Der US-Diplomat, der Pakistan ins Wanken bringt

Raymond Davis handelte schnell, als ihn in Lahore zwei Männer verfolgten: Er zückte seine Waffe und schoss die beiden nieder. Nun droht deswegen die pakistanische Regierung auseinanderzubrechen.

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Der Vorfall könnte einem Hollywood-Streifen entnommen worden sein: Ende Januar merkte der US-Diplomat Raymond Davis, dass er in Lahore, der zweitgrössten Stadt Pakistans, von zwei Männern verfolgt wurde. Zwei Stunden lang hefteten sie sich mit einem Motorrad an seine Fersen. Was den Amerikaner besonders beunruhigte: Die beiden Männer waren bewaffnet. Auf einer belebten Strassenkreuzung entschloss sich Davis schliesslich zu handeln: Er zückte seine Waffe und feuerte sieben Schüsse ab. Offenbar ist Davis ein guter Schütze: Keiner der Schüsse verfehlte das Ziel, die beiden Männer waren sofort tot.

So beschreibt zumindest das amerikanische Nachrichtenmagazin «Time» die Situation. Auf die Schüsse folgte die politische Affäre. Kaum hatte Davis seine Waffe abgefeuert, rief er telefonisch Unterstützung herbei. Kurz darauf raste ein Wagen mit unbekannten Insassen herbei, das Auto streifte einen Pakistani und tötete diesen. Davis Helfern gelang es jedoch nicht, ihren Kollegen in Sicherheit zu bringen, sie flüchteten. Der Diplomat wurde festgenommen. In Haft sagte er aus, er habe in Notwehr gehandelt, zudem berief er sich auf seine diplomatische Immunität.

Opposition schlachtet den Vorfall aus

Seit zwei Wochen ist nun der Amerikaner hinter Gittern, und in dieser Zeit nahmen die Spannungen zwischen Washington und Islamabad zu. Die Pakistani sagten ein Treffen mit US-Aussenministerin Hillary Clinton ab. Offenbar überlegt sich der pakistanische Präsident Asif Ali Zardari sogar, einen Gipfel zwischen Pakistan, den USA und dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai platzen zu lassen, der Ende Monat stattfinden soll.

Innenpolitisch steht Zardari unter Druck: Das Volk fordert einen Prozess gegen Davis. Der bisher unbekannte Diplomat ist zum Symbol für den Anti-Amerikanismus geworden, der unter den Pakistani verbreitet ist. Nun steckt die pakistanische Regierung in der Zwickmühle. Der Druck der Amerikaner, die auf Raymond Davis' diplomatische Immunität pochen, sei riesig, sagt ein pakistanischer Offizieller gegenüber «Time». «Aber der Druck in Pakistan, von Seiten der Armee und der Öffentlichkeit, ist ebenfalls riesig.»

Am liebsten würde Zardaris Regierung Davis laufen lassen. Doch die Ermittlungen sind in den Händen der Provinzbehörden von Punjab, und diese Region wird ausgerechnet von der Opposition des ehemaligen Premierministers Nawaz Sharif regiert. Die Opposition will nun aus dem Vorfall politisch Kapital schlagen und die Ermittlungen keinesfalls einstellen. Die lokalen Medien giessen zudem eifrig Öl ins Feuer, besonders nachdem die Witwe des einen getöteten Verfolgers Selbstmord begangen hat – angeblich aus Verzweiflung darüber, dass der Mörder ihres Mannes straffrei davonkommen könnte. Tausende von Menschen demonstrierten auf der Strasse gegen die USA.

Der Diplomat, ein Spion?

Neueste Enthüllungen des pakistanischen Militärs erhöhen den Druck: Davis sei kein gewöhnlicher Diplomat, heisst es. Seine Waffenfertigkeit, seine ausserordentlichen Sprachkenntnisse sowie Dokumente, die man ihm abgenommen habe, würden darauf hindeuten, dass es sich möglicherweise um einen CIA-Agenten handle. Auch seine Verfolger sollen keine gewöhnlichen Männer gewesen sein, sondern Mitglieder des pakistanischen Geheimdienstes. Sie waren offenbar damit beauftragt worden, Davis zu beschatten. Denn dieser wollte angeblich in die Bergregion Waziristan reisen und sich dort mit Kontaktpersonen treffen, welche der Armee nicht genehm sind. Offenbar handelt es sich dabei um militante Gruppen.

Die pakistanische Regierungs-Quelle, die das Nachrichtenmagazin «Time» nicht mit Namen zitiert, befürchtet nun, dass die Affäre das Ende der Ära Zardari einläuten könnte. Wenn Davis verurteilt werde, habe dies verheerende Auswirkungen auf die Beziehungen zu den USA – und damit auch auf die pakistanische Wirtschaft, der ständig die Hyperinflation drohe, sagt der Mann. Die pakistanische Regierung würde wohl mit der Wirtschaft fallen. Aber wenn die Behörden den waffengewandten US-Diplomaten ziehen lassen würde, drohe ihr dasselbe Verdikt. Innenpolitisch könne sie dann dem Druck längerfristig nicht standhalten. (miw)

Erstellt: 10.02.2011, 17:39 Uhr

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