Die Rache der Jesidinnen

Sie wurden vom IS entführt, ihre Männer erschossen. Nun kämpfen die Jesidinnen für die Rückeroberung von Raqqa – und gegen die «IS-Monster».

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Das nordsyrische Raqqa steht vor der Rückeroberung durch die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF). Vier Jahre lang war die Stadt am Euphrat unter der Kontrolle der Terrormiliz IS und musste deren Gewaltexzesse ertragen. Folterungen, öffentliche Kreuzigungen, Erschiessungen, Enthauptungen – kaum ein Gräuel hat es unter der Terrorherrschaft nicht gegeben.

Seit Mai ist die Stadt aber von der Allianz um die SDF umzingelt, die IS-Miliz ist geflohen oder hat sich in den zerstörten Häusern Raqqas verschanzt und Minen gelegt. Amerikanische Kampfflugzeuge bombardieren die Stadt und treffen dabei auch Zivilisten.

Auf der Seite der Demokratischen Kräfte Syriens, einer Koalition aus kurdischen, christlichen und muslimischen Einheiten sowie internationaler Luftunterstützung, kämpft auch die Frauenverteidigungseinheit YPJ. Über 20'000 kurdische und arabische Frauen sind darin zusammengeschlossen.

Der IS hat das Ziel, die Jesiden komplett auszulöschen.

Im August 2014 halfen sie mit, Tausende Jesiden zu befreien, die vom IS ins Sinjar-Gebirge vertrieben wurden und dort festsassen – ohne Wasser, ohne Essen. Zumindest jene, die von der Terrormiliz nicht getötet oder versklavt wurden. Aus den überlebenden Jesidinnen bildete sich 2015 eine eigene Einheit, YJE genannt, um sich künftig gegen den IS wehren zu können.

Vier Wochen Ausbildung – nicht nur an der Waffe

Die religiöse Minderheit lebt im Grenzgebiet im Norden des Irak und Syriens sowie in der Türkei. Der jesidische Glaube ist eigenständig, mit Elementen verschiedener anderer Religionen. Wegen dieser Eigenheit sind die Jesiden schon seit Jahren im Visier von radikalen Islamisten. Mit dem Aufstieg des IS begann dieser sie systematisch zu bekämpfen, mit dem Ziel, die Religion komplett auszulöschen – wer nicht zum Islam konvertiert, wird ermordet.

Die Terrormiliz hatte 2014 viele jesidische Dörfer überrannt und zerstört, die Männer aufgereiht und erschossen, viele der Frauen entführt. Im November 2015 schlugen die Frauen erstmals zurück und vertrieben den IS zusammen mit kurdischen Peschmerga aus dem Sinjar-Gebirge. Seither kämpfen die Jesidinnen an der Seite der Demokratischen Kräfte Syriens, auch in diesen Tagen um die Rückeroberung von Raqqa.

Video: Entführt vom IS

Ein 16-jähriges jesidisches Mädchen berichtet von seiner Tortur. (Juni 2016, Video: Reuters)

Es geht ihnen dabei vor allem um die Befreiung ihrer Schwestern, Cousinen und Freundinnen aus den Händen der «IS-Monster», wie sie die Entführer nennen. Sie berichten der britischen Zeitung «Independent» von 73 Massakern an Jesiden und sagen deutlich, worauf ihr Kampf hinausläuft: «Wir wollen Rache!»

Sie sind diejenigen, die aus den Fängen des IS entkamen oder befreit wurden und seither eine Kriegsausbildung erhielten. Vier Wochen dauert dieser Crashkurs. Nicht nur im Umgang mit Waffen, sondern auch mit Männern. Sie hätten gelernt, wie Männer die Frauen kontrollieren und dass das in fast jeder Gesellschaft so funktioniert. Beim IS sei es offensichtlich, aber die Idee, wie Männer die Frauen unterdrücken, sei allgegenwärtig.

Facebook-Eintrag ging um die Welt

Die Frauen haben durch ihren Kampf Selbstvertrauen gewonnen. «Wir wissen, dass wir uns selber vertrauen und kämpfen können», sagt die Scharfschützin der Einheit, die vor Raqqa auf ihren Einsatz wartet. Vor dem Krieg ging sie in die Schule und hätte nie gedacht, dass sie einmal selbstständig sein könnte.

Nun kämpfen sie für die Freiheit ihres Volkes und warnen sogar die Welt vor den Auswirkungen, wenn Extremisten die Macht übernehmen. Nachdem ein Rechtsradikaler in Charlottesville in eine Menschenmenge fuhr und eine Frau tötete, postete die Gruppe dazu eine Nachricht bei Facebook.

Faschistische, rassistische, patriarchale oder nationalistische Gruppierungen seien eine Gefahr, wie sie am eigenen Leib erfahren mussten, schreiben sie. In den USA habe nun eine Frau ihr Leben lassen müssen. Die Jesidinnen sehen sich als Kämpferinnen gegen Faschismus – weltweit. Die Frauen rufen deshalb dazu auf, sich gegen Terrorgruppen wie den IS oder Nazis zu verbünden und diese zu besiegen.

«Von jetzt an können wir uns selber verteidigen, das haben wir der ganzen Welt gezeigt.»Jesidische Kämpferin

Der Facebook-Eintrag mit dem Bild der vier Frauen und dem Siegeszeichen ging um die Welt. Es hat antifaschistische Bewegungen neues Leben eingehaucht. Die Soldatinnen wissen das aber nicht, in Raqqa gibt es kein Internet, keinen Handyempfang. Was gerade auf der Welt passiert, ist an der Front völlig unwichtig. Es ist ein Leben zwischen Maschinengewehrsalven und Luftangriffen.

Wie geht es nach der Rache weiter?

Die Kämpferinnen sind praktisch alle jung. Die Älteren sind bereits gefallen, eine 26-Jährige ist deshalb quasi die Mutter der Gruppe. In Zimmern voller Waffen warten sie nun auf ihre Rache – für die getöteten Männer, die entführten Verwandten, die gestorbenen Freunde. In wenigen Tagen werden die letzten der «IS-Monster» aus Raqqa vertrieben sein, die Stadt befreit. Damit rechnen zumindest die Demokratischen Kräfte Syriens. Die letzte Offensive hat am Sonntag begonnen, der IS muss sich ergeben oder sterben, heisst es.

Wie es danach für die YJE-Frauen weitergeht, ist auch ihnen unklar. Der Bürgerkrieg in Syrien tobt weiter. Die Regierung von Bashar al-Assad wird Raqqa zurückhaben wollen. Der Kampf gegen Assad ist aber nicht derjenige der Jesidinnen. Ihre Mission ist die Rache am IS – mit der Hoffnung, Überlebende zu finden. «Hätten wir vor vier Jahren schon zu kämpfen gewusst, hätten wir die Massaker und Entführungen vielleicht verhindern können», sagt eine der jesidischen Kämpferinnen. «Von jetzt an können wir uns selber verteidigen, das haben wir der ganzen Welt gezeigt.»

Video: Im Krieg mit der Terrormiliz

Erstellt: 09.10.2017, 16:33 Uhr

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