Die Guerillataktik des Phantoms Boko Haram

Eine scheinbar hilflose nigerianische Armee kann mehr als 200 entführte Mädchen nicht finden. Wie ist das nur möglich? Dazu Afrika-Kenner Carlo Koos.

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Seit drei Wochen sind mehr als 230 Mädchen verschwunden. Dutzende bewaffnete Männer der islamistischen Sekte und Terrororganisation Boko Haram haben die Mädchen während einer Maturaprüfung im nordnigerianischen Chibok aus einer Schule entführt. Erst gestern hat sich die Organisation zu der Tat bekannt. In einer Videobotschaft sagte ein Mann, angeblich Sektenführer Abubakar Shekau, er werde die Mädchen «auf dem Markt verkaufen». Berichten zufolge sollen die 15- bis 18-Jährigen im Dschungel an der Grenze zu Kamerun für umgerechnet etwa 12 Franken an Boko-Haram-Kämpfer verkauft werden.

Bereits die in diesem Umfang aussergewöhnliche Entführung hatte weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Der angeblich geplante Verkauf der Mädchen brachte die seit Jahren äusserst brutal operierende Boko Haram erneut ins internationale Rampenlicht. Dabei wird auch die Hilflosigkeit der nigerianischen Regierung sichtbar. Eltern der Entführten werfen den Behörden vor, nichts oder praktisch nichts unternommen zu haben, um die Mädchen zu finden.

Verschwörungstheorien der Präsidentengattin

In mehreren Städten haben Proteste gegen die angebliche Untätigkeit der Regierung stattgefunden. Das stösst den Machthabern sauer auf. Präsidentengattin Patience Jonathan griff laut dem «Guardian» gar zu Verschwörungstheorien und behauptete, die Entführung habe gar nie stattgefunden, sondern sei erfunden worden, um die Nichtwiederwahl ihres Mannes Goodluck Jonathan im nächsten Jahr zu verhindern. Nach einem Treffen zwischen der Präsidentengattin und Aktivisten wurden zwei Organisatoren von Protesten sowie der Initiator einer Twitter-Kampagne (#BringBackOurGirls) von der Polizei verhört.

Für Carlo Koos vom Giga-Institut für Afrikastudien ist der Vorwurf der Präsidentengattin an den politischen Gegner Teil des politischen Spiels. Auch das zweiwöchige Schweigen des Präsidenten zur Entführung hält er für unglücklich. Aber es passe zu dem Image, das Jonathan in Nigeria habe. «Der Präsident gilt als wenig durchsetzungsfähig und führungsschwach», sagt Koos. Er glaubt aber, dass die Regierung bemüht ist, den Fall zu lösen.

Guerillataktik

Denn die Umfragewerte sind ohnehin schon im Tief, nachdem die Islamisten von Boko Haram die Regierung jüngst erneut blossgestellt haben. So verübten sie am Rand der Hauptstadt Abuja in kurzen Zeitabständen zwei Attentate fast am selben Ort – mit insgesamt über 100 Toten. «Ihr Ziel ist die Zerstörung der demokratischen Zentralregierung», sagt Koos. «Dabei versuchen sie, die Unfähigkeit der Regierung zu demonstrieren.» Das finde Resonanz in der Bevölkerung, erklärt Koos. Denn in weiten Teilen Nigerias herrsche die Ansicht, die Regierung sei korrupt und inkompetent.

Koos attestiert der Armee, die mit Spezialeinheiten im Nordosten des Landes gegen Boko Haram vorgeht, aber durchaus Professionalität. Die Streitkräfte verkünden auch immer wieder Erfolge, wobei es schwierig ist, deren Einfluss auf Boko Haram abzuschätzen. Der Kampf gegen die Organisation, die Guerillataktik anwendet, ist schwierig. Die Mitglieder sind meist auch normale Zivilisten. «Es ist schwer erkennbar, wer zu Boko Haram gehört und wer nicht», sagt Koos. Bei den Aktionen der Armee kommen deshalb immer wieder auch Unbeteiligte ums Leben. Das schürt wiederum die Ressentiments gegen die Regierung. «Die Menschen haben dann das Gefühl, die Sicherheitskräfte gingen wahllos gegen sie vor.»

Die USA haben nun Hilfe angekündigt. Die Amerikaner wollen geheimdienstliche Erkenntnisse teilen und könnten sich an einer «Rettungsaktion» für die Mädchen beteiligen. Das erhöht wahrscheinlich die Chance, dass die Entführten befreit werden. Koos glaubt aber nicht, dass Boko Haram mit einem intensivierten und verbesserten militärischen Ansatz besiegt werden kann. Denn der Nährboden für die Extremisten ist ein soziopolitischer: Der Regierung gelinge es zu wenig, den Ölreichtum des Landes der Bevölkerung zugutekommen zu lassen. «Es braucht Perspektiven für potentielle Unterstützer Boko Harams, vor allem junge Männer der lange vernachlässigten Region», sagt Koos. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.05.2014, 15:01 Uhr

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