Interview

«Die Kriegsgefahr wird übertrieben»

Morgen beginnen die Gespräche zwischen dem israelischen Premier Netanyahu und Barack Obama. Iran-Experte Walter Posch sagt, Israel sei nicht in der Lage, einen Angriff auf den Iran erfolgreich durchzuführen.

Demonstrieren Einigkeit: Israels Premier Benjamin Netanyahu bei seinem vorletzten Besuch beim amerikanischen Präsidenten Barack Obama im Mai 2011 im Weissen Haus.

Demonstrieren Einigkeit: Israels Premier Benjamin Netanyahu bei seinem vorletzten Besuch beim amerikanischen Präsidenten Barack Obama im Mai 2011 im Weissen Haus. Bild: Reuters

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Israels Premier ist diesen Montag zu Gast im Weissen Haus. Werden Benjamin Netanyahu und Barack Obama den Krieg gegen den Iran beschliessen?
Das glaube ich nicht. Obama hat sich bisher stets gegen einen Angriff ausgesprochen. Da kann er jetzt nicht plötzlich einknicken. Vor allem aber sind die iranischen Provokationen immer noch weit unter der Schmerzgrenze, die einen Krieg allenfalls rechtfertigen würde.

Trotzdem wird erwartet, dass Netanyahu Druck machen wird für eine Militäraktion. Weshalb?
Er ist relativ isoliert im israelischen Sicherheitsestablishment. Bisher war es unüblich, dass wichtige Stimmen aus Armee und Geheimdiensten der Regierung in einer solch wichtigen Frage widersprachen. Zur Iran-Frage gibt es dagegen eine innenpolitische Debatte, weshalb auch das operativ wichtige Überraschungsmoment weg ist. Nun macht Netanyahu Druck auf den US-Präsidenten, weil Israel militärisch selber nicht in der Lage ist, den Angriff erfolgreich durchzuführen.

Genügen die 400 F-15 und F-16 der israelischen Luftwaffe nicht?
Es geht nicht um die Flugzeuge, sondern um den Tag danach. Die israelische Armee, insbesondere die Luftwaffe, hat einen hervorragenden Ruf. Aber das iranische Atomprogramm ist ein viel grösseres Ziel. Die Anlagen liegen tief im Feindesland. Und der Iran ist sehr gross. Was passiert, wenn ein israelisches Flugzeug abstürzt? Geriete ein israelischer Pilot in iranische Gefangenschaft, wäre die psychologische Wirkung in Israel katastrophal.

Ist es unmöglich, das iranische Atomprogramm zu zerstören?
Nicht unmöglich, aber die Israelis würden dabei an ihre Grenzen stossen. Trotzdem gibt es in Israel wie in den USA Gruppen, die den Angriff unbedingt wollen. Aber wenn sogar US-Generalstabschef Martin Dempsey sagt, die Israelis können das nicht, dann sollte man das zur Kenntnis nehmen.

Ein Grund mehr für Netanyahu, die USA in die Sache hineinzuziehen.
Möglich ist, dass die Israelis denken, sie könnten den Krieg beginnen und die USA werden ihn beenden. Aber die Amerikaner mögen es überhaupt nicht, wenn sie irgendwo hineingezogen werden. Vor allem, wenn es um Krieg geht. Die Amerikaner entscheiden selbst.

Gilt das auch, wenn es um den speziellen Verbündeten Israel geht?
Ja. Die US-Strategie im Nahen Osten plant die Sicherheit Israels von vornherein mit ein. Natürlich verfolgen die USA auch in dieser Region eigene machtpolitische Interessen. Aber die Amerikaner machen keinen Zug, der die Sicherheit Israels aufs Spiel setzt. Deshalb lässt sich Obama nicht gerne die Agenda von Netanyahu bestimmen, abgesehen davon, dass es um das persönliche Einvernehmen zwischen den beiden nicht so gut zu stehen scheint.

Weshalb aber rührt Israels Regierung die Kriegstrommel so vehement?
Weil die Iraner den Holocaust leugnen oder zumindest ignorieren. Das hat die Führung in Teheran komplett unterschätzt. Die psychologische Wirkung auf die israelischen Bürger und die Juden weltweit ist enorm, wenn nicht nur im Stile Khomeinis die Ausradierung Israels gefordert, sondern sogar der Holocaust als Märchen verunglimpft wird. Das war für die Israelis nicht mehr akzeptierbar und ist es eigentlich auch nicht für die Europäer. Ob ausserdem Netanyahu Geschichte schreiben will, ist sekundär. Echte Furcht und eine tiefe Verletzung stehen Pate bei der aggressiven Rhetorik der Israelis.

Damit ist die Holocaust-Leugnung ein Eigentor Teherans.
Absolut. Der Iran hätte genügend eigene Probleme. Und er könnte trotz der Spannungen mit Israel, etwa wegen der von Teheran unterstützten Hizbollah-Miliz im Libanon, problemlos als Regionalmacht neben Israel bestehen. Doch wer den Holocaust leugnet, ist bei den Israelis permanent präsent und wird als Bedrohung betrachtet. Und das zu Recht.

Wie ist denn die reale Bedrohung? US-Geheimdienste betonen, dass der Iran keine Atombombe baue.
Ich bin überzeugt, dass sie vollkommen recht haben. Zudem hat vergangene Woche Revolutionsführer Ali Khamenei erneut betont, dass der Iran die Bombe gar nicht wolle. Was will man mehr, als ein Regime, das dem Atomprogramm öffentlich abschwört? Das iranische Atomprogramm ist immer noch rudimentär. Allen Fortschritten zum Trotz kann der Iran morgen keine Atombomben bauen. Wie Israel wollen auch die USA, dass das so bleibt.

Wie lässt sich dieses Ziel erreichen?

Das iranische Atomprogramm geht einher mit einer radikalen Ideologie, weshalb das Misstrauen des Westens den Iranern gegenüber doppelt so gross ist. Anderseits hat Teheran zwischen 2008 und 2010 mehrere Gesprächsangebote der Amerikaner nicht genutzt. Die Iraner glaubten, sie könnten sich den ideologischen Luxus des Antiamerikanismus noch leisten. Inzwischen endete die Geduld der Amerikaner. Erst jetzt, unter dem extremen wirtschaftlichen Druck der Sanktionen, gibt es konstruktivere Vorschläge aus Teheran, etwa jener von Atom-Unterhändler Saeed Jalili, ohne Vorbedingungen zu verhandeln. Vor einem Jahr wäre das noch undenkbar gewesen. Aber offensichtlich haben sich die Iraner noch nicht eingebunkert und sind bereit zu reden. Darin sehe ich eine Chance.

Haben die Wahlen einen Einfluss auf den Atomstreit?
Kaum. Das Atomprogramm ist Teil der nationalen Sicherheitspolitik, um die sich der nationale Sicherheitsrat kümmert. Die Richtung gibt der Revolutionsführer vor, also Khamenei.

Neben dem Bau der Bombe wäre für die USA auch die Schliessung der Strasse von Hormuz ein Casus Belli.
Die Iraner wollen die Strasse von Hormuz genauso wenig schliessen wie die USA. Sie haben dort dasselbe strategische Interesse, dass nämlich das Öl rauskommt. Allerdings belauern sich die iranischen und die US-Seestreitkräfte im Golf. Die Amerikaner schlugen mehrmals vor, eine direkte Telefonverbindung zwischen ihrer 5. Flotte und dem iranischen Marinekommando einzurichten, um Missverständnisse zu vermeiden. Die Iraner wollten das aus westlicher Sicht pragmatische Angebot aber nicht annehmen, weil sie damit die Präsenz der 5. Flotte im Golf akzeptieren würden. Inoffizielle Kontakte gibt es aber sehr wohl.

Ist die Kriegsgefahr also nicht so gross, wie sie in gewissen Medien dargestellt wird?
Nein, die Kriegsgefahr wird übertrieben.

Erstellt: 05.03.2012, 10:13 Uhr

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Obama redet Israel-Lobby ins Gewissen

Ein Tag vor den direkten Gesprächen mit dem israelischen Premier Benjamin Netanyahu versuchte Barack Obama, die Differenzen in der Iran-Frage zu überbrücken. «Wir werden nicht zögern, Gewalt zu gebrauchen«, versicherte der Präsident, «keine Option ist vom Tisch. Und ich meine, was ich sage.» Seine Politik sei exakt jene Israels, nämlich den Iran davon abzuhalten, Atomwaffen zu bauen. «Ich betreibe keine Politik der Eindämmung», widersprach Obama den Kritikern der amerikanischen Israel-Lobby und den republikanischen Kandidaten, die einmal mehr versuchen, die traditionell demokratischen jüdischen Stimmen zu gewinnen.

Obama nutzte am Sonntag die Jahresversammlung der einflussreichsten Israel-Lobby des Landes, des American Israel Public Affairs Committee (Aipac), um die starken persönlichen Spannungen mit Netanyahu abzubauen. Schon vorab hatte der Präsident in einem Interview mit Jeffrey Goldberg, einem Meinungsführer der jüdischen Wähler, seine Iran-Position präzisiert. Wenn er einen Militärschlag als Option bezeichne, sagte Obama, «dann ist das kein Bluff». Anderseits wäre es nicht gescheit, seine exakten Absichten bekannt zu machen. Indes weigerte sich Obama auch vor der Aipac, die rote Linie einer Intervention dort zu ziehen, wo sie Netanyahu ziehen will.

Die israelische Regierung sagt, der Iran habe die Kapazität zur Herstellung von Atomwaffen schon erreicht; ein Militärschlag sei deshalb gerechtfertigt. Die USA hingegen widersprechen dieser Ansicht. Gegen einen Schlag im heutigen Umfeld spricht aus amerikanischer Sicht auch die limitierte Kapazität Israels. Das Land könnte nur begrenzte und hochriskante Bombenangriffe fliegen, während die USA zu einem breiten Schlag mit Bombern, Kampfjets sowie Hunderten Lenkwaffen bereit wären.

Doch vor einem solchen Militärschlag schreckt Obama zurück. «Ich habe die Verpflichtung gegenüber dem amerikanischen Volk, nur dann Gewaltmittel zu gebrauchen, wenn die Zeit und die Folgen dies erfordern», sagte Obama. Im Fall des Iran gebe es noch diplomatische Optionen. Er sprach mit Blick auf seine Kritiker von einem «verantwortungslosem Kriegsgeschwätz». Dies nütze nur dem Regime im Iran. Je höher der Ölpreis, desto mehr Einnahmen für das Teheraner Regime. Die Kriegstreiber schaden auch Obama. Der höhere Erdölpreis hat das Benzin in den USA bereits stark verteuert. Dies aber gefährdet den Aufschwung und damit die Wiederwahl des Präsidenten, der wesentlich auf bessere Wirtschaftsdaten angewiesen ist.

Die Geschichte Israels sei eine Geschichte der Hoffnung, sagte Obama gestern, die USA und Israel glaubten «an die gleichen grossen Dinge. Zusammen bauen wir eine bessere Welt». Wie berechtigt diese Hoffnungen sind, wird Obama heute in den direkten Gesprächen mit Netanyahu erfahren.(Walter Niederberger, San Francisco)

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