Die Jäger, die sich selbst bedrohen

Im tiefsten Regenwald des Kongo leben die Mbuti-Pygmäen, eines der ältesten Völker der Erde. Angetrieben durch den illegalen Fleischhandel, gefährden die Jäger und Sammler jedoch ihre eigene Existenz.

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Im Nordosten Kongos, im tiefen Ituri-Wald liegt das Wildtierreservat Okapi, ein Unesco-Weltnaturerbe. Und dort, zwischen Nebelschwaden, meterhohen Pflanzen und knorrigen Bäumen, leben die sogenannten Mbuti-Pygmäen, eine der ältesten Völkergruppen der Welt. Ihr Hauptmerkmal ist ihre Körpergrösse: Ein ausgewachsener Pygmäen-Mann misst nicht mehr als 150 cm. Es gibt kein anderes Volk, in dem der Kleinwuchs derart ausgeprägt ist. Und trotz ihrer kleinen Körpermasse erweisen sich die Mbuti-Pygmäen als äusserst geschickte und kraftvolle Menschen.

Jene Pygmäen, die sich noch nicht zur Sesshaftigkeit entschieden haben, leben als Jäger und Sammler im Wald. Mit ihren Clans durchstreifen sie das Wildtierreservat Okapi, stets wachsam auf der Suche nach Antilopen, Beeren, Honig und Pilzen. Von Elektrizität, Handys oder Barack Obama haben die Mbuti-Pygmäen noch nie gehört. Was sie allerdings inzwischen sehr gut kennen, ist der Handel – und genau das wird ihnen nach und nach zum Verhängnis.

Der illegale Handel mit dem Fleisch

Noch nie zuvor war die Nachfrage nach Buschfleisch in Afrika grösser als heute. Dies ist nicht nur wegen dem stetigen Bevölkerungswachstum so, sondern auch weil das rare Fleisch vielerorts als Delikatesse gilt. Die Pygmäen sind die Einzigen, denen es noch erlaubt ist, im geschützten aber antilopenreichen Okapi-Reservat der Jagd nachzugehen. Was ursprünglich als Ernährungsgrundlage gedacht war, geht heute in den illegalen Buschfleischhandel über. Die Jagd dient vor allem dazu, den regionalen Fleischmarkt zu nähren.

Die bantusprachigen Bauern, welche ebenfalls im Wildtierreservat, jedoch in kleinen Dörfern leben, treiben die illegalen Geschäfte mit dem Wildfleisch voran. Zum Tausch bieten die Bantu den Waldbewohnern Wein, Kassettenrekorder und getragene Kleidung an. Auch bringen sie Salz, Reis und andere überlebenswichtige Agrarprodukte in die Lager der Pygmäen, was diese sehr begrüssen. So bleibt ihnen der lästige aber notwendige Gang in die Dörfer erspart. Früher lieferten die Pygmäen etwa die Hälfte ihrer Jagdbeute an die Bantu ab – heute behalten sie nur noch die für sie wertvollen Eingeweide und Köpfe und versuchen, jedes noch so kleine Stückchen Fleisch zu verkaufen. Für die Händler lohnt sich das Geschäft mit den Pygmäen enorm: Fünf Dollar bezahlen sie im Schnitt für eine ganze Antilope – verkaufen können sie das Tier für das Dreifache.

Zu wenig Kontrolle

Es ist beinahe unmöglich, den illegalen Handel mit Buschfleisch sinnvoll zu bekämpfen. Die wenigen Ranger, die die Jagd kontrollieren sollten, können niemals flächendeckend arbeiten. Dass ausserdem viele Verwandte der Förster ihr Geld ebenfalls mit dem illegalen Buschfleischhandel verdienen, macht die Sache nicht gerade einfacher. Im Laufe der Zeit hat sich die Jagd der Mbuti-Pygmäen einem grundlegenden Wandel unterzogen. Sie jagen nicht mehr nur soviel wie nötig, sondern soviel sie nur können. Die Jagdstrategien der Pygmäen sind äusserst effektiv und finden hauptsächlich mit riesigen Fangnetzen statt. An einem guten Tag erlegt ein Familienclan etwa fünfzehn bis zwanzig Antilopen. Das ist viel – zu viel.

Dass sie mit ihrer ungezügelten Tierhatz die Bestände der sowieso schon seltenen Antilopen- und anderen Tierarten gefährden, ist den Mbuti-Pygmäen nicht bewusst. Und nicht nur das, sie zerstören auf diese Art und Weise auch ihre eigene Lebensgrundlage. Irgendwann wird der Regenwald der wachsenden Nachfrage nach Fleisch, Holz und Lebensraum nicht mehr gerecht werden. Und mit ihm werden wohl auch seine menschlichen Bewohner, die traditionellen Mbuti-Jäger aussterben.

Erstellt: 06.07.2010, 13:48 Uhr

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