Der unbekannte Nachbar

Keiner mag etwas bemerkt haben. Jetzt aber regen sich die Menschen im pakistanischen Abbottabad auf – viele glauben nicht, dass Osama Bin Laden sich hier versteckt hielt.

Eine Stadt zwischen Gerüchten, Verschwörungstheorien und Wutausbrüchen: Abbottabad im Nordosten Pakistans.

Eine Stadt zwischen Gerüchten, Verschwörungstheorien und Wutausbrüchen: Abbottabad im Nordosten Pakistans. Bild: Keystone

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Das Jamia-College für Frauen wirbt ausgerechnet hier um Studentinnen. Mehr als fünf Meter hoch ist die graue Mauer um das dreistöckige Haus, in dem Osama Bin Laden gelebt hat, darüber ist Stacheldraht gezogen. Unten rechts ist die Reklame samt Internetadresse in der Ecke auf den Beton gepinselt – in blauer Farbe auf weissem Grund.

Neben der Mauer, die das plötzlich berühmt gewordene Anwesen umrundet, fährt ein Truck der Polizei vor. Das rot-blaue Warnlicht blinkt. Die Beamten springen von der Pritsche und gesellen sich zu den Kollegen der Anti-Terror-Einheit. Die Männer haben zwar ihre Waffen gezückt, aber das ist eigentlich nicht nötig. Ausser Dutzenden Journalisten aus aller Welt sind an diesem Abend einige Hundert Einheimische zur Todesstätte des ehemals meistgesuchten Terroristen der Welt gekommen. Weideflächen und bescheidenere Häuser umgeben den Hochsicherheitstrakt. In der Nacht auf Montag landeten hier amerikanische Helikopter mit Navy Seals an Bord. Die Spezialkräfte stürmten das Haus und töteten Bin Laden. Anwohner erzählen, als das Haus vor einigen Jahren gebaut worden sei, sei weit und breit kein Nachbar in Sicht gewesen. Nach und nach sind weitere Gebäude in der von grünen Bergen umgebenen Gegend entstanden. Es hat sich angeblich auch niemand über die Mieter hinter den Mauern gewundert. Beim Bäcker habe ein Mann aus diesem Haus stets acht Brote gekauft, sagt ein Nachbar. Mehr falle ihm zu Bin Laden und seinen Leuten nicht ein. Es sei schliesslich nicht ungewöhnlich, dass man sich keine Gedanken über andere Anwohner mache, erklärt ein anderer Nachbar: «Wir respektieren unsere Privatsphäre.»

Golfspielen im Country-Club

Auf der Wiese gegenüber haben Kinder häufig Cricket gespielt. Ein Junge erzählt: «Wenn der Ball bei diesem Haus über die Mauer geflogen ist, hat ihn uns immer jemand von drinnen zurückgebracht. Bei allen anderen Häusern durften wir ihn selbst holen, nur bei diesem Haus nicht.»

Vor einem der grünen Zufahrtstore, die mit einem rosafarbenen Klebestreifen versiegelt sind, steht ein freundlich lächelnder Polizist. Er wurde an diesen Ort abkommandiert, nachdem das US-Kommando den unbewaffneten Bin Laden mit Kopfschüssen getötet hatte. «Ich wusste erst nicht, was hier geschehen war, wer hier überhaupt gelebt hat», sagt der Polizist, der eigentlich nicht über seine Arbeit sprechen darf. Seitdem schiebt er vor dem Tor Wache, damit niemand die Sperrzone durchbricht – auch wenn ein US-Fernsehsender schon Aufnahmen vom Schlafzimmer Bin Ladens gemacht hat. Er denke nicht weiter über den toten Terrorchef nach, sagt der Beamte und will das Gespräch beenden.

Ausgerechnet in Abbottabad

Dann aber fügt er noch hinzu: «Es ist unangenehm für uns, dass Osama hier gelebt hat. Wir hätten ihn selbst finden müssen, vor allem in Abbottabad.» Abbottabad, die gepflegte Garnisonsstadt, rund 100 Kilometer von der Hauptstadt Islamabad entfernt. 150'000 Menschen leben hier, aber beherrscht wird sie vom pakistanischen Militär. Abbottabad ist bei hochrangigen Militärs sehr beliebt als Alterssitz. Das Klima ist wegen der Höhenlage angenehmer als in der Hauptstadt. An den Klingelschildern steht häufig nicht nur der Name, sondern auch der Dienstgrad. Das Militär betreibt Spitäler, Trainingszentren und sogar eine Musikschule. Das Gras ist in vielen Teilen Abbottabads akkurat gemäht – vor allem im Country-Club, in dem die Offiziere natürlich auch eine Runde Golf spielen können.

Ein frisch gestrichener Panzer steht als Zierde vor einem Armeekomplex. An der Kakul-Strasse befindet sich die Militärakademie, eine Elite-Ausbildungsstätte. Bis zu Bin Ladens Versteck sind es nur gerade 800 Meter. Auf Schildern am Strassenrand stehen simple, sinnstiftende Sprüche wie «Lasst uns Pakistan schön machen» oder «Liebt Pakistan». Vor nicht einmal zwei Wochen hielt Armeechef Ashfaq Parvez Kayani hier eine Rede und erklärte, das Rückgrat der Terroristen sei gebrochen. Wenn westliche Politiker nach Islamabad reisten, wollten sie sich bisher auch immer mit Kayani treffen.

Viele Spekulationen

Sie wissen: Die Armee, die in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder auch den Staatschef gestellt hat, steuert selbst unter einer zivilen Regierung die Aussen- und Sicherheitspolitik des muslimischen Landes. Auf der Kakul-Strasse erzählen die Menschen, wie das Militär die Gegend vor Kayanis Besuch systematisch durchsuchte und an Wohnungstüren klingelte, um die Bewohner auszufragen. Offenbar aber nicht bei den Bin Ladens. Oder doch? Der Terrorchef konnte jedenfalls unbemerkt in einer Stadt leben, die voll ist von Männern in Uniform. Das schürt in Washington das Misstrauen. In Vergessenheit gerät dabei, dass Pakistan in den vergangenen Jahren selbst mehr als 30'000 Zivilisten durch Terroranschläge und Armee-Operationen gegen die Taliban verloren hat und dass es auch zahlreiche hochrangige Terroristen festnahm.Aus Sicht der USA halten Teile des Sicherheitsapparates Kontakt zu Extremisten.

Vor allem, um die Nachkriegsordnung in Afghanistan zu beeinflussen. Dass ausgerechnet der Al-Qaida-Chef darunter gewesen sein könnte, mutet bizarr an, unmöglich aber ist es nicht. Das sehen auch manche Einheimische so. «Es kann nicht sein, dass niemand in unserer Armee oder unserem Geheimdienst wusste, dass Osama in diesem Haus lebte», sagt ein Mann in Abbottabad. Beweise gibt es keine, dafür viele Spekulationen. Allerdings beschäftigt die weniger wohlhabenden Menschen in der Stadt etwas ganz anderes als der getötete Terroristenchef. Das wird nach Einbruch der Dunkelheit deutlich: Dutzende Männer springen plötzlich auf die Strasse, blockieren die Fahrbahn und schreien wütend. Sie demonstrieren für etwas, wofür sie am Tag zehn bis zwölf Stunden verzichten müssen: Strom. Wer sich keinen Dieselgenerator leisten kann, lebt auch in Abbottabad wie in vielen Teilen Pakistans häufig ohne Licht, ohne Klimaanlage, ohne Kühlschrank.

«Reine Inszenierung»

Im ärmeren Teil der Stadt herrscht schon wieder Alltag. Schäfer lotsen eine riesige Schafherde über die Strasse. Die Männer tragen trotz der Wärme einen Pakol, die traditionelle Kopfbedeckung aus Wolle. Auf dem Markt kämpfen die Bananenhändler wie immer in dieser Jahreszeit mit den vielen Fliegen. Die Honigmelonen sind besonders süss, die Tomaten saftig. Afghanische Restaurantbesitzer, die vor mehr als dreissig Jahren aus dem Nachbarland kamen und geblieben sind, preisen ihre Kebabs an. «Osama interessiert mich nicht», sagt einer von ihnen.Unter den Menschen in Abbottabad, die zum Sturm auf Bin Ladens Haus eine Meinung haben, grassieren vor allem Verschwörungstheorien. Pakistaner wie Mansoor Khan sehen sich als Opfer der Amerikaner. Der Kampf gegen den Terror sei eine Erfindung der USA, um das muslimische Land unterdrücken zu können. «Die ganze Angelegenheit mit Osama ist westliche Propaganda», sagt er. Der 25-Jährige ist zum Haus Bin Ladens gekommen, er will sich das Spektakel nicht entgehen lassen, bevor die Sicherheitskräfte die Gegend am Mittwochmorgen wieder weiträumig absperren.

Allerdings glaubt der BWL-Student gar nicht, dass der Terrorchef jemals hier gelebt hat. Die Amerikaner hätten die ganze Aktion nur inszeniert, «um Pakistan schlecht aussehen zu lassen». Um ihn herum stehen mehr als ein Dutzend Männer, sie rufen Khan zu, wie recht er doch habe, als dieser sich in Rage redet: «Es geht doch gar nicht um Terrorismus, es geht darum, den Islam auszuschalten.» Die USA wollten eine dauerhafte Präsenz in der Region etablieren, eine Kunstfigur wie Osama Bin Laden käme ihnen dabei besonders gelegen. Nach den Einsätzen im Irak und in Afghanistan werde nun bald Pakistan angegriffen, ist Khan überzeugt, weil die Amerikaner es nicht ertragen könnten, dass sein Land Atomwaffen besitze. «Warum zeigen sie in Washington nicht seinen toten Körper?», fragt er in bestem Englisch, erwartet aber keine Antwort. Das sei doch Beweis genug für seine Überzeugung, dass Bin Laden gar nicht gestorben sei. Khan steht mit seiner Meinung nicht allein. Nur eine kleine Minderheit der Menschen hier antwortet wie Aman Jadoon: «Es ist zwar schockierend für Abbottabad, aber wenn der Präsident der Vereinigten Staaten bekannt gibt, dass Osama Bin Laden getötet worden ist, wird das wohl auch stimmen.»

«Eine noble Sache»

Grundsätzlich überwiegt der Hass auf die USA, der sich über Jahre hinweg in die pakistanische Gesellschaft gefressen hat. Selbst wenn das Weisse Haus nun schaurige Fotos oder einen Teil des Videos vom toten Bin Laden zeigen sollte: Mohammed Zaid wird nicht von seiner Sicht der Dinge abweichen. «Das war alles Theater», sagt er. Zaid ist auch wütend auf seine Regierung und die Armee. Ausländische Mächte hätten es einfach, sie könnten die Elite seines Landes einfach kaufen. «Sie sind alle korrupt», sagt er. Nun müsse sich das Land der reinen Form des Islam zuwenden, die Scharia einführen – nur so lasse sich die Präsenz der Amerikaner langfristig verhindern. Allerdings ist ihm dabei nicht jedes Mittel recht: «Selbstmordattentate und das Töten Unschuldiger haben nichts mit dem Islam zu tun, sie widersprechen unserer Religion.»

Gegenüber einer Moschee mit weissem Minarett sitzt Imam Abdul Haq in seinem kleinen Laden. Der Geistliche verdient mit dem Verkauf von Chips, Gurken und Seife ein bisschen zusätzliches Geld. «Osama Bin Laden hat für eine noble Sache gekämpft», sagt er. «Wenn ein Mann für die Verteidigung des Islam kämpft, kann er kein Terrorist sein», sagt der 40-Jährige. Was in Amerika erzählt werde, stimme nicht. «Es ist einfach unglaubwürdig, dass er hier gelebt hat», sagt der Imam und lässt eine Gebetskette durch die Finger gleiten. Hier hat fast jeder seine eigene Version dessen, was in der Nacht auf Montag passiert ist. Aus Sicht vieler Menschen haben die Ereignisse wenig mit dem zu tun, was Washington bekannt gibt. Doch zwischen all den Gerüchten, Verschwörungstheorien und Wutausbrüchen lassen sich in Abbottabad auch eindeutige Tatsachen finden: Der Direktor der Jamia-Schule, Iftikhar Ali Shah, kam vor ein paar Jahren auf die Idee, noch ein privates College zu eröffnen. Er beauftragte einen Maler, den Schriftzug schon einmal an 250 Wände im Ort aufzutragen. Solche Werbung ist nicht ungewöhnlich, auch Handybetreiber preisen so ihre Netze an. Gebracht hat die Reklame in Shahs Fall aber nichts: Die Behörden vereitelten seine Pläne. Das Jamia-College, das auf einer Aussenwand des berühmten Hauses von Abbottabad noch immer um Studentinnen wirbt, gibt es nicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.05.2011, 22:40 Uhr

(Bild: TA-Grafik ib)

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