Irak-Konflikt

Der Traum des kurdischen Forrest Gump

Die Geschichte eines irakischen Lampenflickers, der aus Versehen den IS-Terroristen in die Hände fiel.

Peshmerga-Stellung im Nordirak. Noch nie schien ein Staat Kurdistan so realisierbar wie jetzt. Foto: Ivor Pricket (Panos)

Peshmerga-Stellung im Nordirak. Noch nie schien ein Staat Kurdistan so realisierbar wie jetzt. Foto: Ivor Pricket (Panos)

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Der neue Nachbar hat sich zügig eingerichtet. Hat Bürgermeister ernannt und Direktoren für Strom und Gesundheit. Gibt Nummernschilder und Reisepässe heraus. Zahlt pünktlich alle Gehälter. Kurdistans neuer Nachbar besitzt Land und eine Armee, er ist ein Staat, und er will bleiben: Er ist das Kalifat.

Das klingt nicht so schön. Vor allem hier im kurdischen Makhmur. Da ist der Nachbar nämlich vorbeigekommen eines Nachts Anfang August. Makhmur ist ein Kaff, 50 Kilometer südwestlich von Arbil, der Hauptstadt der autonomen Kurdenregion im Norden des Irak. Im Ort konzentriert sich alles auf einen winzigen Platz mit Moschee und teppichgrossem Park und bescheidenem Basar.

Abu Ali hat die Jihadis

Aber heute sind die Läden verrammelt, Fassaden durchlöchert oder verschmort und die Strassen ausgestorben. Ein paar Männer lungern im Eis- und Kebabladen. Doch, doch, viele Familien seien zurückgekehrt, sagen sie, aber keinem sei nach Einkaufsbummel. Der IS war hier, der Islamische Staat, das Kalifat von nebenan. Das war ein Riesenschock. Dabei hat Abu Ali Hussein vorgemacht, dass man mit dieser Bedrohung auch anders umgehen kann. Abu Ali ist der Mann, der den IS überlebt hat, präziser: Er hat die Jihadis verschlafen.

Schuld daran waren «Hassan und Naima» oder die Klimaanlage, aber vielleicht baut Abu Ali auch nur ein bisschen ab, schliesslich ist er schon mindestens 61. Jedenfalls liebt er alte ägyptische Romanzen, und «Hassan und Naima» ist eine der berühmtesten, also hatte er sich vor dem Fernseher eingerichtet. Der Ton war laut, aber nicht zu laut: «Ich bin ja kein Barbar.» Gut, draussen fielen im Laufe des Nachmittags Gewehrschüsse, auch grössere Kaliber. Die Killer vom Kalifat waren nicht weit, das wusste er, aber es gab ja noch die kurdischen Kämpfer, die Peshmerga. Abu Ali fühlte sich sicher. Und: «Seit dem Krieg mit dem Iran kenne ich keine Furcht mehr.»

Abu Ali ist eine Jahrhundertfigur. Nicht äusserlich. Da sieht man eine unscheinbare, etwas abgerissene Gestalt mit dunklen Zähnen und Muttermal. Abu Ali repariert Uhren und Lampen, damit macht man kein Vermögen. Er hat einen verrückten Bruder, sonst keine ­Familie oder wie er sagt: «No Madam.» Aber wenn er englische, deutsche und spanische Brocken in seine Erzählung einstreut, ohne ein Wort zu verstehen, wenn er in immer neuen, wahnsinnigen Windungen von den Tagen mit der Terrortruppe erzählt, als wäre es ein lustiger Kartentrick, dann erkennt man den weisen Narren, der in diesem Krieg wie in jedem Krieg von Schweijk bis Forrest Gump nicht Opfer und Tod und dumpfes Heldentum feiert, sondern: das Leben.

Auch Jihadis brauchen Klolicht

Und dies ist seine Geschichte: Bei «Hassan und Naima» und dem Gebrumm der Klimaanlage fiel er in tiefen Schlaf. Als er aufwachte, war es kurz vor dem Abendgebet. Der Muezzin der Moschee war schon vor Tagen geflohen, also stieg Abu Ali mit seinem Gebetsteppich in den Hof, um in der Garage zu beten. Da plötzlich hörte er den Ruf vom Minarett, klar und rein wie nie zuvor. «Vielleicht ein Freiwilliger», sagte er sich begeistert, eilte auf die Strasse Richtung Moschee – und stolperte in die Arme der Männer vom Kalifat. Was ihm entgangen war: Der IS hatte die Stadt erobert. Alle waren fort. Er war der letzte Bewohner.

So entspannte sich folgender Dialog: Jihadis: «Hände hoch.» – Abu Ali: «Meine Hände sind oben.» – Jihadis: «Bist du ein Störenfried?» – Abu Ali: «Ich bin ein armer Hund.» – Jihadis: «Gehörst du zu Barzani», dem Präsidenten des irdischen Autonomiegebietes? – Abu Ali: «Ich gehöre Gott.»

Vorsorglich fügte er noch hinzu, dass er Lampen repariere und dieses Kabuff da drüben sein Laden sei, er könne das beweisen, er habe ja den Schlüssel, woraufhin ihn die misstrauischen Bärtigen zum Beweis den Laden aufschliessen liessen. An der Wand erblickten sie das Bild eines Mannes mit Teerlocken und Halbmeterbart – feinster Jihadi-Style. Frage, plötzlich neugierig: Wer das sei? – «Ich als junger Mann.»

Das Beste kommt noch

Damit hatte Abu Ali die ersten zehn Minuten überlebt. Und immer noch keine Angst? Der Alte macht eine unübersetzbare Geste, in der Todesverachtung und Überlebenskunst, Demut und Grössenwahn liegen und die unter anderem ausdrücken soll: Das Beste kommt ja noch. Denn dann nahmen ihn die Jihadis mit zur Moschee. 25 Mann standen davor, 25 drinnen, mehr Details zu Waffen, Autos, Nationalitäten hat sich Abu Ali leider nicht merken können.

In der Moschee präsentierte man ihn dem Anführer als letzten verbliebenen Einwohner der Stadt und schritt zum Gebet. Dafür aber mussten sich die Eroberer erst mal waschen und nach all dem Schiessen war auf der Moscheetoilette das Licht ausgefallen, sodass sie – hier nimmt das Ganze Tarantino-hafte Qualität an – Abu Ali baten, ob er nicht schnell «im Namen Gottes ...», er sei schliesslich vom Fach. Abu Ali zierte sich logischerweise nicht lange, reparierte das Klolicht und liess sich danach zum Gebet in die erste Reihe schieben.

Wieder erhob der Imam seine klare und reine Stimme, sodass Abu Ali schwärmt, so etwas Wunderbares habe er wirklich in seinem Leben nicht gehört. Danach umarmten und küssten die Männer den Geistlichen der Reihe nach, und Abu Ali stellte sich an und umarmte ihn auch, küsste den Mörder. «Es ging um mein Leben», sagt er: «Wir Kurden haben ein Sprichwort: In der Stadt der Blinden hältst du dir die Augen zu.»

Stadt explodiert am fünften Tag

Vielleicht war es dieses Knutschen unter Männern, vielleicht Abu Alis überwältigende Harmlosigkeit, jedenfalls fragte ihn der Imam nach seinen Wünschen. Und Abu Ali, raffiniert, entgegnete in aller Bescheidenheit: Respekt. Woraufhin der Halsabschneider beschied: «Wer dich beleidigt, dem hacke ich die Hand ab.» Danach schlich Abu Ali nach Hause, wo er die nächsten vier Tage blieb, viel betete, über sein verrücktes Schicksal nachgrübelte, sich die Flasche Wasser und das Brot einteilte, die alles waren, was er hatte.

Dann brach der fünfte Tag an und die Stadt explodierte. Schüsse, Gefechte, Geschrei. Abu Ali, diesmal schlauer, rührte sich nicht aus dem Haus. Erst als er kurdische Stimmen auf dem Dach hörte, stieg er hinauf, sah kurdische Kämpfer, fiel ihnen in die Arme, lachte und weinte. Als die Peshmerga die Dimension der Rettung begriffen, feuerten sie Jubelsalven ab. Er habe sich wie neugeboren gefühlt, sagt Abu Ali. Damit endet die Geschichte von Abu Ali, den die Jungs im Eis- und Kebabladen halb belächelt, halb beneidet und sicherheitshalber mit dem Handy gefilmt haben.

Die Geschichte von Makhmur beginnt erst, denn was hier geschehen ist, betrifft Kurdistan, den Irak, die Region, Amerika und Europa. Es bleibt nämlich die Frage, warum Abu Ali und viele andere die Peshmerga so überschätzt haben. Und weshalb die irakisch-kurdischen Kämpfer überhaupt von den Terroristen vertrieben werden konnten. Mahmur ist ja kein Einzelfall. Andere Flüchtlinge, zum Beispiel die Jesiden aus Sinjar, fluchen, die Peshmerga hätten beim Ansturm der Fanatiker «keinen einzigen Schuss abgegeben», sie seien einfach davongestürzt – was so gar nicht zu ihrem furchterregenden Ruf passt.

Umbau zu regulärer Armee

Politiker in Arbil, der Hauptstadt der autonomen Kurdenregion im Nordirak, geben darauf meist eine Antwort: Den irakischen Peshmerga fehlen anständige Waffen. Sowjetisches Gerät sei 2003 im Kampf mit der irakischen Armee erbeutet worden, kein Vergleich zu den schönen amerikanischen Geschützen, die der IS zum Beispiel bei der Plünderung der Waffenlager von Mosul Ende Juni bekam. Die Zentralregierung in Bagdad, so klagt beispielsweise Peshmerga-Minister Qader Mustafa, habe Kurdistan nie erlaubt, neues Gerät anzuschaffen.

Doch Mustafa lässt auch noch anderes durchblicken: Er habe begonnen, die Truppe umzuorganisieren, vom alten Peshmerga-Stil für den Kampf in den Bergen in eine reguläre Armee: «Aber der Prozess ist langsam.» Der Minister selbst ist erst ein paar Monate im Amt, nicht alle Mitarbeiter sind von seinen Plänen begeistert. Die älteren Kämpfer sind unter ihren prächtigen Bauchgurten etwas mollig geworden, die Jungen haben keine Kampferfahrung. Zudem setzt sich die politische Spaltung in zwei grosse Parteien unter den Kämpfern fort: «Wenn Barzani, Kurdenpräsident und Oberbefehlshaber, dem einen Teil das Vorrücken befiehlt, ziehen sich die anderen Einheiten zurück», beschreibt es ein Kurde.

Misstrauen gegenüber PKK

Damit aber kommt eine Kraft ins Spiel, der Europa, Amerika und die irakischen Kurden herzlich misstrauen: die PKK. Die Kurdische Arbeiterpartei ist teils Sekte, teils Miliz, teils ethnomarxistische Bewegung. Sie stammt aus der Türkei, aber hat unter anderem Ableger im Iran und in Syrien. Seit sie mit Ankara Friedensgespräche führt, sind Tausende PKK-Kämpfer in den Irak abgezogen, vor allem in die Kandilberge im Nordosten. Von dort kamen sie nach Makhmur, als der Ort vom IS bedroht wurde, genauer: das Flüchtlingslager. Seit gut 15 Jahren lebten auf der Anhöhe neben der Stadt 3000 kurdische Familien aus der Türkei, die dem Krieg in ihrer Heimat entkommen wollten. Nun hat der IS sie wieder entwurzelt: Die staubigen Baracken schmoren verlassen in der Sonne. Ab und zu rollen Autos die Strasse hinab, beladen mit Möbeln und Decken: Sie fliehen – wieder.

Dafür hält Dr. Mahsum die Stellung. Mahsum, bleigraue Bürste und blitzende Augen, war vor dem IS-Sturm Direktor des Lagers, heute ist er Ausbilder für Freiwillige. Er empfängt in einem kahlen Büro: Plastikstühle, Plastikblumen, zwei Bilder von PKK-Chef Abdullah Öcalan, eine Million Fliegen. Durch die Verstärkung aus den Bergen seien heute dreimal mehr PKK-Kämpfer in Makhmur als vorher, sagt Dr. Mahsum und stellt gleich mal klar: Ohne die PKK wäre der Ort heute noch in den Klauen der Gottes­krieger.

Als der Angriff begann, habe man die irakischen Kameraden um Waffen gebeten, aber keine bekommen, sich schliesslich eigene besorgt, «gekauft», sagt er. Anschliessend, so seine Version, hätten seine Männer alle Hände voll zu tun gehabt, die irakischen Kurden an der De­ser­tion zu hindern. Man habe ihnen regelrecht den Weg abschneiden und sie zum – letztlich vergeblichen – Kampf mit dem IS zwingen müssen: «Sie hatten die Waffen, aber nicht das Herz. Wenn man das Herz hat, gelingt das Unmögliche.»

Immerhin, gibt Dr. Mahsum zu, die Rückeroberung Makhmurs, über die sich Abu Ali Hussein so gefreut hat, sei eine Gemeinschaftsleistung von irakischen und türkischen Kurden gewesen: «Sie kamen von der Strasse, wir vom Berg.» Heute passe kein Blatt Papier mehr zwischen beide Truppen. Kontrollposten werden gemeinsam besetzt, aus Arbil kam der irakische Kurdenpräsident Barzani zu einem ersten Besuch bei der PKK: «Endlich haben wir gute Beziehungen.» PKK-Kämpfer kommen regelrecht ins Schwärmen: Nie seien die chronisch verfeindeten Kurdengruppen so einig gewesen wie heute – nie waren wir einem freien Kurdistan so nah.

Die Frage militärischer Verdienste der verschiedenen Kurden-Einheiten ist – wie stets – nur schwer zu klären. Ganz sicher aber haben Ankara und Washington durch die neue Allianz ein Problem. In der Türkei, Amerika und Europa gilt die PKK als Terrororganisation. Wer die Kurden im Irak aufrüstet, bewaffnet konsequenterweise irgendwann auch die PKK. Schon jetzt ist es eine feine Ironie des Anti-Terror-Kampfes, dass Amerika der Terrororganisation PKK Luftunterstützung gegen die Terrororganisation IS gibt.

Hofft er, Dr. Mahsum, auf Waffen aus Amerika? Da lächelt er abgründig, lässt die Mausaugen blitzen und gibt einen kleinen Überblick über das Leiden der Kurden in den letzten 100 Jahren: Dass die Kurden mit, so sagt er, «50 Millionen» das «grösste Volk ohne eigenen Staat» seien, in den 20er-Jahren mit europäischer Hilfe zerrissen und auf vier Staaten verteilt wurden, dass Europa und Amerika den irakischen Völkermorden an den Kurden zugesehen habe, dass die PKK ein Produkt der Verzweiflung und der Entwurzelung sei und dass er keine Ahnung habe, ob ihn je amerikanische Waffen erreichen und ob ihn das überhaupt interessiert. Immerhin dies: «Es wird Zeit, dass Europa und Amerika ihre Haltung zur PKK überdenken.»

Erstellt: 17.08.2014, 21:36 Uhr

Eine Jahrhundertfigur: Lampenflicker Abu Ali Hussein.

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