, weil unabhängige Beobachter keinen freien Zugang in die Kampfgebiete bekommen. Offenbar aber haben die Taliban kein anderes Mittel dagegen, als in den Städten Pakistans Vergeltung zu üben. Dafür sind sie immer noch stark genug.

Auf Schüler zielen die Taliban schon länger, zu den Zielen gehörte auch die Kinderrechtlerin Malala, die vor zwei Jahren nur knapp einen Anschlag überlebte. Neu ist allein das Ausmass der gegen Kinder gerichteten Gewalt. In der Armee könnte sich nach dem Massaker die Erkenntnis festigen, dass der Staat nur dann zu retten ist, wenn er die militanten Netzwerke konsequent weiter bekämpft. Zwar gibt es immer noch Überlegungen, wie man die Gotteskrieger vielleicht wieder einbinden könnte, etwa um durch deren Verbindungen Einfluss auf die Entwicklungen im benachbarten Afghanistan zu nehmen. Dort fürchtet sich Pakistan vor einem wachsenden Einfluss der Inder; Islamabad möchte nicht von zwei Seiten in die Zange genommen werden.

Aber keiner weiss, ob Pakistan diese radikalisierten Netzwerke überhaupt noch effektiv für eigene Zwecke steuern könnte. Längst haben sich die Taliban zu einem Kraken ausgewachsen, der den Staat selbst zu strangulieren versucht. Sie erpressen in den Städten Karachi und Peshawar Schutzgelder, sie kontrollieren Transportgeschäfte, sie sind Wirtschaftsmafia und Terrorgruppe zugleich. Ein solcher Staat im Staate, der noch dazu vor keiner Grausamkeit zurückschreckt, zersetzt den Staat.

Der Kampf gegen diese Kräfte ist langwierig, und er geht weit über militärische Offensiven in den Stammesgebieten hinaus. Denn den Nähr­boden für den Terror bereiten noch immer die radikalen Ideologien, die in zahlreichen Koranschulen und Moscheen verbreitet werden. In diesen Kreisen lassen sich immer neue Aufständische rekrutieren, die den bestehenden Staat und die Verfassung zum Einsturz bringen wollen.

Diktator säte den Hass

Die Islamisierung Pakistans hat besonders der einstige Diktator Zia ul-Haq vorangetrieben, seine Politik förderte den Fundamentalismus, die Intoleranz und den Hass auf Minderheiten. In diesem Klima konnten sich militante Extremisten viel leichter Raum verschaffen als anderswo, ihr Einfluss reicht heute weit hinein ins pakistanische Establishment. Auch das macht es schwer, diese Kräfte nun wieder loszuwerden.

Erstellt: 17.12.2014, 19:28 Uhr

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