«Die Jihadisten haben zentralen Nerv der Kurden getroffen»

Im Nordirak schlagen die Kurden gegen die Terrorgruppe IS zurück. Dieser Kampf sei zur nationalen Frage aller Kurden geworden, sagt Nilüfer Koç, Co-Vorsitzende des kurdischen Nationalkongresses.

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Kurdische Kämpfer aus dem Irak, der Türkei und Syrien haben heute Morgen eine Offensive gegen die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) im Nordirak gestartet. In einer gemeinsamen Aktion versuchen sie, die IS-Extremisten zurückzudrängen. Diese hatten zuletzt weite Gebiete zwischen der Stadt Mosul und der Grenze zu Syrien erobert, darunter auch die Stadt Sengal (arabisch Sinjar).

Sengal ist das Zentrum der kurdischen Religionsgemeinschaft der Jesiden. In den letzten Tagen gab es Berichte über Massaker des IS an der Jesiden-Minderheit, sogar von einem drohenden Völkermord und ethnischen Säuberungen war die Rede. Die Jihadisten betrachten die Jesiden als «Ungläubige» und «Teufelsanbeter».

Alarm nach Überfall des IS auf Sengal

Die Jesiden, die seit etwa 6000 Jahren in der Sinjar-Region leben, gelten als Hüter des urkurdischen Glaubens. Mit dem am Wochenende erfolgten Überfall auf die Stadt Sengal hätten die Jihadisten «den nationalen zentralen Nerv aller Kurden» getroffen, erklärt Nilüfer Koç, Co-Vorsitzende des Kurdistan Nationalkongresses (KNK), der alle kurdischen Parteien und politischen Kräfte aus allen Teilen Kurdistans vertritt.

Koç sagt gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet, dass die kurdische Politik nun auf dem Prüfstand stehe. «Entweder es gelingt den kurdischen Parteien, eine gemeinsame nationale Verteidigungsstrategie zu entwickeln, oder der IS nimmt die gespaltene kurdische Politik zum Anlass, um weitere Gebiete im irakischen Kurdistan zu belagern.» Zuletzt drohte die Ausweitung der IS-Herrschaft auf das gesamte autonome Kurdengebiet. Die Ereignisse der letzten Tage versetzten die Kurden in einen Alarmzustand.

Gräueltaten an jesidischer Bevölkerung

Wie Koç zu verstehen gibt, waren Unstimmigkeiten zwischen verschiedenen Kurdengruppierungen der Grund, weshalb die IS-Extremisten die Stadt Sengal praktisch kampflos erobern konnten. Die Peshmerga-Einheiten der Kurdischen Demokratischen Partei (KDP) waren nicht genügend vorbereitet, als die Jihadisten vorstiessen, obwohl sie schon eine Woche zuvor von der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) über die Angriffspläne des IS informiert worden waren.

Beim Vormarsch in den kurdischen Gebieten verübte die Terrorgruppe IS, wie sie es immer tut, Gräueltaten an der Zivilbevölkerung. Dabei ist die Religionsminderheit der Jesiden systematisch verfolgt worden wie zuvor schon Christen, Schiiten und moderate Sunniten. In der Stadt Sengal wurden gegen 90 jesidische Männer, die nicht konvertieren wollten, hingerichtet. Zudem wurden rund 50 Frauen und Mädchen entführt und viele Glaubensstätten der Jesiden niedergebrannt.

Es droht eine humanitäre Katastrophe

Seit dem letztem Wochenende befinden sich laut KNK-Informationen 290'000 Menschen der 450'000 Einwohner von Sengal auf der Flucht. Viele Flüchtlinge, darunter auch etwa 25'000 Kinder, verstecken sich ohne jegliche Vorräte in den Bergen. Gemäss Angaben des Kinderhilfswerks Unicef starben bereits Dutzende Kinder an den «direkten Folgen von Gewalt, Vertreibung und Dehydrierung».

Ohne Nahrung, Wasser, Medikamente und andere Hilfsgüter droht eine humanitäre Katastrophe in der Sinjar-Region, wo in der Zwischenzeit heftige Kämpfe zwischen Kurden und IS-Extremisten in Gang sind.

Kurdische Kämpfer auch aus Türkei und Syrien

Der IS-Vormarsch im Nordirak und insbesondere der Überfall auf die Jesiden-Stadt Sengal haben einen Schulterschluss zwischen den kurdischen Gruppen bewirkt. Irakische Peshmerga-Einheiten kämpfen nun an der Seite von Mitgliedern der türkischen PKK und der syrischen Partei der Demokratischen Union sowie Truppen von anderen kurdischen Gruppierungen. «Der Kampf gegen den IS ist zu einer nationalen Frage aller Kurden geworden», betont die kurdische Politikerin Nilüfer Koç.

An der Front herrsche Solidarität zwischen den verschiedenen kurdischen Kampfeinheiten, was die kurdische Politik zur Einheit zwinge. Nach Ansicht von Koç sind die vereinten Kurden auch aufgrund ihrer langjährigen Kampferfahrung in der Lage, den IS zu besiegen. In Nordsyrien sei es im letzten Juni auch gelungen, die Jihadisten zurückzuschlagen. Bei ihrem Kampf gegen die IS-Extremisten im Nordirak können die Kurden neuerdings auf die Unterstützung der Regierungstruppen aus Bagdad zählen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.08.2014, 15:43 Uhr

«Die kurdischen Parteien und Gruppierungen brauchen eine gemeinsame nationale Verteidigungsstrategie»: Nilüfer Koç, Co-Vorsitzende des kurdischen Nationalkongresses.

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