Interview

«Die Iranische Revolution begann auf dieselbe Weise»

Zwischen Hoffen und Bangen: Die israelische Abgeordnete Einat Wilf beschreibt, wie die Israelis den Aufruhr in der arabischen Welt empfinden.

«Wir sind ermutigt zu sehen, dass Millionen in der arabischen Welt auf die Strasse gehen»: Einat Wilf in einer Sendung der BBC.

«Wir sind ermutigt zu sehen, dass Millionen in der arabischen Welt auf die Strasse gehen»: Einat Wilf in einer Sendung der BBC.

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Ambivalenz. Hoffnung gemischt mit Angst. Wir Israelis beobachten die sich entwickelnden Ereignisse in Ägypten, möchten das Beste glauben, fürchten aber das Schlimmste. Die Szenen auf dem Tahrir-Platz kommen uns vor wie diejenigen eines Thrillers, in dem die Bilder einer glücklichen Familie untermalt sind von bedrohlicher Musik, die unmittelbar bevorstehendes Unheil verkündet. Wir möchten an der Aufregung und Freude teilhaben, aber die Erfahrung sagt uns, vorsichtig und achtsam zu sein.

Die meisten Israelis erinnern sich nicht an Ägypten als Feind. Die meisten von uns kamen nach dem Yom-Kippur-Krieg 1973 zur Welt oder wanderten erst danach in Israel ein. Der gemeinsame Überraschungsangriff von Ägypten und Syrien auf Israel war ein Krieg, den Israel nur zu einem sehr hohen Preis, dem Leben vieler junger Männer, gewinnen konnte. Viele von uns erinnern sich nicht an diese Tage, als die Bedrohung eines Krieges mit Ägypten im kollektiven Bewusstsein Israels verankert war und unsere Existenz gefährdete.

Über dreissig Jahre lang haben die meisten Israelis nur ein autokratisches Ägypten gekannt, das aber mit seinen Nachbarn in Frieden lebte, das einen kalten, aber stabilen Frieden mit Israel unterhielt, ein Freund der USA war und ein wichtiger und konstruktiver Akteur, der den Friedensprozess im Nahen Osten förderte. Unsere Eltern und Anführer erinnern sich auch an eine andere, gefährlichere Zeit.

Die Demonstranten in Kairo hatten nichts zu verlieren, ausser ihre Ketten. Wir haben viel zu gewinnen, aber auch viel zu verlieren. Wir sind begeistert, junge, gebildete Ägypter zu sehen, die für das kämpfen, was das Recht jedes Menschen auf der Welt sein sollte – Arbeit, Freiheit, Würde. Als Bürger einer der wenigen jahrzehntelangen ununterbrochenen Demokratien der Welt, haben wir ein grosses Verständnis für diejenige, die dasselbe wollen wie wir. Wir sind ermutigt zu sehen, dass Millionen in der arabischen Welt auf die Strasse gehen, ohne «Tod den USA» zu singen und Israelische Flaggen zu verbrennen.

Aber wir fragen uns auch – ist es zu gut, um wahr zu sein? Man überlebt nicht im Nahen Osten, indem man die Gefahren ignoriert, die unter der Oberfläche lauern. Die Iranische Revolution von 1979 (im selben Jahr wurde der Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten unterzeichnet) begann auf dieselbe Weise, ebenso die Zedern-Revolution im Libanon 2005. Beide haben zum Erstarken von kriegerischen radikalen islamistischen Regimes geführt, begierig, ihre Revolution in die Region und die Welt zu exportieren.

Uns ist die Versuchung auch allzu bekannt, sich Anti-Israelischer Rhetorik zu bedienen, um wütende Bürger von den Problemen einer schlechten Regierungsführung abzulenken oder um eine führende Rolle in der arabischen und islamistischen Welt zu spielen. Es ist ein bewährtes Mittel, das sich erst kürzlich im Fall der Türkei als effizient erwiesen hat. Ägypten wird beim Versuch, den Weg zur Demokratie zu beschreiten, vielen Problemen begegnen. Es wird auch seine Führungsposition in der arabischen Welt behaupten wollen. Was gibt es da schnelleres und effektiveres als sich gegen Israel zu wenden?

Also beobachten wir mit einem flauen Gefühl. Wir wissen, dass es keine Garantien gibt, dass in Ägypten die hoffnungsvolle Energie der jungen Demonstranten nicht von dunkleren Mächten ausgenutzt werden wird, aber wir wissen auch, dass es die Sache der Ägypter ist, ihre Zukunft zu wählen und zu gestalten. Der Wandel ist in Ägypten angekommen. Lasst uns alle hoffen, dass es der Wandel ist, den die Demonstranten verlangt haben.

(Übersetzung aus dem Englischen: Monica Fahmy) (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.02.2011, 11:05 Uhr

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Die Abgeordnete

Einat Wilf, 40, ist Knesset-Abgeordnete für die Unabhängigen. Sie ist Mitglied des Komitees Auswärtige Angelegenheiten und Verteidigung.

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