Analyse

Der falsche Mythos vom weissen Helfer

Ein Hilfswerk aus den USA will mit einer Internetkampagne den ugandischen Kriegsverbrecher Joseph Kony hinter Gitter bringen. In Afrika reagieren viele entsetzt.

Ist mittlerweile berühmt: Joseph Kony (links) mit Vize Vincent Otti im Jahr 2006.

Ist mittlerweile berühmt: Joseph Kony (links) mit Vize Vincent Otti im Jahr 2006. Bild: Stuart Price/Keystone

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Die ansteckendste virale Kampagne der Weltgeschichte – der innerhalb von zehn Tagen von fast 100 Millionen Menschen im Internet gesehene Film «Kony 2012» – hat ihren passenden Höhepunkt gefunden.

Ende vergangener Woche wurde Filmemacher Jason Russell von der Polizei auf einer Strasse in San Diego aufgegriffen, wo sich der Hersteller der 30-minütigen «Dokumentation» über den ugandischen Rebellenchef Joseph Kony splitternackt und masturbierend erschreckten Verkehrsteilnehmern präsentierte. Der 33-jährige Mitbegründer der US-Hilfsorganisation Invisible Children fiel offenbar einer seelischen Krise zum Opfer: «Er hat den ungeheuren Druck nicht ausgehalten», gab der Direktor des Hilfswerks, Ben Keesey, bekannt.

Weisse Überheblichkeit

Nun sollte eine solche emotionale Kernschmelze eigentlich Mitgefühl erwecken – hätte der christliche Kampagnenführer seinen Kollaps nicht mutwillig selbst herbeigeführt. Denn die «Unsichtbaren Kinder» hatten die Lawine, von der sie nun verschüttet werden, nicht nur absichtlich losgetreten, indem sie Riesen der sozialen Netzwerke wie Oprah Winfrey, George Clooney und Justin Bieber vor ihren Karren spannten: Russell hatte sich und seine Familie ausserdem ganz bewusst zu Protagonisten der Kampagne gemacht.

Um sämtliche Gefühlsregister ziehen zu können, setzte der Autor seinen dreijährigen Sohn Gavin ein: ein Trick, dessen sich Propagandisten aller Couleur schon seit ewigen Zeiten bedienen. Gavin wird in simplen Tönen eingebläut, um was für einen bösen Buben es sich bei dem Rebellenchef Kony handle – und wie stolz der Knirps darauf sein könne, dass sich sein Vater die Ausradierung des Bösen auf die Fahne geschrieben habe.

Der wohl verräterischste Augenblick im Streifen ist eine kurze Sequenz, in dem das Söhnchen haucht, dass es später genau wie Daddy sein wolle. «Seht mich an, wie toll ich bin», ist die heimliche Botschaft des Films, an dem der Autor nun zu zerbrechen droht.

Proteste in Norduganda

Die offizielle Botschaft ist nur geringfügig anders: Wir Amerikaner müssen die Welt retten, lautet sie. Das personifizierte Böse in Gestalt von Kony sei nur mithilfe der US-Streitkräfte aus der Welt zu schaffen, dekretiert Russell und weckte damit die Kritik zahlloser Afrikaner. Dahinter verberge sich nicht nur die bedauernswerte Militarisierung der westlichen Afrika-Politik, meint die ugandische Journalistin Rosebell Kagumire: Auf diese Weise werde auch der Mythos fortgeschrieben, dass nur bleichhäutige Helfer und Soldaten den Kontinent retten könnten – «weil wir Afrikaner ja unfähig sind, den Karren aus dem Dreck zu ziehen».

Eine nuancierte Analyse hätte die anstössige Tatsache, dass Kony selbst nach über zwei Jahrzehnten Jagd seitens des ugandischen Militärs nicht gefasst wurde, verständlich machen können: Doch auf diese Weise lassen sich weder weltrekordbrechende Kampagnen führen noch Organisationskassen füllen.

Öffentliche Vorführungen des Films mussten in Ugandas Norden, Schauplatz von Konys Gräueltaten, jüngst abgebrochen werden, weil wütende Zuschauer Steine auf die Leinwand warfen. Erbost waren sie nicht nur über einige – zweifellos absichtliche – Verzerrungen, wie den im Film erzeugten Eindruck, dass Kony noch in Uganda operiere und dort rund 30'000 Kindersoldaten unter Waffen halte: In Wahrheit wurde der blutrünstige Rebellenchef längst in den Dschungel der Nachbarstaaten Kongo und Zentralafrikanische Republik abgedrängt, wo er höchstens noch von 300 Getreuen unterstützt wird. Die ugandischen Zuschauer hatten die Botschaft «Helft ihnen beim Aufbau» erwartet und stattdessen den in ihren Ohren zynisch klingenden Slogan «Macht Kony berühmt» gehört. Doch eine amerikanisch geführte globale Kampagne hat eben ihre eigenen Gesetze.

Koste es, was es wolle

Stellt sich die Frage, wem die Kampagne eigentlich nützt. Offenbar nicht den einstigen Opfern in Ugandas Norden, die Steine auf die Leinwand werfen. Auch nicht den künftigen Opfern des falschen Messias: Kony hat schon viele militärische Offensiven im Dschungel versteckt überlebt, nur um noch grausamer zuzuschlagen. «Die Lösung ist eben nicht, die Lord’s-Resistance-Armee zu zerschlagen, sondern sie in die Gesellschaft zu integrieren», meint der ugandische Politologe Mahmood Mamdani: Dem aber habe sich sowohl Ugandas Regierung wie auch das Militär stets widersetzt – Erstere brauchte einen Sündenbock für eigene Mängel, Letztere einen Grund für erhöhte Budgets.

Die Kampagne der «Unsichtbaren Kinder» sei nicht nur vereinfachend und naiv, meint Uganda-Experte Alex de Waal: Ihr Ruf nach einer militärischen Lösung stürze die ganze Region in Gefahr. Trotzdem bleibt Ben Keesey auch nach dem Zusammenbruch seines Freundes dabei: «Unsere Mission ist zu gross, um sie abzubrechen», sagt der Chef von Invisible Children: «Wir machen weiter.» Koste es, was es wolle. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.03.2012, 18:34 Uhr

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