Der mysteriöse Tod eines Topspions

Der Präsident Ruandas wird mit dem mutmasslichen Mord seines ehemaligen Spionagechefs in Zusammenhang gebracht. Die Gerüchte schüren den alten Konflikt zwischen den Volksgruppen Hutu und Tutsi.

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Der gewaltsame Tod eines ehemaligen ruandischen Geheimdienstchefs rückt den Präsidenten Ruandas, Paul Kagame, in den Fokus von Ermittlungen und Spekulationen. Patrick Karegeya war in der vergangenen Woche tot in einem Hotelzimmer im südafrikanischen Johannesburg aufgefunden worden. Die Polizei ermittelt und vermutet, dass der Mann erdrosselt worden ist.

Karegeyas Weggefährten beschuldigen Kagame, den Mord in Auftrag gegeben zu haben. Grund: Karegeya hätte womöglich beweisen können, dass der derzeitige Präsident massgeblich an der Auslösung des Bürgerkriegs und dem Völkermord in Ruanda vor 20 Jahren beteiligt war. Im Sommer deutete der ehemalige Geheimdienstchef in einem Interview mit dem französischen Radiosender RFI an, er habe Belege dafür, dass Kagame 1994 für den Abschuss eines Flugzeugs verantwortlich gewesen sei, in dem die damaligen Präsidenten Ruandas und Burundis sassen. Beide Politiker gehörten der Volksgruppe der Hutu an. Dem Abschuss folgte ein drei Monate dauernder Bürgerkrieg, der rund 800'000 Angehörigen der Tutsi-Minderheit das Leben kostete.

Tod wird in Kigali nicht kommentiert

Karegeya sagte in dem Interview, er wolle einem französischen Gericht seine Beweise übergeben. Weil die Piloten des abgeschossenen Flugzeugs Franzosen waren, ermittelt die französische Justiz.

In einem 2010 veröffentlichten UNO-Bericht heisst es, Kagame habe sich 1994 gegen einen Waffenstillstand und Friedensgespräche gestemmt, um genug Zeit zu haben, die Hauptstadt Kigali zu erobern. Kagames «Ruandische Patriotische Front» nahm dem Bericht zufolge blutige Rache an Mitgliedern des Hutu-Volks, das in Ruanda die Bevölkerungsmehrheit stellt. Unter anderem wurden Bewohner eines Flüchtlingslagers in Kibeho im April 1995 vor den Augen von australischen und sambischen UNO-Soldaten regelrecht hingerichtet. Verantwortlich für das Massaker soll laut UNO Patrick Karegeya gewesen sein.

In Ruandas Hauptstadt Kigali wird der Tod des ehemaligen Geheimdienstchefs nicht kommentiert. Allerdings sagen Verteidiger am Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda, der von Tansania aus den Völkermord untersucht, dass das lange Wegschauen der internationalen Gemeinschaft zu einer «Siegerjustiz» des Gerichts geführt habe, die jene Massaker ignorierten, für die Kagame verantwortlich sei.

Förderung der Tutsi

Kagame wird vom Westen allgemein als derjenige angesehen, der es schaffte, Ruanda zu befrieden. Aus einem bürgerkiegsgebeutelten armen Land wurde in nur zwanzig Jahren ein Staat, der mit die besten Werte bei Alphabetisierung und Gesundheit in ganz Afrika aufweist. Allerdings ist der Preis hoch: Entstanden ist eine straff organisierte Diktatur, in der Kritiker weggesperrt oder sogar getötet werden, so formulieren es Kagames Kritiker. Nach dem Bürgerkrieg von 1994 übernahm Kagame zunächst das Amt des Vizepräsidenten, seit 2000 ist er Präsident des afrikanischen Binnenlandes.

Kagame richtete Ruanda nach Grossbritannien und USA aus. Ursprünglich wurde als zweite Amtssprache französisch gesprochen, was Kagame änderte: Er machte Englisch zur zweiten offiziellen Sprache, was die Minderheit der gut ausgebildeten Tutsi förderte. Die meisten Hutu-Angehörigen sprechen Französisch.

Rund 85 Prozent der Ruander sind Hutu. Die Rivalität der beiden Volksgruppen ist tief verwurzelt in der Geschichte des Landes. Nach dem Ersten Weltkrieg fiel das Land unter belgische Kolonialverwaltung. Die Belgier förderten nur Tutsi und mehrten damit deren Einfluss. Die von den Belgiern gebilligte Justiz war grausam: Hutu-Rebellen wurden bei lebendigem Leib die Gliedmassen abgeschnitten, eine Praxis, die sich auch bei den Massakern vor zwanzig Jahren wiederholte.

Kritiker aus dem Weg geräumt

Nach dem Ende der Kolonialzeit gewannen Politiker der Hutu die ersten Wahlen im Jahr 1961. Kaum ein Jahr später versuchten Tutsi erneut, sich an die Macht zu putschen, diesmal mit einer Invasion aus dem benachbarten Burundi. Die Hutu antworteten mit nicht minder brutalen Vergeltungsschlägen – auch gegen Tutsi-Zivilisten.

In den vergangenen Jahren des Kagame-Regimes hatten wieder Angehörige der Hutu mehr zu leiden. Vor allem im Jahr 2010, als sich Kagame im Amt bestätigen liess. Die Wahl wird von Menschenrechtsorganisationen als gefälscht angesehen.

Wie unnachgiebig Kagame Kritiker aus dem Weg räumt, musste sein Armeestabschef erfahren: Im Wahljahr fiel General Kayumba Nyamwasa in Ungnade und fürchtet seither um sein Leben. Zwei Mordanschläge überlebte er bereits, von einem steckt ihm noch eine Kugel im Rückgrat. Ein südafrikanisches Gericht untersucht die Anschläge. Nyamwasas Prognose für Ruanda: «Kagame treibt das Land auf den Weg zu einem weiteren Völkermord.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.01.2014, 19:48 Uhr

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