«Die Ehre ist das Einzige, was dem Mann bleibt»

Obwohl sie in den meisten Ländern verboten sind, nimmt die Zahl der Ehrenmorde im Nahen Osten und Südasien zu. Nicht selten drücken Justiz und Politik ein Auge zu.

Gegen den Ehrenmord: Eine Demonstrantin in Hamburg während des Prozesses gegen einen jungen Türken, der seine Schwester getötet hatte.

Gegen den Ehrenmord: Eine Demonstrantin in Hamburg während des Prozesses gegen einen jungen Türken, der seine Schwester getötet hatte. Bild: Keystone

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Laut offziellen UNO-Statistiken kommt es jährlich zu 5000 Ehrenmorden auf der Welt. Die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich aber um einiges höher. Gemäss der Menschenrechtsorganisation Amnesty International werden weltweit Mädchen und Frauen geköpft, verbrannt, gesteinigt, erstochen, erwürgt oder lebendig begraben – mit dem einzigen Ziel, die «Ehre der Familie» wiederherzustellen.

Der renommierte Nahost-Korrespondent und Buchautor Robert Fisk hat für die britische Zeitung «The Independent» während einer zehnmonatigen Recherche zahlreiche Beispiele vom Libanon bis nach Bangladesh zusammengetragen. Seine Erkenntnis: Der Ehrenmord durchzieht die ganze Gesellschaft, und sie beschränkt sich nicht nur auf Personen islamischen Glaubens.

«Sie hat einen Fehler gemacht»

Als Beispiel nennt Fisk Jordanien. Dort seien im Pro-Kopf-Verhältnis mehr Leute der christlichen Minderheit in Ehrenmorde verwickelt als in der islamischen Mehrheit. Auch die Tatgründe unterschieden sich nicht von denen der Muslime.

So brachte 1999 Sirhan seine junge Schwester Suzanne um. Die 16-jährige wurde vergewaltigt und meldete dies der Polizei. Ihr Bruder schoss ihr nur wenig später vier Mal in den Kopf. «Sie hat einen Fehler gemacht, auch wenn er gegen ihren Willen war», begründete Sirhan seine Tat. «Es ist besser, wenn nur eine Person stirbt, als dass die ganze Familie vor Scham sterben muss.»

Der Fall schockierte die jordanische Öffentlichkeit dermassen, dass die königliche Familie einschritt und höhere Strafen für derartige Verbrechen einführte. Die Zahl der Schwesternmorde hat dennoch nicht abgenommen. Geändert hat sich seither wenig. Die jordanischen Gerichte bleiben weiterhin nachsichtig mit den Tätern. 2008 bekamen zwei Männer, die jeweils eine Verwandte töteten, sechs beziehungsweise drei Monate aufgebrummt. Sie hätten «aus einem Wutausbruch heraus» gehandelt.

Den Mord «provoziert»

Fisk erzählt weiter vom Fall einer 23-Jährigen aus Multan in Pakistan. Sie wurde ermordet, nachdem sie mit einem Mann von einem anderen Clan weggerannt war. Familienmitglieder mischten ihrem Tee heimlich Schlafpillen bei und erwürgten sie anschliessend. Der Vater, der aus einer gebildeten Familie mit Bürokraten, Ingenieuren und Rechtsanwälten stammt, sagte, es sei seine liebste Tochter gewesen. «Doch die Ehre ist das Einzige, was dem Mann bleibt», begründet er die Tat.

Ein türkisches Gericht wiederum reduzierte die lebenslange Haftstrafe für drei Brüder auf mehrere Jahre Gefängnis. Die Begründung: Die Schwester, die von ihren Brüdern von einer Brücke in den Tod gestossen worden war, habe mit ihrem ehrverletztenden Verhalten ihren Tod «provoziert».

Vom Präsidenten genehmigt

Auffallend bei allen Taten ist, dass die Ehrenmorde stets von der Justiz oder der Polizei gedeckt, offiziell genehmigt oder verharmlost werden. So beschuldigt Human Rights Watch Polizei und Justiz in den Palästinensergebieten, beim Schutz der Frauen komplett zu versagen. 2005 wurde ein 17-jähriges Mädchen von ihrem älteren Bruder erwürgt, nachdem sie von ihrem eigenen Vater schwanger wurde. Sie hatte den Vorfall an die Polizei gemeldet. Doch diese blieb untätig.

Im Iran bestätigte ein Offizieller der Behörde gegenüber dem «Independent», dass in der Provinz Khuzestan vor sieben Jahren 45 junge Frauen innert zwei Monaten Ehrenmorden zum Opfer fielen, ohne dass dabei nur eine einzige Person verurteilt wurde.

Manchmal befürwortet gar ein Präsident diese Form der Tötung. Ramzan Kadyrow, der Präsident der russischen Republik Tschetschenien, ermutigt gar seine Bürger zum Ehrenmord. Als sieben Frauen tot in der Hauptstadt Grozny aufgefunden wurden, verkündete Kadyrow, dass die Opfer getötet worden seien, weil sie «ein unmoralisches Leben» geführt hätten. In einem weiteren Fall rief er einen Vater auf, dessen Tochter zu töten. Das Mädchen hatte der Polizei gemeldet, von ihrem Vater missbraucht zu werden. Kadyrows Kommentar: «Was ist das für ein Mann, der seine Tochter nicht umbringt? Schämen soll er sich.» (jak)

Erstellt: 09.09.2010, 20:30 Uhr

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