Die Biederkeit des Monsters Emde

Ein Video zeigt einen jungen Deutschen, der beim Islamischen Staat mittut – gut gelaunt redet der Neojihadist vom Köpfen.

Das Interview von Jürgen Todenhöfer mit dem Jihadisten Christian Emde alias Abu Qatada.


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Es mag abartig klingen. Und doch! Das 13-minütige Video, um das es hier geht, löst unterschwellig Fernweh aus. Trampersehnsucht. Den Hintergrund bildet eine orientalische Bilderbuchkulisse: eine Moschee, Minarette, Palmen, ein schöner Sonnenuntergang.

Mosul, Irak, gehört mittlerweile allerdings zum Islamischen Staat (IS). Im Vordergrund des Videos, das eben auf RTL zu sehen war, werden denn auch Dinge verhandelt, dass man letztlich doch lieber zu Hause bleibt. Hat man es sich ganz angesehen, weiss man zudem: Das Böse ist bieder.

Ein auffallend dicker junger Mann gibt ein Interview. Er ist, mit Zottelbart, Kopftuch und Pistolengurt, der Kampfmuslim. Angemessen militant tönt er. Christen und Juden schuldeten dem IS eine Kopfsteuer, sagt er. «Wenn nicht, werden sie alle getötet.» Die Schiiten seien allesamt Abtrünnige und müssten Reue zeigen. Und wenn nicht? «Wir werden sie alle töten.»

Lange arbeitslos vor Konvertierung zum Islam

Das Video wurde letzten Dezember aufgenommen und kursiert seither im Internet. Nun schockiert es durch die Fernsehverwertung eine grössere Öffentlichkeit. Von Jürgen Todenhöfer kommt es, einst für die CDU im Bundestag und heute Abenteuerjournalist mit Spezialität Nahost. Todenhöfer wagte sich nach Mosul, weil der IS seine Sicherheit garantierte. Der Gastgeber ist im Video präsent durch drei vermummte Schergen, Sturmgewehr zur Hand.

Der Interviewte ist ebenfalls Deutscher, heisst Christian Emde, nennt sich Abu Qatada. 30 ist er, war in Deutschland lange arbeitslos, trat 2003 zum Islam über, frequentierte die – mittlerweile geschlossene – Millatu-Ibrahim-Moschee in Solingen. Eine Terrorbrutstätte; gleich mehrere junge Muslime gingen von dort zum IS.

Emdes eigener Aufbruch in den Heiligen Krieg scheiterte vorerst. Er und ein Freund wurden bei der Einreise nach England festgenommen. Sie hatten eine Anleitung zum Bombenbau bei sich, wurden von einem Gericht verurteilt und bald nach Deutschland abgeschoben.

Irgendwann wird der IS Deutschland angreifen

Emde wirkt nicht wie ein Jihadist. Man stellt sich vor, dass er nach 100 Metern Rennen kurzatmig wird. In England hatten sie in seiner Grösse keine passende Gefängnistracht. Und doch hat er es in den bewaffneten Kampf geschafft. Sein Reisegefährte nach England ist längst tot, er starb als Selbstmordattentäter im syrisch-irakischen Grenzgebiet. Emde aber lebt und gibt forsch Auskunft. Eine versklavte Ungläubige sei besser als eine Ungläubige, die «herumhurt», sagt er. Und irgendwann werde der IS Deutschland angreifen: «Wir werden definitiv zurückkehren, und das wird nicht mit Freundlichkeit sein oder irgendetwas, sondern das wird mit der Waffe sein und mit unseren Kämpfern.»

Man kann das alles als Resultat einer Gehirnwäsche abtun. Und Emde als Sprechmaschine, die die angebrachten frommen Floskeln einstreut, etwa dem Wort «Allah» jedes Mal automatisch die Formel «subhanahu wa-ta'ala» beifügt, «lobgepriesen ist er und erhaben». Dazu passt die Routine, mit der er seine monströsen Aussagen tätigt. Eigentlich sähe man ihn als Tankstellenshop-Regaleinräumer in der deutschen Provinz, der einem gern verrät, wo die Pringles-Chips stehen. Stattdessen sagt er, dass Köpfen eine gute Sache sei. Die Differenz von Wort und Bild frappiert.

Endlich erntet er Furcht und darf quälen

Als der IS einzog, flohen Hunderttausende aus Mosul. Andere wurden versklavt. Oder geköpft. Hinter den Scheusslichkeiten stehen Leute wie dieser Christian Emde, den man sich als einsamen Schüler vorstellt, blass, fett, still, unattraktiv. Und jetzt ist er bewaffnet und Teil einer Riesentruppe; er erntet Furcht und darf quälen. Ganz beiläufig redet er vom Töten. Er grinst nicht, er lächelt und hat gute Laune; er schäumt nicht, sondern spricht ruhig.

Wie wenig es doch braucht, einen banalen Menschen in eine Mordmaschine zu verwandeln. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.01.2015, 19:24 Uhr

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