Die Männer werden ihr folgen

Die Psychologin und Bloggerin Fatouma Harber hat den Islamisten und der Regierung in Mali die Stirn geboten. Jetzt bildet sie in Timbuktu Frauen zu digitalen Aktivistinnen aus.

Fatouma Harber absolvierte dank einer holländischen Hilfsorganisation eine Ausbildung zur Bloggerin. Foto: Jonathan Fischer

Fatouma Harber absolvierte dank einer holländischen Hilfsorganisation eine Ausbildung zur Bloggerin. Foto: Jonathan Fischer

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Als Fatouma Harber in der Auberge du Desert eintrifft, nicken die Wachmänner mit den umgehängten Maschinengewehren der kleinen Frau fast ehrfürchtig zu. Jeder kennt sie in Timbuktu. Und jeder weiss, dass die 40-jährige Psychologin, Lehrerin und Bloggerin mit dafür verantwortlich ist, dass die «Mysteriöse» und «Stadt der 333 Heiligen», wie die Einwohner sie gerne nennen, heute nicht von der Weltöffentlichkeit vergessen wird.

Vielleicht hatte man sich eine militante Menschenrechtsaktivistin anders vorgestellt. Irgendwie westlicher gekleidet. Weniger traditionell: Dass Harber – Hornbrille, schwarzer Hijab, bis zu den Knöcheln reichende Kleider – ihre strenge islamische ­Religiosität auch nach aussen demonstriert, hat ihr in Timbuktu jedenfalls nicht geschadet. Wer hätte gerade sie verdächtigt, während der Besatzung der Stadt durch Jihadisten in den Jahren 2012 bis 2013 unter dem Pseu­donym Fatittystar brisante Nachrichten aus der abgeschnittenen Stadt in die Welt zu schicken? Wer hätte hinter ihrer nüchternen Fassade den rebellischen Geist einer der bekanntesten Bloggerinnen Malis vermutet?

Rechtsfreies Gebiet

«Als die bewaffneten Gruppen in unser Gebiet kamen, waren alle Ausländer, alle Journalisten geflohen. Da fing ich an, den ganzen Tag zu twittern: Über die ständigen Kleiderkontrollen, über die Frauen, die von den ­Jihadisten wegen angeblicher Sittenverstösse in der Polizeistation gefangen gehalten wurden, das Verbot, Musik zu hören oder an den Gräbern der Sufi-Heiligen zu beten.»

Später, als ausländische Medien ihre Berichte aufnahmen und Harbers Blog für einen Preis nominiert wurde, musste sie aus der Stadt nach Bamako fliehen. Aber sie kam zurück. Weil der Kampf nach der Befreiung der Stadt durch eine französisch-malische Interventionstruppe noch längst nicht gewonnen war.

Auch heute noch gelte die Region um Timbuktu weitgehend als rechtsfreies Gebiet und Selbstbedienungsladen für militante Gruppen. Niemand sei hier sicher, sagt sie. Und nicht einmal die heimische Presse berichte darüber, wenn in einem abgelegenen Dorf geplündert und gemordet werde. «Heute sind wir immer noch Opfer, nur dass die Übergriffe nun auch von den Milizen und der malischen Armee kommen, welche die Regierung hierherschickt, um uns angeblich zu beschützen.»

Dass Fatouma Harber das anspricht, macht sie verwundbar. Sie und ihre Familie hätten Morddrohungen erhalten: «Die bewaffneten Gruppen betrachten meine Arbeit als Einmischung in ihre Geschäfte.» Geschäfte, die oft illegal sind und den lukrativen Handel mit Kokain und Marihuana einschliessen. Der Transport der Rauschgiftladungen aus Kolumbien über die Wüste Nordmalis und das Mittelmeer Richtung Europa ist ein Milliardengeschäft.

«Als die Jihadisten in unser Gebiet kamen, flohen alle Ausländer. Da fing ich an, den ganzen Tag zu twittern.»

Allerdings lässt sich Harber nicht einschüchtern. Seit einigen Jahren schon bildet sie heimische Frauen darin aus, wie man digitale Technik nutzt und für politische Zwecke einsetzt. Dutzende von Bloggerinnen und Journalistinnen haben das bei ihr gelernt. Ihr Bildungszentrum Sankoré-Labs – benannt nach dem Stadtteil Sankoré, wo vor 900 Jahren in Koranschulen und Universitäten Gelehrte aus ganz Arabien lehrten – will den alten demokratischen Geist Timbuktus im Zeichen der Digitalisierung erneuern.

Doch bevor es um Menschenrechte, staatliche Korruption und die Rolle des Islam geht, will sie erst mal über einen ihrer ehemaligen Schüler reden: Mohammed Ag Khaedy. Er war während der Besatzung einer der lokalen Anführer der Jihadistengruppe Ansar Dine gewesen. Heute morgen hatte sich ein Selbstmordattentäter dieser inzwischen als JNIM firmierenden Bewegung dem einzig verbliebenen Hotel der ehemaligen Touristen-Attraktion Timbuktus genähert. Die Auberge du Desert, dasselbe Hotel, in dessen neon-beleuchtetem Speisesaal wir nun das Interview führen.

Harber kennt einige der Jihadisten nur allzu gut. Mohammed Ag Khaedy etwa sah sie im Fernsehen, als er zusammen mit anderen mit Spitzhacke bewaffeneten Jihadisten ein Grabmal eines Sufi-Heiligen zerstörte. «Er war ein wohlerzogener Tuareg-Junge», sagt Harber, die mal seine Lehrerin war. «Zwar hat er auf Grund seiner religiösen Erziehung schon damals Frauen nicht die Hand gegeben – aber das war nicht bösartig. Oft hat er mir aus seinem Dorf handgefertigten Schmuck aus Kamelleder mitgebracht.»

An diesem Morgen ist das Sprengstoff-beladene Auto fünfhundert Meter vor seinem mutmasslichen Ziel explodiert. Eine Mitteilung der Ansar Dine Nachfolgeorganisation JNIM verkündet am nächsten Tag, «einer unserer Märtyrer» habe seine Mission erfolgreich abgeschlossen und fünf ungläubige Franzosen in den Tod befördert

Horrende Online-Gebühren

Harber denkt nicht daran, fortzugehen: «Mich treibt eine Frage um: Wie können wir den Frauen helfen, wieder auf die Beine zu kommen?» Diese seien einerseits die Hauptleidtragenden der Besatzung und der nachfolgenden Krise. Andererseits: «Frauen haben schon immer die Führerschaft in Timbuktu übernommen. Wenn sie vorangehen, folgen die Männer nach.»

Als der Staat Harber 2012 an eine Schule nach Bamako versetzen wollte, blieb sie trotzdem da. Sie absolvierte dank einer holländischen Hilfsorganisation eine Ausbildung zur Bloggerin. Und als die Organisation 2015 beschloss, Mali zu verlassen, machte sie auf eigene Faust weiter. Sie übernahm das Mobiliar und die 15 Computer, rekrutierte ein Team von Freiwilligen und schuf mit den Sankoré-Labs einen Ort, an dem sie vor allem Frauen und Jugendliche in digitaler Technik und ihrer journalistischen Nutzung unterrichtet.

Harbers Aktivismus bleibt nicht im Digitalen. Sie unterstützt die lokalpolitisch engagierten Jugendlichen von «Collectif Tombouctou Reclame Ses Droits» und hat Debattierclubs ins Leben gerufen. Das vorgegebene Thema: Was bedeutet Demokratie? Das entspreche der Tradition der Stadt, in der es in den Koranschulen üblich gewesen sei, dass Schüler ihre Lehrer alles fragen durften.

Die Gotteskrieger hätten an der für ihre Wissenschaftstradition berühmten Stadt ein Exempel statuieren wollen. Nur die wenigsten Jihadisten seien aus Timbuktu selbst gekommen. Vielmehr hätten in Saudiarabien geschulte Prediger seit den Achtzigerjahren die Stadt aufgesucht – und mangels Zuspruchs der Bevölkerung Gläubige mit Essen und Geldgeschenken in ihre Moscheen am Stadtrand und auf den Dörfern gelockt. Auch ihr Schüler Ag Ghaly habe sich dort radikalisiert.

Heute aber seien nicht die Islamisten das grösste Problem, sondern die Gleichgültigkeit des Staats. Alle sozialen Initiativen vor Ort würden von Hilfsorga­nisationen getragen. Und dann erst der Zustand des Strassennetzes. «Dritte Nacht der Blockade des Militärflughafens durch Demonstranten», meldet Harber am 8. September unter dem Hashtag «Tombouctouveutuneroute». Drei Tage später kommen drei Minister aus Bamako und unterschreiben ein Abkommen über die Fertigstellung einer Überlandstrasse und die Sanierung des maroden Spitals.

Das nächste Projekt: eine Kampagne zur Senkung der horrenden Online-Gebühren durch die zwei malischen Monopol-Telefongesellschaften, damit sich mehr Bürger im Netz informieren können. «Ein Parlamentsabgeordneter», sagt Harber, «hat uns Blogger als Drogenabhängige geschimpft. Aber sie können uns nicht stoppen.» Harber lächelt zum ersten Mal vorsichtig. «Vielleicht sind wir wirklich berauscht. Berauscht von Demokratie.»

Erstellt: 16.10.2019, 19:25 Uhr

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