Kopf des Tages

Die Bäckerin neuer Existenzen

Die Nonne Angélique Namaika engagiert sich im Kongo für Opfer sexueller Gewalt. Jetzt erhält sie den Nansen-Flüchtlingspreis, eine Art Nobelpreis für Flüchtlingshilfe.

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Angélique Namaika hat Joseph Kony nie gesehen. Und doch bestimmt er ihr Leben. Die katholische Nonne aus der Demokratischen Republik Kongo versucht das Leid zu lindern, das der Rebellenführer und seine Lord’s Resistance Army (LRA) anrichten. Dafür erhält Schwester Angélique, wie sich die 46-jährige Augustinerin nennt, den Nansen-Flüchtlingspreis des UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR). Es handelt sich um eine Art Nobelpreis für Flüchtlingshilfe, benannt nach Fridtjof Nansen, dem norwegischen Polarforscher und ersten Hochkommissar für Flüchtlinge.

Namaika kümmert sich um die Frauen und Mädchen, die von Konys Schergen verschleppt, versklavt und vergewaltigt worden sind. «Wenn sie irgendwann fliehen können, tauchen sie mit ein, zwei oder drei Kindern auf dem Arm hier auf», sagt Angélique Namaika am Telefon in ihrer Heimatstadt Dungu im Kongo. Die Väter sind nirgends. Die bereits traumatisierten Mütter werden deshalb von ihren eigenen Familien verstossen. Die letzte Hoffnung ist dann Schwester Angélique. Sie hat in den vergangenen zehn Jahren 2000 Frauen geholfen, ihr Leben wieder zusammenzusetzen. «Das sind meine Schwestern und meine Kinder», sagt sie. Sofort beeilt sie sich zu betonen, sie habe «im Fall keine biologischen Kinder».

Bildung, Medikamente und Arbeit

Namaika spendet aber nicht nur Trost. Sie ermuntert die Frauen, lesen und schreiben zu lernen. Sie gibt ihnen Näh- und Kochkurse, zeigt ihnen, wie man Gemüse pflanzt, vor allem aber lehrt sie die Frauen backen. Mit den 100'000 Dollar, die sie erhalten wird, will Namaika die Bäckerei renovieren, das Herzstück ihres Reintegrationszentrums in Dungu. «Wir wollen das Brot auf dem Markt vekaufen», sagt sie, denn die Frauen müssten lernen, Geld zu verdienen. So erhielten sie eine neue Existenz, könnten die Kinder in die Schule schicken und Medikamente kaufen. Oft leiden die Frauen seit ihrem Martyrium an Geschlechtskrankheiten.

Nirgends ist die LRA heute noch so aktiv wie in der Region Dungu im unzugänglichen Nordosten des Kongos. 320'000 Menschen sind auf der Flucht vor Kony. Er wird vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gesucht wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die US-Regierung hat fünf Millionen Dollar auf seinen Kopf ausgesetzt. 1987 in Norduganda gegründet, will die LRA einen Gottesstaat errichten, der auf den Zehn Geboten basiert. Immer wieder kämen die Rebellen aus den Wäldern, «um zu töten und zu plündern», sagt Schwester Angélique.

«Jetzt habe ich fast keine Angst mehr»

Vor vier Jahren musste auch sie in den Busch fliehen, als die Rebellen Dungu überfielen. Eine ihrer Ordensschwestern wurde ermordet. «Ich hatte grosse Angst und wusste nicht, wovon ich leben sollte.» Mit anderen Vertriebenen sei sie von einem überfüllten Versteck zum nächsten gehetzt. «Wir versuchten, uns mit Blättern vor dem Regen zu schützen. Zu essen hatten wir nichts.» Als Konys Armee nach Wochen weiterzog, kehrte Namaika zurück. «Jetzt habe ich fast keine Angst mehr, Gott steht mir bei.»

Von all den Gräueln hat sie vor dem US-Kongress und dem UNO-Sicherheitsrat Zeugnis abgelegt. Im vergangenen Dezember hat sie auch am UNHCR-Sitz in Genf berichtet. Es war ihr erster Besuch in der Schweiz. Morgen besteigt Angélique Namaika auf der Sandpiste von Dungu erneut ein Kleinflugzeug. Sie freut sich auf die Zeremonie in Genf und die Nansen-Medaille. Noch mehr freuen würde sie sich aber, wenn Kony endlich gefasst würde. «Wir Frauen brauchen den Frieden.»

Erstellt: 16.09.2013, 17:18 Uhr

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Video

Angélique Namaika und ihre Arbeit im Kongo.(Quelle: UNHCR/Youtube)

Dungu (Kongo)

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