«Die Angreifer kommen in der Nacht»

Vergewaltigung, Entführung, Mord: Ein Aktivist erzählt vom Alltag im Nordosten Nigerias.

Sie kommen, um zu töten: Abubakar Sekau, Anführer der Terrorgruppe Boko Haram.

Sie kommen, um zu töten: Abubakar Sekau, Anführer der Terrorgruppe Boko Haram. Bild: AP/Videoausschnitt

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Markus Gamache ist ein zurückhaltender Mann. Keine lauten Worte, keine ausladenden Gesten. Gamache lebt in der Stadt Jos im Nordosten von Nigeria. Dort, wo sich Moslems und Christen bereits seit Jahren blutige Kämpfe liefern. Seit rund sechs Wochen macht der gewalttätige Konflikt in dem afrikanischen Land wieder international Schlagzeilen. Seit dem Tag, an dem die islamistische Terrorgruppe Boko Haram 300 Mädchen aus einer Schule verschleppte und seither gefangen hält.

Als Mitarbeiter der nigerianischen Partnerkirche von Mission 21 ist Gamache zu Besuch in Basel und erzählt von seiner Heimat. Es sind Geschichten von nächtlichen Überfällen, Brandschatzung und Totschlag. Aber auch von Engagement, Dialog und der Hoffnung auf ein Leben nach dem Trauma.

Herr Gamache, vor wenigen Tagen ereigneten sich wieder Anschläge in Ihrer Heimatstadt Jos. Ist die Gewalt mittlerweile zum Alltag geworden?
Leider ja. Die Überfälle der Boko Haram auf die Dörfer in der Umgebung sind für uns Normalität. Die Angreifer kommen meistens in der Nacht. Sie sind schwer bewaffnet und fahren mit mehreren Trucks vor. Dann ziehen sie von Haus zu Haus und nehmen sich alles, was sie gebrauchen können. Sind die Hütten geplündert, setzen sie sie in Brand.

Was passiert mit den Bewohnern?
Die Angreifer kommen, um zu töten. Alle Männer und auch älteren Frauen werden gleich umgebracht, oft mit einer Art Lanze aufgespiesst. Die Mädchen und jüngeren Frauen verschleppen die Boko Haram als menschliche Beute in ihre Camps.

So wie es mit den entführten Schülerinnen passiert ist?
Ja, ich gehe davon aus, dass auch die Mädchen aus der Schule in einem solchen Extremisten-Camp gelandet sind. Dieser Fall hat international Aufmerksamkeit erregt, er ist aber bei weitem nicht der einzige. Fast bei ­jedem Überfall entführen die Terroristen junge Frauen.

Was passiert mit den Opfern in diesen Camps?
Jene Mädchen, die von dort entkommen konnten, erzählen, dass die ­Entführer ihnen immer wieder sexuelle Gewalt angetan haben. Diejenigen, die keine Möglichkeit zur Flucht bekommen, werden irgendwann zwangsverheiratet oder verkauft. Manchmal auch in Nachbarländer.

War die Entführung der Schülerinnen der erste derartige Angriff?
Es war der erste auf eine Mädchenschule. Es gab aber bereits Attacken auf Schulen für Buben. Die Schüler wurden bei diesen Attacken nicht entführt, sondern ermordet – wie auch die Lehrer. Deshalb sind die Schulen in den Konfliktgebieten eigentlich geschlossen. Auch die angegriffene Mädchenschule war zu und wurde nur zwischenzeitlich geöffnet, weil die Schülerinnen ihre Prüfungen hätten schreiben sollen.

Gibt es Zahlen dazu, wie viele Menschen bislang in dem Konflikt zwischen Moslems und Christen ums Leben kamen?
Man kennt keine genauen Zahlen. Einzelne Kirchen führen zwar Listen. Aber bei jedem Angriff gibt es auch zahlreiche Vermisste. Alle, die noch können, fliehen, weshalb die Dörfer nach einem Angriff menschenleer sind. Man weiss dann nicht, wer noch lebt und wer tot ist. In vielen Dörfern befinden sich derzeit nur noch alte Menschen.

Wohin können die Menschen vor Angreifern flüchten?
Die Männer verstecken sich häufig im Busch, schlafen auf Bäumen. Sie versammeln sich zu grösseren Gruppen, um sich besser schützen zu können. Andere verlassen das Gefahrengebiet ganz, kündigen ihre Jobs und suchen Unterschlupf in Kirchen oder bei Verwandten. Die Bevölkerung im Nordosten wurde durch Mord und Flucht drastisch reduziert.

Sind Sie selber in Gefahr geraten?
Während eines Angriffs auf Jos wurde ich wegen meines langen Gewandes für einen Muslim gehalten und gefangen genommen. Ich konnte mein Leben retten, indem ich Fragen zur Bibel beantwortete. Als ich am nächsten Morgen heimfahren durfte, sah ich zum ersten Mal, dass der Boden mit Leichen bedeckt war. Die Körper waren mit Messern aufgeschlitzt worden. Heute haben die Extremisten viel bessere Waffen, wir vermuten deshalb, dass sie international unterstützt werden.

Inmitten dieser Gewalt kämpfen Sie für den Frieden. Was heisst das konkret?
Die Situation erfordert ganz einfache Dinge. Das Versorgen von Wunden, die Suche nach sicherer Unterbringung von Flüchtenden. Wir kümmern uns auch um Witwen, geben ihnen zinsfreie Darlehen, damit sie sich eine Existenz aufbauen können. Für die Waisen bezahlen wir das Schulgeld, damit sie eine gute Ausbildung erhalten. Jugendlichen organisieren wir eine Lehrstelle. Wer etwas zu tun hat und Perspektiven hat, gerät weniger schnell in Versuchung, sich Gewalttätern anzuschliessen.

Dennoch treibt der Wunsch nach Rache viele zum Äussersten.
Das Bedürfnis, den Tod der eigenen Eltern, Geschwister und Kinder zu rächen, ist menschlich. Wir versuchen jedoch, den Angehörigen klarzumachen, dass keine Gewalttat und kein Mord ihnen ihre Liebsten wieder zurückbringen können. Um den Opfern den Umgang mit dem Erlebten zu erleichtern, schicken wir sie ausserdem in Traumatherapien.

Glauben Sie, damit die Spirale aus Hass und Rache durchbrechen zu können?
Das Mittel, an das ich glaube, ist der Dialog. Wir bringen junge Menschen beider Religionen zusammen, damit sie sich als Menschen kennen lernen. Dann können sie merken, dass sie nicht Feinde, sondern Brüder und Schwestern im selben Land sind.

Erstellt: 30.05.2014, 08:45 Uhr

Markus Gamache. (Bild: BaZ)

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