Interview

«Die Macht des Militärs steht auf der Kippe»

In Kairo liefern sich Anhänger und Gegner von Mursi blutige Kämpfe. Nahostexperte Arnold Hottinger sagt, was passiert, wenn das Ultimatum der Armee abläuft und warum sich Abdel-Fattah al-Sisi gut inszeniert.

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Mursi-Anhänger harren seit fast einem Monat in Kairo aus und fordern die Rückkehr des gestürzten Präsidenten. Wie ist die Lage vor Ort?
Im Grunde haben die Muslimbrüder die Intention von friedlichen Protesten. Trotzdem kommt es immer wieder zu Zusammenstössen. So auch in der letzten Nacht und heute Vormittag. Es gibt einzelne Gruppen der Muslimbrüder, die versuchen, den Verkehr zu stören und Verkehrsarterien zu unterbrechen. Und die Armee geht sehr radikal dagegen vor.

Seit gestern starben bei den Kämpfen zahlreiche Menschen, die Rede ist von bis zu 75. Wie kommt es zu so vielen Toten?
Das sind scharfe Schüsse der Armee. Sie hat die Geduld verloren. Anfangs hoffte sie noch, dass die Muslimbrüder ermüden würden und die Demonstrationen abnehmen. Nun merkt das Militär, dass dies nicht so rasch der Fall sein wird, und greift ein. Nicht nur auf der Strasse, sondern auch mit einer offiziellen Anklage gegen Mursi.

Der gestürzte Präsident sitzt seit gestern in Untersuchungshaft. Was wird ihm vorgeworfen?
Die Armee muss irgendwie rechtfertigen, dass Mursi weiter festgehalten werden kann. Zur Last gelegt wird ihm ein Gefängnisausbruch vor zwei Jahren. Bei der Revolution im Januar 2011 wurde er zusammen mit anderen Muslimbrüder-Chefs festgenommen – nur vorübergehend. Dann kam es zu einem Gefängnisausbruch mit mehreren Toten. Mursi soll den Ausbruch zusammen mit der Hamas aus dem Gazastreifen organisiert haben. Er wird für die vielen Opfer verantwortlich gemacht.

Wie realistisch sind diese Vorwürfe?
Das ist schwierig zu sagen. Es gibt auch anderen Theorien. Zu dem Zeitpunkt herrschte grosses Chaos in ganz Ägypten. Die Polizei zog sich zurück, offenbar auch aus den Gefängnissen. Weil sich niemand mehr um die Häftlinge kümmerte, griffen Verwandte der Insassen und vielleicht auch Mitglieder der Hamas ein und halfen ihnen zu entkommen.

Nun droht die Lage zu eskalieren: Heute läuft ein 48-Stunden-Ultimatum des Militärs ab. Die Islamisten sollen sich am Versöhnungsprozess beteiligen. Werden sie einlenken?
Nein, das werden sie sicher nicht.

Wie reagiert das Militär darauf?
Entweder sie zeigen sich geduldig und warten darauf, dass die Proteste selbst auslaufen und die Demonstranten ermüden. Eine andere Möglichkeit wäre die Reaktion mit Gewalt. Die brutale Vorgehensweise der Armee in den letzten Stunden lässt Letzteres als weitaus realistischeres Szenario erscheinen. In diesem Fall wird das Militär zu scharfer Munition greifen.

Am Freitag hat der Armeechef Abdel-Fattah al-Sisi alle «ehrlichen Ägypter» zu einer Massenkundgebung zusammengerufen. Was bezweckt er damit?
Die Demonstration auf dem Tahrir-Platz in Kairo war riesig. Zurzeit versucht Sisi mit allen Mitteln, seine Position zu stärken. Die Armee sagt ja immer: Wir schiessen nicht auf Ägypter. Er will demonstrieren, dass wahre Ägypter hinter ihm stehen, und nicht hinter Mursi. Die Armee ist der Staat, und dieser kann Staatsgewalt anwenden. Zudem gibt es eine ausländische Komponente. Je mehr Volksunterstützung Sisi bekommt, desto besser ist seine Verhandlungsposition mit Amerika oder anderen Ländern. Dabei geht es auch um die Frage: War Mursis Sturz ein Militärputsch oder nicht?

Es gab Feuerwerk und Hubschrauber, die über dem Tahrir-Platz kreisen – Sisi inszeniert sich gut.
Ja, das tut er. Ob er es gerne tut oder ob es automatisch passiert ist, ist schwer zu sagen. Das Volk braucht einen Kopf, den es als Symbol für die Armee feiern kann. Ein Blick auf die Strassen zeigt dies ganz gut. Die Leute schreien: «Nieder mit Sisi» oder «Zurück mit Mursi». Es geht um die Personifizierung der Macht.

Ägypten ist tief gespalten. Neben den Anhängern und Gegnern Mursis gibt es Menschen, die keine der beiden Seiten unterstützen.
Ja, das sind kleineren Gruppen, die die Armee nicht aktiv unterstützen wollen. Sie denken, dass das Militär in die Kasernen und nicht auf die Strasse gehört. Viele von ihnen gehören der Jugendbewegung 6. April an, die später auch die Revolution im Jahr 2011 mitorganisiert hat. Sie stehen schon lange in einem linksorientierten Kampf gegen die Diktatur. Aber das sind nur kleine Gruppen, die im Gegenzug zu den grossen Massenprotesten wenig bewirken können.

Wie gehen die Proteste weiter?
Unter den Muslimbrüdern gibt es Führungsfiguren, die versuchen, die jungen Leute dazu zu bringen, die Hauptdemonstration auf dem Platz vor der Rabaa-al-Adawiya-Moschee im Viertel Nasr in Kairo zu verlassen. Sie vermuten, es könnte beim Eingreifen der Armee zu einem Gemetzel kommen. Doch die Demonstranten sagen sich, wir sterben lieber, als dass wir nachgeben.

Wie sehen die nächsten Monate in Ägypten aus?
Es wird sich zeigen, ob das Militär sich an der Macht halten kann. Zurzeit steht dies ziemlich auf der Kippe. Beobachter sagen, dass in den Dörfern Ägyptens noch nie so viel demonstriert wurde wie seit der Zeit der Engländer im den 1920er-Jahren. Sollte die Armee weiter regieren, werden die Muslimbrüder wahrscheinlich weiter zurückgedrängt. Wenn sie mich zum Prophezeien anregen, würde ich sagen, dass die Muslimbrüder in einem halben oder in einem Jahr zu einer Untergrundopposition geworden sind. Dann könnte sich die wirtschaftliche Situation im Land so verschlechtern, dass die Mehrheit der Demonstranten wieder auf die Seite der Muslimbrüder wechselt. Damit würde eine neue Machtdemonstration gegen die Armee entstehen.

Erstellt: 27.07.2013, 16:33 Uhr

Der Journalist und Autor war langjähriger Nahostkorrespondent der «Neuen Zürcher Zeitung». Er gilt als einer der wichtigsten Experten für den Nahen Osten und hat zahlreiche Publikationen über die arabische Welt verfasst.

Arnold Hottinger wuchs in Düsseldorf und Basel auf, studierte Orientalistik und Romanistik an der Universität Zürich. Weiterführende Studien verfolgte er in Paris, Chicago, Kairo und Beirut. Er spricht nebst sechs weiteren Sprachen fliessend Arabisch. (Bild: Keystone )

Video

Strassenschlacht in Kairo: Gegner und Anhänger des gestürzten Präsidenten Mursi bewerfen sich gegenseitig mit Steinen. (Video: MoheetTV)

Tote bei nächtlichen Auseinandersetzungen in Kairo. (Video: Reuters )

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