Die Anti-IS-Truppe könnte für die USA zum Bumerang werden

15'000 syrische Anti-IS-Kämpfer wollen die USA innerhalb von drei Jahren ausbilden. Experten bezweifeln, dass dies sinnvoll ist – auch wegen eines abschreckenden Beispiels aus der Vergangenheit.

Die Türkei und die USA wollen Anti-IS-Kämpfer ausbilden: Türkische Soldaten nahe der syrischen Grenze. (1. Dezember 2014)

Die Türkei und die USA wollen Anti-IS-Kämpfer ausbilden: Türkische Soldaten nahe der syrischen Grenze. (1. Dezember 2014) Bild: AFP

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Der Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat mit einem Pakt zwischen den USA und der Türkei zur Ausbildung und Bewaffnung syrischer Aufständischer neuen Auftrieb erhalten. Doch zwei Monate nach Abschluss des Pakts ist das Programm noch nicht richtig in Gang gekommen, die Stimmung ist skeptisch. Türkische Regierungsvertreter, syrische Rebellen und sogar frühere US-Berater bezweifeln offen, ob das Projekt jemals einen entscheidenden Einfluss auf das Gefechtsgeschehen haben kann.

Das US-Verteidigungsministerium arbeitet nach eigenen Angaben derzeit an einer Liste potenzieller Kämpfer, die im Rahmen des Programms mit einem Volumen von 500 Millionen Dollar (470 Millionen Euro) ausgebildet werden sollen. Ziel ist, die Luftangriffe gegen den IS durch eine schlagkräftige Bodentruppe zu unterstützen. Türkische Regierungsbeamte, die den Start des Programms ursprünglich mit März angegeben hatten, streben nun einen Beginn im Mai an.

Beobachter sind skeptisch

Sie sagen, sie erwarteten von den USA noch eine Strategie, wie die ausgebildeten Kämpfer in Syrien stationiert oder geschützt werden sollen. US-Vertreter sagen zwar, sie behielten die Strategie für sich, um dem Feind keine Hinweise zu geben, doch amerikanische Beobachter, die mit den Planern gesprochen haben, sind skeptisch. «Mein Gefühl ist, sie haben keine echte Strategie im Sinn von etwas, womit tatsächlich ein Ziel erreicht werden könnte», sagt Frederic Hof, ein früherer Berater der Regierung von US-Präsident Barack Obama für den Übergang in Syrien. Hof, heute ein Fellow des Atlantikrats mit Sitz in Washington, bezeichnet das Programm als Platzhalter für den Fall, dass die Regierung den Kampf in Syrien forcieren will.

Derzeit diene es allenfalls dazu, in den USA innenpolitisch Handlungsstärke zu demonstrieren. Der Plan sei, unabhängig von seiner Umsetzung, wenig vielversprechend, sagt Hof. Das US-Verteidigungsministerium will nach eigenen Angaben in der anatolischen Stadt Kirsehir sowie in Saudiarabien und in Katar drei Jahre lang jährlich 5000 Syrer ausbilden. Diese bescheidenen Zahlen wecken Zweifel daran, dass die Truppen lange genug in Syrien durchhalten können, um den IS zu schwächen.

Kampf gegen die Regierung?

Zusätzlich müssten die neuen Rekruten mit Angriffen von einer syrischen Regierung rechnen, die auf der Hut vor einer vom Westen unterstützten Truppe ist, sowie von militanten Islamisten wie der mit al-Qaida in Verbindung stehenden Nusra-Front. Doch die USA haben sich bislang türkischen Forderungen widersetzt, dass die Truppe auch bereit sein müsste, gegen die Regierung zu kämpfen. Allerdings müssten sich die Rekruten gegen alle Seiten verteidigen. Türkische Regierungsvertreter sagen, die USA hätten bislang nicht erklärt, wie die Truppe vor Ort in Syrien etwas bewirken könne.

Vertreter der vom Westen unterstützten Freien Syrischen Armee (FSA) äussern sich ebenfalls skeptisch. Die Ausbildung sei nicht ausreichend koordiniert, sagen die in Syrien kämpfenden Aufständischen. «Wir haben viele Fragen über diese Ausbildung», sagt FSA-Berater Osama Abu Said. «Es mangelt an direkter Kooperation.»

Suche nach Deserteuren

US-Vertreter sagen, das für die Auswahl der auszubildenden Rekruten zuständige Team unter Generalleutnant Michael Nagata suche zusätzliche Einzelpersonen, keine bereits existierenden Brigaden. In Flüchtlingslagern fahnde das Team zu diesem Zweck gegenwärtig nach syrischen Deserteuren. Said sagt, es werde schwierig sein, Hunderte Rekruten zu finden, die nicht bereits in Brigaden kämpften.

Sowohl FSA als auch Vertreter der Türkei zweifeln ganz besonders daran, dass die frisch ausgebildeten Rebellen in Syrien überleben können, sofern die USA sie nicht schützen. Den türkischen Vorschlag der Einrichtung von Sicherheitszonen und einer Flugverbotszone über Syrien haben die USA bislang abgelehnt. Ohne diese Massnahmen würden die Rekruten von allen Seiten ins Visier genommen, sagen die Türken.

Ein abschreckendes Beispiel

Als warnendes Beispiel könnte die Hassm-Bewegung dienen, einst die prominenteste vom US-Geheimdienst CIA unterstützte Gruppierung, die in Syrien kämpfte. Sie löste sich im März auf, nachdem sie von der Nusra-Front überrannt worden war. Einige der von den USA ausgebildeten Kämpfer schlossen sich schliesslich Nusra an, der auch von der CIA gelieferte hochwertige Panzerabwehrwaffen in die Hände fielen. Die Geschichte könnte für die aktuellen Rekruten eine Warnung sein, sagt ein einstiger Hassm-Berater.

Nachdem sie die US-Waffen erhalten hatte, galt Hassm rasch als eine von der CIA unterstützte Gruppierung, sagt der Mann. Als US-Präsident Obama im September die Luftangriffe in Syrien und Pläne zum Angriff auf Nusra-Ziele ankündigte, griff Nusra im Gegenzug Hassm an. Trotz Bitten um mehr Unterstützung und Waffen belieferte die CIA Hassm nur sporadisch. Verbündete auf dem Boden zogen sich zurück, weil sie Nusra kommen sahen. «Hassm stand plötzlich alleine da», sagt der Berater. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.04.2015, 21:41 Uhr

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Der irakische Regierungschef Haider al-Abadi will bei seinem Besuch in den USA um mehr Unterstützung im Kampf gegen die Jihadisten werben. An erster Stelle stünden dabei eine Ausweitung der Luftangriffe sowie der Lieferung von Waffen, sagte al-Abadi in Bagdad vor seinem Abflug nach Washington, wo er am Dienstag mit US-Präsident Barack Obama zusammenkommen will.

Zwar habe es bereits eine Ausweitung der Hilfen gegeben, aber «wir wollen noch mehr sehen», betonte al-Abadi. Der Ministerpräsident forderte überdies strikte Massnahmen im Kampf gegen «ausländische Terroristen», die in den Irak kämen sowie internationale Bemühungen zur Bekämpfung des Schmuggels von Öl und antiker Kunst, der den Jihadisten als Einkommensquelle dient. (AFP)

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