Deutsche Schattenkrieger in Afghanistan

Nicht nur die USA setzen bei der Jagd nach Aufständischen geheime Elitetruppen ein – auch Deutschland tut dies. Nur wenige wissen, welchen Auftrag die Schattenkrieger haben.

Manche von ihnen operieren in einer Schattenwelt: Bundeswehr-Soldat im Mai bei Kunduz in Afghanistan.

Manche von ihnen operieren in einer Schattenwelt: Bundeswehr-Soldat im Mai bei Kunduz in Afghanistan.

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Die Veröffentlichung geheimer US-Militärdokumente hat die verdeckte Jagd der amerikanischen Taskforce 373 (TF373) auf Terror-Verdächtige in Afghanistan ins Rampenlicht gerückt. Immer noch kaum bekannt ist, dass auch eine geheime Bundeswehr-Eliteeinheit am Hindukusch aktiv ist: Die Taskforce 47 (TF47).

Ihre Einsätze sind streng geheim und sie tragen keine Namensschilder. Aber dennoch sind manche der rund 120 Terroristenjäger auf den ersten Blick erkennbar: Mit längeren Bärten und teils gegelten Haaren zeigen sie den «normalen» Soldaten gerne, dass sie sich nicht den Bekleidungsregeln der Bundeswehr unterwerfen müssen.

Das Parlament weiss nicht genau, was sie tun

Schliesslich erhalten die Elitesoldaten für ihre «autonomen Aktionen» ihre Befehle an der üblichen Kommandokette vorbei. Sie operieren quasi in einer Schattenwelt. Nicht einmal die Parlamentarier im Bundestag, die sie eigentlich kontrollieren sollen, wissen so genau, was die Einheit eigentlich tut.

Sicher ist: Die 120 Männer setzen sich unter anderem aus 60 Mitgliedern des Kommandos Spezialkräfte (KSK) zusammen und kooperieren mit Mitarbeitern des deutschen Nachrichtendienstes. Sie machen Jagd auf mutmassliche Aufständische, die auf einer ISAF-Feindesliste stehen. Eigentlich sollen diese nur gefasst werden. Aber die Bundesregierung nimmt in Kauf, dass sie auch getötet werden.

Für durchaus wahrscheinlich halten es Verteidigungsexperten, dass die TF47 dabei auch mit der TF373 zusammenarbeitet. Diese Spezialeinheit nimmt Verdächtige auf der ISAF-Feindesliste nicht nur fest, sondern hat mitunter den konkreten Auftrag, diese zu töten.

Zwei Verdächtige von deutscher Liste bereits tot

Deutschland hat selbst seit Juni 2009 acht mutmassliche Aufständische auf diese streng geheime Liste gesetzt. Zwei von ihnen wurden inzwischen getötet. Das geht aus einem Schreiben des Verteidigungsministeriums hervor, das der Nachrichtenagentur DAPD vorliegt. Die beiden seien «bei Gefechtshandlungen ohne eine Beteiligung deutscher Kräfte zu Tode gekommen», heisst es in einem Brief des Parlamentarischen Staatsekretärs Christian Schmidt von Anfang Juli.

Ausschliesslich afghanische Kräfte hätten einen der mutmasslichen Aufständischen getötet. «In einem anderen Fall wurde eine Person getötet, als sie sich unter Anwendung von Waffengewalt im Verlauf einer von nicht-deutschen Streitkräften unterstützen Operation» der Festnahme widersetzte, schreibt Schmidt weiter. Die anderen sechs Verdächtigen sind demnach weiter zur Fahndung ausgeschrieben.

Ähnliche Aufträge wie TF 373

Aus Sicht des Grünen-Politikers Hans-Christian Ströbele belegt die Zuarbeit der Deutschen an der umstrittenen ISAF-Fahndungsliste eine Verbindung zwischen TF47 und TF373. «Die arbeiten offenbar mit der selben Liste. Und die Aufträge sind sich sehr ähnlich», sagt er. Ströbele geht davon aus, dass der von «nicht-deutschen Streitkräften» Getötete auf das Konto der Amerikaner geht.

So sieht es auch ein Ex-Nachrichtenoffizier der Bundeswehr. «Es ist denkbar, dass die TF373 deutsche Ziele abarbeitet», sagt Marc Lindemann. Der Autor des Buchs «Unter Beschuss: Warum Deutschland in Afghanistan scheitert», war bis April 2009 selbst in dem Land stationiert.

Grüne: «Was tun die?»

Für die Zusammenarbeit von TF47 und TF373, die auch versehentlich Kinder getötet haben soll, gibt es weitere Hinweise. Der Linke-Verteidigungspolitiker Paul Schäfer hält «wechselseitige Unterrichtungen» für denkbar. Aus dem Verteidigungsministerium habe er über eine mögliche Koordination von Spezialeinheiten ausweichende Antworten erhalten. «Irgendwo muss es eine Stelle geben, die die Einheiten koordiniert», sagt er. «Ich fordere, zeitnah über diesen Grauzonenbereich informiert zu werden.»

Auch Omid Nouripour hat Zweifel, ob die TF47 nicht den Amerikaner zugearbeitet hat. Als Mitglied im Verteidigungsausschuss geht er von einer «Vielzahl denkbarer Verquickungen» aus. Er fordert mehr Kontrolle: «Die Koordination kann nicht darin bestehen, dass wir uns vom Acker machen», sagt er. Mit Blick auf die TF373 will er wissen: «Was tun die? Wer gibt die Befehle? Und auf welcher Rechtsgrundlage?»

Der Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums, Christian Dienst, sagte, wenn man Verdächtigen nicht anders habhaft werden könne, sei im Rahmen der Verhältnismässigkeit «auch die gezielte Tötung im Einklang mit dem Völkerecht». Er ergänzt: «Und so handeln auch die Amerikaner.» Gleichzeitig räumt er auch mit Blick auf die deutsche TF47 ein, in einem Gefecht «kann es natürlich auch bei Aktionen, die das Ziel haben, Zugriff herbeizuführen, zu tödlichen Ereignissen kommen». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.07.2010, 17:41 Uhr

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