Die Bildgewalt der Islamisten

Die militanten Islamisten inszenieren Gewaltbilder gezielt, um unser Wertesystem zu erschüttern. Wie reagieren wir darauf?

Ein Bild des Schreckens: Das World Trade Center in New York stürzte am 11. September 2001 in sich zusammen. Foto: Hubert Boesl

Ein Bild des Schreckens: Das World Trade Center in New York stürzte am 11. September 2001 in sich zusammen. Foto: Hubert Boesl

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der britische Künstler Damien Hirst hat den Terror von 9/11 einmal als «eine Art Kunstwerk» bezeichnet. «Der Angriff auf das World Trade Center war böse, aber er wurde in Hinblick auf die visuelle Wirkung geplant.» Heute, 13 Jahre später, antworten westliche Regierungen auf die Bedrohung, die vom Islamischen Staat (IS) ausgeht, mit militärischen Mitteln. Aber sie haben noch immer keine Antwort auf den visuellen Angriff in den internationalen Medien.

Wie Osama Bin Laden scheint der Islamische Staat zu begreifen, wie Gewaltbilder unsere Vorstellungswelt prägen. Die Ironie dabei ist, dass die Ausbeutung grausamer Gewaltdarstellungen im Widerspruch steht zu der islamistischen Verurteilung visueller Stimulation in anderen Lebensbereichen. Die brutalen Videos treiben den Nervenkitzel an die Grenze. Ähnlich wie ein Algorithmus, der mit dem Ziel entwickelt wird, ins digitale Netz des Gegners einzudringen, inszeniert der Islamische Staat die Videos, welche die Enthauptungen von Westlern zeigen, um in unsere Psyche einzudringen.

Diese Psyche ist es schon gewöhnt, schockierende Bilder zu empfangen. Nun beutet der Islamische Staat diese Schwäche der elektronischen Medien für demonstrative Gewalt aus.

Die visuelle Politik des Terrors mag primitiv sein, aber ihre Anwendung ist anspruchsvoll und ihre Auswirkung tiefgreifend. Wie Eroberer früher neue Tempel auf den zerstörten Kultstätten der Besiegten errichteten, benutzten die Zerstörer der Twin Towers visuellen Terror, um das Wertesystem ihrer Feinde zu treffen. Denn das ist das Ziel das Terrors: Die normative Realität des Gegners zu erschüttern. Wenn die vertraute Welt ins Wanken gerät, eröffnet sich vielleicht die Möglichkeit für eine Besetzung.

Eine neue Realität schaffen

Schauen wir uns nur an, wie General Suharto von 1966 bis 1998 über Indonesien herrschte: Er führte dem Volk im Fernsehen und im Kino die angebliche Grausamkeit kommunistischer Rebellen vor. Die Bilder waren dazu bestimmt, die Angst zu schüren und den Aufbau eines Staatsapparats organisierter Gewalt zu rechtfertigen. So schuf der Diktator mit seiner visuellen Politik des Terrors eine neue Realität von Terror.

Dieselbe perverse Logik ist beim krankhaften IS-Spektakel zu erkennen. Auch wenn es nötig ist, das Böse zu bekämpfen, ist die Motivation dazu weniger eindeutig. Es ist eine Sache, sich zu überlegen, was für und was gegen eine Konfrontation mit diesen Kräften spricht, etwas völlig anderes, auf die Produzenten brutaler, politisch aufgeladener Bilder wütend loszugehen.

Wir müssen uns fragen, was genau unsere Antwort auf die Bedrohungen des Islamischen Staates motiviert. Zwischen tatsächlichen nationalen Sicherheitsbedenken und gestreuten Bildern, um uns zu reizen, ist nicht leicht zu unterscheiden. Aber angesichts dessen, was auf dem Spiel steht, sollten wir uns die Mühe machen.

Die visuelle Politik der Grausamkeit und des Terrors ist so stark, wie wir es zulassen. Darum braucht es zum Austreiben der Dämonen mehr als militärische Macht. Nötig ist auch, dass wir uns mit dem strategischen Einsatz von Gewaltszenen im digitalen Zeitalter ernsthaft auseinandersetzen.

© Project Syndicate, Übersetzung mak.

* Richard K. Sherwin ist Professor an der New York Law School und Autor von «Visualizing Law in the Age of the Digital Baroque». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.10.2014, 18:47 Uhr

Artikel zum Thema

«Im Minutentakt Explosionen»

Die Terrorgruppe Islamischer Staat rückt von drei Seiten auf die nordsyrische Stadt Kobane vor. Die Kurden bereiten sich auf Strassenkämpfe vor. Mehr...

«Der Irak wird zerfallen»

Interview Der irakisch-kurdische Peshmerga-Kommandant Mala Bakhtiar glaubt, dass nur die Kurden den IS aufhalten können. Als Belohnung lockt ein eigener Staat. Mehr...

Türkei vor Einsatz gegen den IS

Das türkische Parlament dürfte bald grünes Licht für einen Einsatz gegen die Terrormiliz Islamischer Staat geben. Die USA und ihre Verbündeten unterstützten unterdessen die Verteidigung der Kurdenstadt Ain al-Arab. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Es gibt Besseres als Escorts

Echte Erotik und richtigen Sex, bei dem beide Lust aufeinander haben, findet man nicht bei Escorts. Aber dafür beim Casual-Dating im Internet.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Schall und Rauch: Kiffer versammeln sich vor dem kanadischen Parlamentshaus in Ottawa, um bei der jährlichen sogenannten «4/20»-Demonstration teilzunehmen. Das Land hat den Cannabiskonsum legalisiert. (20. April 2018)
(Bild: Chris Wattie ) Mehr...