Interview

«Der grösste Feind al-Qaidas ist die Globalisierung»

Fazul Abdullah Muhammed ist der dritte Al-Qaida-Drahtzieher, der innerhalb kurzer Zeit getötet wurde. Nahost-Korrespondent Ulrich Tilgner über die Perspektiven der Terrororganisation nach Bin Laden.

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Fazul Abdullah Muhammed ist bereits das dritte hochrangige Al-Qaida-Mitglied, das innerhalb von kurzer Zeit getötet wurde (siehe Box). Weshalb diese Häufung?
Es kann darauf spekuliert werden, dass mehr über die Al-Qaida-Führung bekannt ist, als bisher angenommen. Die USA sind durch die Tötung von Bin Laden möglicherweise zu weiterführenden Erkenntnissen gelangt, was die Aufenthaltsorte anderer wichtiger Drahtzieher betrifft. Der Kampf gegen al-Qaida ist ein verdeckter Krieg. Würden die US-Regierung zu viele Informationen preisgeben, wären die Terrororganisationen vorgewarnt.

Hillary Clinton sprach nach der Tötung von Abdullah Muhammed von einem wichtigen Schlag gegen al-Qaida. Wie einflussreich war Fazul Abdullah Muhammad für die Organisation?
Die Tötung von Abdullah Muahmmed könnte eine gewisse Strahlkraft auf den Jemen haben. In erster Linie war er aber der Anführer von al-Qaida in Ostafrika. Die Führung in Pakistan wird dadurch nicht geschwächt, da sie unabhängig von den einzelnen Teilen, welche die Organisation bilden, operiert.

Gibt es keine Verbindungen zwischen den einzelnen Ablegern?
Die verschiedenen Organisationen operieren als lockeres Netzwerk. Durch weitgehend geheime Kommunikationsabläufe und Abstimmungsmechanismen sind sie miteinander verbunden.

Welcher Ableger übernimmt die Führung?
In Pakistan ist al-Qaida noch immer am stärksten. Auch nach dem Tod von Bin Laden ist anzunehmen, dass die wichtigsten Entscheide dort fallen. Das liegt daran, dass die Organisation in diesem Land immer noch Freiräume geniesst und gerade nahe der pakistanischen Grenze, in den autonomen Stammesgebieten der Paschtunen, weitgehend ungehindert operieren kann.

Wie ist die Situation in Afghanistan?
Dort ist die Organisation bedeutend schwächer. Dies auch weil sie in Afghanistan kaum mit den Taliban zusammenarbeitet, die zwar vom pakistanischen Geheimdienst weitgehend aufgebaut und auch noch heute gesteuert werden, die aber eine fast ausschliesslich auf Afghanistan orientierte Politik betreiben. Ganz im Gegensatz zu Pakistan, wo al-Qaida auch mit den Anschlägen in Verbindung gebracht wird, die von den dortigen Taliban ausgeführt werden. Die pakistanischen Taliban sind heute sogar organisatorisch mit al-Qaida verzahnt.

Nach dem Tod von Osama Bin Laden, kündigte al-Qaida Racheaktionen an. Wie viel war von dieser Vergeltung bisher schon zu spüren?
Eigentlich nicht sonderlich viel. Zwar werden nun regelmässig Bomben- und Selbstmordanschläge verübt, die als Racheaktionen für den Tod von Osama Bin Laden ausgegeben werden. Wie etwa dieses Wochenende, als zwei unmittelbar aufeinander folgenden Bombenanschläge im Nordwesten Pakistans mindestens 35 Menschen töteten. Solche Attentate werden von langer Hand geplant. In der Regel schon Monate zuvor, sprich sogar schon vor der Tötung Bin Ladens. Die sogenannte Rache auf die Tötung des Terrorführers ist lediglich eine neue Etikettierung. Ähnliche Anschläge gab es im selben Ausmass und ähnlicher Häufigkeit schon zuvor – seit mindestens zwei Jahren.

Der Westen spricht gerne vom «Kampf gegen den Terror». Kann dieser überhaupt gewonnen werden?
Der Kampf kann zumindest nicht durch Krieg gewonnen werden. Die sozialen Probleme müssen vor Ort bekämpft werden. Al-Qaida profitiert von der Perspektivlosigkeit der jungen Leute, die sich in ihrer Verzweiflung dem Netzwerk anhängen. Der grösste Feind al-Qaidas ist die Globalisierung. Je weiter diese fortschreitet, desto stärker sehen sich Personen oder Gruppen bedroht und organisieren den Terror, der für sie Widerstand ist. Gleichzeitig erschwert die zunehmende Globalisierung aber auch, dass die Al-Qaida-Führung verdeckt operieren kann.

Wo steht al-Qaida in fünf Jahren?
Sie wird weitere Rückschläge erleiden. Ihre Hoffnung basiert darauf, dass es zu weiteren Eskalationen der Gewalt in verschiedenen Teilen der Islamischen Welt kommt. Etwa ein Krieg im Gebiet des Persischen Golfes. Die al-Qaida profitiert von Chaos.

Ist die Zeit der global operierenden Terrornetzwerke vorbei?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass es künftig eine Gruppierung gibt, die in ähnlichem Ausmass wie al-Qaida operieren kann. Der Terror wird künftig eher durch kleinere Splittergruppen gelenkt, die regional operieren. Was die Situation noch unübersichtlicher macht, jedoch die globale Gefahr verringert.

Können Terrororganisationen wie al-Qaida die aktuellen Aufstände in Nordafrika nutzen, um sich auszubreiten?
Das wird sich erst noch zeigen müssen. Ich denke, bisher haben sie al-Qaida geschwächt. Dies, weil die Revolution den jungen oft arbeitslosen und auch hoffnungslosen Akademikern neue Perspektiven politischer Arbeit bietet und der Sturz der Diktatoren einen gewissen Fortschritt in Gang gesetzt hat, der zeigt, dass gesellschaftliche Änderungen gerade nicht durch Terror erreicht werden können. Es bleibt abzuwarten, ob die Demokratisierung in Ländern wie Ägypten oder Tunesien erfolgreich sein wird und sich dort die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse verbessern.

Erstellt: 12.06.2011, 22:34 Uhr

Fazul Abdullah Mohammed auf einem Fahndungsbild des FBI. (Bild: Keystone )

Ein weiterer Schlag gegen die al-Qaida

Der Tod von Fasul Abdullah Mohammed sei ein «bedeutender Schlag» gegen das Terrornetzwerk, sagte US-Aussenministerin Hillary Clinton gestern während ihrer Afrika-Reise in Tansania. Fasul Abdullah war im Zusammenhang mit den 1998 verübten Attentaten auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania mit 224 Toten von Washington international gesucht worden. Geheimdiensten zufolge wurde durch DNA-Tests die Identität des Getöteten bestätigt. Der mutmassliche Al-Qaida-Führer Fazul Abdullah Muhammed wurde laut somalischen Angaben am vergangenen Dienstag in der Hauptstadt Mogadischu getötet. Er sei mit einem Begleiter erschossen worden, als die Männer auf eine Strassensperre zufuhren und sich weigerten anzuhalten. Somalische Vertreter berichteten, der Pickup-Truck der Männer sei voll mit Medizin, Laptops und Handys gewesen.

Am 2. Mai 2011 musste die Al-Qaida mit dem Tod ihres Anführers Osama bin-Laden einen herben Schlag verkraften. Und anfangs Juni starb der pakistanische Top-Terrorist Mohammad Ilyas Kashmiri bei einem US-Drohnen-Angriff im Grenzgebiet zu Afghanistan. Der 47-Jährige wurde als Nachfolger von Bin Laden gehandelt. (afp)

«Die al-Qaida profitiert von Chaos»: Nahost-Korrespondent Ulrich Tilgner.

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