Die Mädchen dürfen jetzt Fragen stellen

Als Boko Haram in Nigeria ein Internat überfiel, entkamen 57 Mädchen. Eine private Universität nahm viele von ihnen auf. Dort sind sie dem westlichen Wissen, von dem die Fanatiker sie fernhalten wollten, nun verfallen.

57 nigerianische Internatsschülerinnen konnten der Terrormiliz Boko Haram entkommen. Foto: AP, Keystone (Symbolbild)

57 nigerianische Internatsschülerinnen konnten der Terrormiliz Boko Haram entkommen. Foto: AP, Keystone (Symbolbild)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie kamen mitten in der Nacht ins Internat. Die Mädchen sollten unverzüglich auf die bereitgestellten Lkw springen, dann werde man sie vor den anrückenden Kämpfern der Boko-Haram-Miliz in Sicherheit bringen, riefen die uniformierten Männer. Die meisten der mehr als 300 aus dem Schlaf gerissenen Schülerinnen gehorchten. Zu den wenigen, die sofort Verdacht schöpften, gehörte Grace*. «Sie hatten Badelatschen statt Militärstiefel an», erinnert sich die 18-Jährige. «Und um den Kopf trugen sie Tücher.» Grace sprang aus dem Fenster ihres Schlafsaals und rannte in den Busch, ohne sich noch einmal umzuschauen. Erst am übernächsten Tag wagte sie sich zurück.

Es war ihre Rettung. Denn die Männer in Uniform waren selbst Kämpfer der Boko-Haram-Sekte. Weit mehr als 200 Oberschülerinnen entrissen sie in dieser Nacht zum 15. April des vergangenen Jahres in Chibok im Nordosten Nigerias der den Islamisten verhassten «westlichen Erziehung». Wo die Entführten heute sind, ist unbekannt. Vermutlich wurden sie den Milizionären als Ehefrauen zugeführt. Oder anders gesagt: als Sexsklavinnen.

57 Mädchen gelang allerdings die Flucht. Manche sprangen wie Grace aus dem Fenster des Schlafsaals, andere später von den Ladeflächen der Lastwagen, als diese wegen einer Panne eine Pause einlegen mussten.

Die unsichtbaren Dinge sehen

Ein knappes Jahr später sitzen vier der entkommenen Mädchen in einem lichtdurchfluteten Unterrichtsraum der American University of Nigeria (AUN) in Yola, deren imposante Gebäude wie eine Oase des Wohlstands und Wissens aus der Halbwüste hervorstechen. Sie lachen, schauen neugierig unter ihren Kopftüchern hervor und beteuern, wie wohl sie sich in ihrer neuen Umgebung fühlten. Dem angeblich schädlichen «westlichen Wissen», von dem die islamistischen Fanatiker sie fernhalten wollten, sind sie nun gänzlich verfallen. Die 19-jährige Amina* weiss inzwischen, wie man im Internet surft, und hat auch schon durch ein Mikroskop geschaut. Es sei unglaublich, «plötzlich unsichtbare Dinge sehen zu können», sagt sie mit strahlenden Augen. «Bildung ist wie ein Seil, an dem man sich hochziehen kann.»

Eine Stunde lang darf der Besucher mit den Schülerinnen über alles reden – nur Fragen über die Entführungsnacht sind nicht erlaubt. Ihr Trauma sei noch immer unbewältigt, sagt Margee Ensign, Präsidentin der privaten Eliteuniversität: Die Mädchen schliefen schlecht und redeten höchstens untereinander über das Erlebte. Auch der Umstand, dass sie hier im Bildungsparadies lernen könnten, während ihre Freundinnen durch die Hölle gingen, stecke den Mädchen noch in den Knochen.

Dass die Entkommenen überhaupt in Yola landeten, ist vor allem Godiya zu danken. Die zierliche 27-Jährige gehört zum vielköpfigen Sicherheitsteam der Universität, die ohne diesen Schutz kaum bestehen könnte. Keine Institution im unter Notstandsrecht stehenden Bundesstaat Adamawa böte den Boko-Haram-Kämpfern ein besseres Ziel.

Godiya erzählte im vergangenen August auf der Arbeit, dass auch ihre Schwester Fatima* zu denen gehörte, die dem Überfall in Chibok entkamen. Seit Wochen hänge die 18-Jährige untätig zu Hause herum, voller Angst vor Racheakten der Fanatiker, die ihre Heimatstadt inzwischen eingenommen hatten. Das kam Margee Ensign zu Ohren, und mit ihrem Einverständnis machte sich Godiya wenig später auf die 300 Kilometer weite Reise nach Chibok. Die energische Uni-Chefin hatte dafür gesorgt, dass wenigstens zehn Mädchen ein einjähriges Stipendium am Gymnasium der AUN finanziert bekämen. Godiya sollte nun erkunden, ob es dafür überhaupt Interesse gab.

Zehn Tage lang durchkreuzte die Kundschafterin auf dem Beifahrersitz eines Motorrades den Distrikt, oft in strömendem Regen. Einmal, erzählt Godiya, seien sie sogar über eine Kobra geholpert. Die meisten Eltern reagierten äusserst skeptisch auf den Vorschlag, ihre Kinder sollten in Yola zur Schule gehen. «Bildung ist dieser Tage lebensgefährlich», sagte eine Mutter. «Sollen wir denn noch einmal riskieren, dass unsere Mädchen aus einer Schule entführt werden?» Selbst auf den eigenen Vater habe sie drei Tage lang einreden müssen, bis er Fatima endlich freigab, erzählt ­Godiya. Nur weil er gewusst habe, dass sie selbst in Yola in der Nähe sein werde, habe er letztlich eingewilligt.

Als sie schliesslich mit Mühe neun Schülerinnen gefunden hatte, stiess Godiya am Ende ihrer Mission auf ein umgekehrtes Problem. Mit einem letzten Stipendienangebot in der Tasche traf sie auf die Familie der beiden Halbschwestern Mary* und Rose*, die damals Hand in Hand vom Lkw gesprungen und so Boko Haram im letzten Moment entkommen waren. Sie sah sich gezwungen, die beiden Mädchen Lose ziehen zu lassen: «Du kannst nach Yola», stand auf dem einen Zettel, «du wartest auf eine neue Chance», auf dem anderen. Aber auch hier fand sich eine Lösung: Als die Uni-Präsidentin von dem Drama erfuhr, sorgte sie noch für einen elften Platz.

Schule ist einfach das Grösste

Und dann musste alles plötzlich sehr schnell gehen. Ein Vater teilte mit, die Lage in Chibok habe sich dramatisch verschlechtert, die Familien müssten fliehen, die Mädchen sollten so schnell wie möglich abgeholt werden. Godiya, Ensign und der Chef des Sicherheitsteams, ein früherer US-Soldat, schnappten sich einen Universitätsbus und machten sich gegen Norden auf. Die elf Mädchen und ihre Eltern mussten dem Bus allerdings entgegenkommen, weil der sich nicht ins Boko-Haram-Gebiet vorwagen konnte. «Sie hatten alle nur ein kleines Köfferchen bei sich», erinnert sich Ensign.

In Yola angekommen, machte ein Vater deutlich, dass nun die ganze Verantwortung beim Uni-Personal lag: «Wir erwarten, dass ihr unsere Mädchen in jeder Hinsicht beschützt.» Falls die Schule den Vertrauenstest aber bestehe, könnten weitere Kinder folgen. Wenige Tage später standen tatsächlich vier andere Schülerinnen vor dem Tor der Universität, einen Monat darauf noch einmal sechs. Schliesslich sah sich Ensign gezwungen, den Zustrom zu stoppen: «Uns standen einfach nicht mehr genügend Mittel zur Verfügung.»

Zur Schule zu gehen, sei für die mehrheitlich christlichen Mädchen in Chibok das Grösste gewesen, sagt Amina. Die Schülerinnen hätten kleine Bohnen­felder bestellt und mit deren Erträgen das Schuldgeld finanziert. Die Behörde sei ihnen entgegengekommen: Damit genügend Zeit zum Pflücken bliebe, habe sie die Ferien extra auf die Erntesaison im September gelegt.

Amina will Biologie studieren

«Hier in Yola ist natürlich alles anders», sagt Aminas Freundin Grace: «Hier ist es wie in Amerika.» Man könne während des Unterrichts sogar Fragen stellen. Nichts sei so wie in Chibok, wo in einer Klasse mehr als 65 Mädchen sassen und alle die Klappe zu halten hatten.

Wenn sie in einem halben Jahr das Abitur besteht, will Amina Biologie studieren und die drei anderen Mädchen Medizin. «Helfen und Leben retten», sagt Grace, «ist das Wichtigste im Leben.» Und wenn sie ihre Ausbildung abgeschlossen hätten und es in Chibok wieder sicher sei, würden sie alle vier wieder in die Heimat zurückkehren. «Dort kennen wir uns aus», sagt Amina, «und dort braucht man uns.»

Doch zuvor will sie noch, dass ihr Margee Ensign im 25-Meter-Becken des Uni-Sportclubs das Schwimmen beibringt. In Chibok gebe es nämlich weit und breit weder ein Schwimmbad noch einen See: «Ich will hier noch etwas lernen, was ich zu Hause nie lernen kann.»

* Namen von der Redaktion geändert.

Erstellt: 17.02.2015, 19:46 Uhr

Grafik zum Vergrössern anklicken.

Artikel zum Thema

Boko Haram attackiert nigerianische Grossstadt

Laut Augenzeugenberichten sollen Kämpfer der Islamistenmiliz in den 250'000-Einwohner-Ort Gombe eingefallen sein. Unterdessen riss eine junge Selbstmordattentöterin 16 Menschen mit in den Tod. Mehr...

Boko Haram verfügt über 4000 bis 6000 fanatische Kämpfer

10'000 Menschenleben gingen im vergangenen Jahr auf das Konto der Extremistengruppe Boko Haram. Laut US-Geheimdienst verfügt sie über ein grosses Netzwerk und kann auf Tausende Kämpfer zurückgreifen. Mehr...

Mit Pfeil und Bogen gegen den Terror

Boko Haram terrorisiert den Nordosten Nigerias – besetzt Städte, metzelt ganze Dorfgemeinschaften nieder. Warum konnte die mächtige Armee die wenigen Tausend Islamisten nicht stoppen? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Reparaturen am Schiff: Ein Mann arbeitet auf einer Werft entlang des Buriganga Flusses am südlichen Rand der Stadt Dhaka in Bangladesch. (15. Oktober 2019)
(Bild: Zakir Hossain Chowdhury/NurPhoto/Getty Images) Mehr...