Die Ölindustrie verschmutzt auch anderswo

In Nigeria, Kanada und Sibirien ist die ökologische Katastrophe Alltag, nur schaut keiner hin. Es fehlt der Wille der Regierungen, die Bevölkerung beim Kampf gegen die Erdölkonzerne zu unterstützen.

Eine brennende Ölpipeline im Nigerdelta zwingt Anwohner zur Flucht.

Eine brennende Ölpipeline im Nigerdelta zwingt Anwohner zur Flucht. Bild: Keystone

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Tag für Tag, Liter für Liter sprudelt das Öl im Golf von Mexiko ungehindert ins Meer. Gemäss neuen Schätzungen von BP könnten es bis zu 16,9 Millionen Liter täglich sein. Eine ökologische Katastrophe. Wegschauen geht nicht, denn US-Präsident Barack Obama und mit ihm die amerikanische Nation empören sich lautstark. Letzte Woche hat sich BP denn auch bereit erklärt, 20 Milliarden Dollar in einen Notfonds zur Entschädigung der Betroffenen sowie zur Behebung der Umweltschäden einzuzahlen.

Derweil gibt es Orte, wo die Ölindustrie die Umwelt genauso stark und schon viel länger verschmutzt und keiner hinschaut, geschweige denn bezahlt. Das Nigerdelta zum Beispiel. Dort leben, trinken, kochen und waschen die Menschen mit verschmutztem Wasser. Sie essen Fische, die mit Erdöl vergiftet sind falls es noch welche gibt. Sie leiden unter Atemproblemen, weil sie verseuchte Luft einatmen. Und auch der Boden ist kontaminiert. Der Grund: Lecks in den Ölpipelines, die das Mündungsgebiet des drittgrössten Flusses Afrikas wie ein Netz überziehen. Nigeria gehört zu den grössten Erdölfördernationen der Welt.

Den Regierungen fehlen die Mittel

«Das Ausmass der Katastrophe ist riesig», sagt Danièle Gosteli Hauser, Expertin für Wirtschaft und Menschenrechte bei Amnesty International. «Der Ölhahn tropft seit Jahrzehnten.» Zwischen 1976 und 2001 seien 6800 Erdölseen entstanden. Die Gründe für die Lecks in den Pipelines sind vielfältig: Korrosion, schlechte Wartung, menschliches Versagen, Vandalismus, Diebstahl oder Sabotage. Shell, der wichtigste Erdölförderer im Nigerdelta seit den 1960er-Jahren, stelle sich auf den Standpunkt, dass 80 bis 85 Prozent aller Lecks durch Sabotage entstanden seien, sagt Gosteli Hauser. «Das stimmt bei weitem nicht. Doch Shell beharrt auf diesen Zahlen, weil der Konzern nur dann Schadenersatz zahlen muss, wenn die Lecks nicht auf Sabotage zurückzuführen sind.»

Für die Instandstellung der Leitungen und das erlittene Unrecht könnten die Firmen theoretisch verantwortlich gemacht werden. Praktisch geschieht das kaum. Die nigerianische Regierung übernimmt im Gegensatz zur amerikanischen keine Verantwortung für ihre Bevölkerung, die kaum Zugang zu Informationen über die Auswirkungen der Ölförderung hat. «Der Regierung fehlen die Mittel, um gegen die Konzerne vorzugehen. So ist sie auf Shell-Fahrzeuge angewiesen, um die Lecks zu besichtigen, weil sie selber keine entsprechenden Autos hat», sagt Gosteli Hauser.

Angst vor weniger Profit

Es gebe zwar Gesetze, die die Firmen verpflichten würden, die international anerkannten Standards für eine «gute Erdölförderpraxis» einzuhalten. Doch genauso wie die Umweltschutzgesetze würden diese in der Praxis nicht eingehalten. «Die nigerianischen Behörden unternehmen nichts aus Angst vor weniger Investitionen. Zumal die Korruption ein grosses Problem ist und die Regierung am Gewinn mitverdient.»

Dass die Angst der nigerianischen Regierung vor einem allfälligen Investitionsstopp der Ölfirmen begründet ist, zeigte sich letzte Woche: Shell warnte Nigeria davor, ein Gesetz zur Neuregelung des Ölsektors zu verabschieden. Damit würden Investitionen in der Höhe von 40 Milliarden Dollar gefährdet. Shell befürchtet, dass das vorgeschlagene Gesetz die Profite schmälern könnte. Befürworter betonen hingegen, dass dann ein grösserer Teil des Ölreichtums dem Land selbst zugutekomme.

Ölförderung nicht so einfach

Auch Kanada investiert ohne Rücksicht auf die Umwelt Milliarden in die Erdölförderung. 173 Milliarden Barrel Erdöl gibt es laut Greenpeace im Gebiet um die Stadt Fort McMurray in der Provinz Alberta zu holen, 27 Billionen Liter. Damit verfügt Kanada nach Saudiarabien über die zweitgrössten Ölreserven der Welt. Gerade ein Fünfzigstel ist davon bisher gefördert worden.

Doch das Öl lässt sich in den Wäldern Kanadas nicht einfach hochpumpen. Es ist in einer Masse aus Sand, Lehm und Wasser gebunden und muss mit einem extremen Energieaufwand daraus extrahiert werden. Um ein Fass Öl, 155 Liter, zu fördern, sind 300 bis 600 Liter Wasser nötig. «Die Kanadier überlegten sich auch schon, ein Atomkraftwerk zu bauen, um genügend Dampf für die Extraktion des Öls zur Verfügung zu haben. Das zeigt die Dimension des Ganzen», sagt Cyrill Studer, Kampagnenmitarbeiter Klima und Energie bei Greenpeace.

BP verdient in Kanada kräftig mit

Die CO2-Emissionen der kanadischen Ölsandanlagen liegen derzeit bei knapp 40 Millionen Tonnen pro Jahr, das sind drei- bis fünfmal mehr als bei der konventionellen Ölförderung. Schon jetzt sind die Ausmasse der Umweltzerstörung mit blossem Auge aus dem All zu erkennen, und ein Ende der Katastrophe ist nicht abzusehen. Denn es winken Milliardengewinne. Bis in zehn Jahren soll die Förderung auf 4,5 Millionen Barrel pro Tag verdreifacht werden.

Auch die Verursacherin der Katastrophe im Golf von Mexiko, BP, verdient am Ölsandgeschäft in Kanada kräftig mit. Gemäss Greenpeace ist der Konzern zu 50 Prozent an einem der grössten Ölfelder des Landes, dem Husky-Feld, beteiligt. Zudem plane BP eine Investition von drei Milliarden US-Dollar in eine weitere Raffinerie in Alberta.

Forscher Ausbau der Produktion in Russland

In Kanada hat BP im Gegensatz zu den USA leichtes Spiel, denn die kanadische Regierung selbst hat ihre Klimaziele Anfang Juni drastisch heruntergeschraubt: Statt einer Senkung der CO2-Emissionen um 74 Millionen Tonnen visiert sie für das Jahr 2012 nur noch zehn Millionen Tonnen an Einsparung beim Ausstoss an. «Auch daran zeigt sich, dass Kanada zu einem der grössten Umweltverschmutzer weltweit mutiert ist», sagt Studer von Greenpeace.

Nicht weniger forsch baut Russland seine Ölproduktion aus. Letztes Jahr hat das Land mehr Öl als alle anderen Staaten gefördert und damit Saudiarabien an der Spitze der weltweit grössten Erdölproduzenten abgelöst. Die russischen Erdölvorkommen liegen hauptsächlich in Sibirien. Auch dort brechen, wie in Nigeria, Hunderte von Pipelines jährlich und vergiften Böden, Gewässer und Luft. Die Leidtragenden sind die Ureinwohner der Gegend, die Nenzen. Viele Lager dieser nomadisierenden Rentierzüchter sind umgeben von Bohrlöchern. Die Bodenschätze, die auf ihrem Land gewonnen werden, gehören dem Staat. Und der interessiert sich mehr für die Ölfirmen als für die Ureinwohner.

Vorübergehend strengere Kontrollen

Nigeria, Kanada, Sibirien rücken diese kaum beachteten Regionen mit der Ölpest im Golf von Mexiko nun ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit? Macht die Strafverfolgung von BP durch die USA auch anderswo Schule? Studer von Greenpeace ist skeptisch. Zwar finde nun weltweit eine Sensibilisierung statt: Die Menschen würden merken, dass der Ölverbrauch nicht bloss klimaschädlich sei, sondern mit konkreten Umweltverschmutzungen einhergehe. «Doch ob sich damit an Dauerstörfällen wie in Nigeria etwas ändert, ist fraglich.» Wiedergutmachungs- und Gerichtserfolge in den USA liessen sich nicht einfach übertragen, zumal sich viele Störfälle in Gebieten ereigneten, wo die ansässige Bevölkerung wenig zu sagen habe.

Allenfalls sei es möglich, dass sich die Ölfirmen aus Eigeninteresse vorübergehend strenger kontrollieren «schliesslich wird BP zurzeit vorgeführt», so Studer. Doch mittelfristig dürfte wie bis anhin wieder die Profitmaximierung im Zentrum stehen.

Erstellt: 23.06.2010, 23:58 Uhr

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