Hintergrund

Die Salafisten wollen die ägyptische Revolution stehlen

Als sich die Ägypter gegen Hosni Mubarak erhoben, war von den äusserst radikalen Muslimen nichts zu sehen. Nun kämpfen die Salafisten mit Gewalt für einen Gottesstaat.

«Uns schützt nur Gott und nicht dieArmee»: Mit Koran und einem Foto des getöteten Osama Bin Laden, den sie als Märtyrer verehren, demonstrieren Salafisten vor der US-Botschaft in Kairo.

«Uns schützt nur Gott und nicht dieArmee»: Mit Koran und einem Foto des getöteten Osama Bin Laden, den sie als Märtyrer verehren, demonstrieren Salafisten vor der US-Botschaft in Kairo. Bild: Keystone

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Vor zwei Tagen hat Aiman Metri sich die Reste seines Ohrs abnehmen lassen. Viel war nicht übrig, die ultrakonservativen Salafisten hatten es mit einem Teppichmesser abgeschnitten. Einen Monat wird die Wunde heilen, dann bekommt Metri ein künstliches Ohr, aber er wird nie mehr so hören wie früher. Sein Kopf ist verbunden. Hier, in Qena im vernachlässigten, konservativen, glutheissen Oberägypten, eine Stunde nördlich von Luxor, schlingen sich Männer allerlei um den Kopf. Nur hängen aus Metris Turban Schläuche. Aiman Metri ist kein armer Mann, seine Wohnung gross und sauber, die Wände rosa und königsblau, Plüschtiere sitzen auf den Sofas. Der Gegensatz zum grotesken Verbrechen könnte nicht grösser sein. «Sie haben mich getreten und geschlagen, sie wollten mich zwingen, Muslim zu werden», sagt Metri, der Christ: «Ich dachte, sie wollen mich umbringen.»

Sie waren achtzehn Mann, sagt Aiman Metri, und sie haben ihm aufgelauert. Weil einer der Salafisten ein Konkurrent ist, Immobilienmakler wie er, aber schlechter im Geschäft. Weil Metri Kopte ist und eine Wohnung an Muslime vermietete, zwei Schwestern und einen Bruder. Muslime bei einem christlichen Vermieter, das war den Ultrakonservativen Vorwand genug. Ende März, Mubaraks Sturz war keine sechs Wochen her, ging die Wohnung – eine dürftige Bleibe in einem Betonkasten am Rande der Stadt – in Flammen auf.

Islamische Art der Vergeltung

Als Metri den Schaden inspizierte, stürzten die Salafisten die Treppe hinauf: «Schon im Flur schrien sie, dies sei ein Bordell. Sie behaupteten, eines der Mädchen habe eine Beziehung mit mir. Dabei waren es normale junge Leute, sie haben pünktlich die Miete gezahlt, niemand hat sich je beschwert.» Am Ende kamen Hunderte Salafisten zu seinem Haus. Mit dem Teppichmesser. «Nachdem sie mir das Ohr abgeschnitten haben, riefen sie die Polizei an und sagten, sie hätten auf islamische Weise Vergeltung geübt.»

Salafisten brennen Kirchen nieder und steinigen. Sie fallen über Frauen her, Schnapsläden und Sufi-Schreine. Sie wollen im 21. Jahrhundert so leben wie der Prophet vor 1400 Jahren und betrauern Osama Bin Laden als Märtyrer. Sie mieden die Politik, solange Hosni Mubarak herrschte, und als das Volk gegen ihn aufstand, warnten sie vor Aufruhr. Auf dem Tahrir-Platz erschienen sie als Letzte. Aber jetzt sind die Salafisten erwacht. Jetzt fragen sich liberale Muslime, fragen sich Frauen und Kopten, wie sie das befreite Ägypten vor neuer Knechtschaft schützen könnte. Denn die Salafisten wollen die Revolution stehlen.Der verletzte Aiman Metri aus Qena erstattete Anzeige, aber darauf bedrohten die Salafisten seine Kinder.

Die zweite Phase der Revolution

Er zog die Anzeige zurück und will auswandern. Nur raus aus Ägypten. Eigentlich müsste der Staat die Klage vorantreiben, aber Justiz und Polizei sympathisieren mit den Fundamentalisten, sagt Metri, oder sie fürchten sie. Im neuen Ägypten stellen Arbeiter, Ärzte, Studenten Forderungen – und plötzlich auch die Salafisten. Für Mubarak waren die Ultrakonservativen ein Trumpf gegen die verbotenen, aber aktiven Muslimbrüder. Die Muslimbrüder versuchten – wenn auch vergeblich – ihren Einfluss durch Wahlen zu vergrössern. Die Salafisten aber absorbierten den religiösen Eifer der Strengstgläubigen ohne Forderungen nach Mitbestimmung. Diese Abstinenz ist mit Mubarak untergegangen.Vor ein paar Wochen setzte die Regierung einen neuen Gouverneur in Qena ein, einen Offizier der verhassten Polizei, aber eben auch Christ. Aufgebrachte Menschen demonstrierten, Bürgerrechtler, Salafisten. Sie besetzten die Gleise, tagelang fuhr kein Zug nach Kairo.

Einige berichten, die Salafisten hätten die Fahne Saudiarabiens geschwenkt: Salafismus ist eine Spielart des Wahhabismus, der übersteigert puritanischen saudischen Staatsreligion. Ägypten durchlebt, durchleidet die zweite Phase seiner Revolution. In Frankreich stahlen die Jakobiner den Sieg und zerrten die Männer der ersten Stunde auf die Guillotine; im Iran stellte Ayatollah Ruhollah Khomeini Kommunisten und Liberale an die Wand. Ägyptens Jakobiner sind die Salafisten, nicht mehr als eine halbe Million, sagen sie selbst. Sie schockieren durch einzelne Gewalttaten und profitieren von der Schwäche der Demokraten. Die Jugend vom Tahrir hat den Pharao gestürzt, aber sie fremdelt in der praktischen Politik, verkriecht sich in Nichtregierungsorganisationen und schafft keine demokratische Einheitsfront. Die Ägypter brauchen eine neue Verfassung, einen fairen Prozess gegen Mubarak, eine neue Polizei.

Der Sheikh als Vorbild

Die Salafisten aber drängen ihnen eine überflüssige Debatte über den islamischen Staat auf. Sheikh Abdel-Moneim al-Shahat kreuzt die Finger über seinem Kugelbauch, schaut auf das azurblaue Mittelmeer vor Alexandria und spricht vom Leben auf Erden, das sich erfüllt im Gehorsam gegenüber dem göttlichen Gesetz und nicht in billigen Alltagsfreuden. Am Ende wartet dafür auf den guten Muslim das Paradies: «Nicht das irdische Leben ist wichtig, sondern das Danach.» Der Sheikh ist Sprecher der «Predigenden Salafisten-Bewegung», verdient sein Geld als Softwareingenieur bei IBM Ägypten und bildet sich in der Freizeit seit Jahrzehnten fort: Koran, Scharia, Hadith, das ganze Programm. Was er gelernt hat, verbreitet er weiter, «als Prediger, nicht als Politiker»: «Ein Nichtmuslim kann Führungspositionen einnehmen, aber er darf niemals Muslime führen.» Oder: «Der Gesundheitsminister darf kein Christ sein, weil er Medikamente freigeben könnte, die Alkohol enthalten.» Schliesslich: «Wir glauben an die Gleichstellung von Mann und Frau. Aber der Mann ist bestimmt zu führen. Er darf in der Öffentlichkeit auftreten, was der Frau durch die religiösen Vorschriften untersagt ist.» Sheikh Abdel-Moneim wirkt wie die Karikatur eines Fundamentalisten, entworfen von einem Islamhasser wie dem Holländer Geert Wilders. Unter den Frommen Alexandrias ist der Sheikh angesehen, er gilt als Vorbild. In Denken und Handeln orientieren sich Salafisten wie Abdel-Moneim an den Weggefährten des Propheten Mohammed, die von allen Muslimen bis heute verehrt werden.

Die «Vorfahren» sind, vereinfacht, so etwas wie die Apostel des Islam: Die Weggefährten hatten mit dem Religionsstifter gelebt und gekämpft, waren Zeugen seines vorbildlichen Lebens – weshalb sich moderne Salafisten an den Äusserlichkeiten des 7. Jahrhunderts orientieren: Die Frauen tragen den Niqab, den Schleier, der nur einen Sehschlitz freilässt. Dazu kommen Handschuhe – sie wollen keinem fremden Mann berühren, wenn sie ihm die Hand geben, denn das ist «haram», verboten.Die Männer tragen den Bart lang und die Hosen kurz, denn der Prophet hat gesagt, dass ein Muslim weder sein Barthaar kürzen noch seine Hosensäume im Strassenkot schleifen lassen soll. Im Mekka und Medina des siebten Jahrhunderts dürfte das seinen Sinn gehabt haben. Zum Poloshirt von Sheikh Abdel-Moneim sieht das mit den Hosen irgendwie nach zu heiss gewaschen aus. Aber es hat Wiedererkennungswert: Achtung, es naht ein frommer Mann.

Holzzweig statt Zahnbürste

Die Salafiyya war einmal mehr als nur Kleidungsregeln: Sie entstand als Versuch, Religion und Rationalismus miteinander zu versöhnen. Vordenker waren die Reformer Jamal al-Din al-Afghani und Mohammed Abduh, ausgedacht hatten sie sich ihre Theologie Anfang des 20. Jahrhunderts in Paris, im Exil. Ihr Rückgriff auf die Altvorderen war als Modernisierungsprojekt gedacht für eine islamische Welt, die sich im Niedergang befand. Das türkische Kalifat zerfiel. Die Reformer begriffen, dass islamisches Denken sich der modernen Wissenschaft öffnen müsse, wenn die islamische Welt gegen die westlich-christlich-kolonialen Mächte bestehen sollte. Abduh schob sogar das göttliche Recht beiseite, wenn es den Anforderungen der Zeit nicht entsprach: Er sah in der Wissenschaft in bestimmten Fällen die zuverlässigere Richtschnur als den Koran. Vorbilder fand der Reformer bei ebenjenen Gefährten des Propheten, die Mohammeds oft pragmatisches und unorthodoxes Handeln bezeugt hatten.

Vom Modernismus Abduhs ist nicht viel geblieben: Die Salafiyya ist in Ägypten verkommen zu einer Ideologie der buchstabengetreuen Koranexegeten, theologischen Dilettanten und Strassenmissionare. Sie bürsten sich die Zähne mit einem Holzzweig, hören keine Musik und sehen keine Filme. Demokratie und Parlament halten viele für säkulare, liberale und damit verwerfliche Politikmodelle. Handabschlagen und Steinigen betrachten sie als adäquate Rechtsinstrumente im 21. Jahrhundert.Was Abdel-Moneim nicht stört: Er erzählt vom Paradies und geniesst seine bescheidenen irdischen Freuden: «Der Milchreis in unserem Ingenieursklub – ein Gedicht!» Ein Löffelchen noch, und er sagt, was ihn wirklich stört im alten und im neuen Ägypten: «Es wird weiter Alkohol verkauft. Die Banken nehmen Zinsen. Männer und Frauen, die nicht miteinander verheiratet sind, gehen miteinander ins Bett. Es gibt Homosexuelle.» Dann lässt er den Blick vom Milchreis übers Meer schweifen: «Frauen sollen ja Lehrerinnen sein und Krankenschwestern. Aber sie können diese Arbeiten zu Hause leisten. Als Hausfrauen in ihrer Familie, als Lehrerinnen ihrer Kinder.» Der Sheikh sucht nach einem Beispiel: «Deutschland hat die Chance verpasst, die Supermacht Nummer eins zu werden, denn Angela Merkel ist eine Frau.»

Christen und Sufis im Visier

Vater Johannes sitzt in der russgeschwärzten Ruine seiner Kirche im Kairoer Armenviertel Embaba, reicht den verstörten Gläubigen geistesabwesend die Hand zum Kuss. Die Salafisten haben dem koptischen Priester sein Gotteshaus angesteckt. Vorausgegangen war Streit zwischen Christen und Muslimen, es kam zu einem Auflauf der Fundamentalisten vor der Kirche. Christen schossen, Muslime warfen Brandflaschen – in einem Stadtviertel, in dem die Religionsgruppen friedlich zusammenleben, im selben Haus, auf derselben Etage.

Wer Schuld trägt, ist unklar. Klar ist nur: Die Salafisten waren dabei, sie waren die Vorreiter bei der Demonstration vor der Kirche, einer ihrer Prediger hatte im Internet kurz zuvor davon gesprochen, dass für die Christen kein Platz sei in Ägypten. Vater Johannes weiss, dass die regierenden Generäle versprochen haben, den Islamisten den Weg zum Gottesstaat zu versperren. Aber wenn er auf den abgebrannten Altar sieht, sagt er: «Uns schützt nur Gott, nicht die Armee.» Ein anderer Geistlicher ist nüchterner und fragt nach der Strategie der Islamisten: «Die Salafisten konzentrieren sich mit gutem Grund auf die Christen. Die Christen in Ägypten sind ein wichtiges Hindernis auf dem Weg zu einem islamischen Staat.»Doch der Furor der Salafisten richtet sich nicht nur gegen die Christen. Auch die Sufis sind ins Visier der Eiferer geraten. Viele Ägypter sympathisieren mit den Sufi-Orden, die die Einheit mit Gott durch Gesänge und Tanz suchen, die Christen und Juden tolerieren, auch weltliche Gesetze, heilige Männer verehren und noch immer ein paar pharaonische Bräuche pflegen. In den Augen der Salafisten, die jeden Mittler zwischen dem Gläubigen und Gott ablehnen, sind sie Ketzer. Im Delta haben Salafisten Sufi-Schreine zerstört. Einige Sufis warnen bereits vor einem Krieg unter Muslimen, einem innerislamischen Blutbad.Salafisten sind die, vor denen sich Europa immer gefürchtet hat, Spaltprodukte der Revolution, Profiteure des Zusammenbruchs, verhasst bei der Facebook-Jugend in Kairo und Alexandria. Aber für Kaffs wie Genawiya sind sie Hoffnungsträger. Die Wasserbüffel dösen in den staubigen Gassen, Kinder kippen sich Wasser aus Kanistern über den Kopf. Es ist 43 Grad heiss im Dorf, eine Stunde von der Salafisten-Hochburg Qena, zwei Stunden von Luxor entfernt, und unter dem Dach des Salafisten-Zentrums, wo Sheikh Abdelkarim empfängt, ist es noch ein bisschen heisser. Der Sheikh, der nie eine theologische Ausbildung genossen hat, sondern Sozialarbeiter an Schulen ist, blättert in einem Katalog mit Hollywoodschaukeln und sieht rosige Zeiten anbrechen: «Für uns war die Revolution sehr günstig, wir sind aktiver geworden, wir können endlich die Menschen im Dorf ganz offen von unserer Sache überzeugen.»

Revolution ist teuer

In dem schmalen Haus des Zentrums hält eine Vollverschleierte täglich Koranstudien vor 150 Leuten, eine Gynäkologin empfängt abends zu kostenlosen Sprechstunden, es gibt Nähkurse für Waisenmädchen, eine Vorschule für 70 Kinder und Ferienprogramme im Sommer. «Die Muslimbrüder waren immer politisch aktiv, sie wollten die Gesellschaft von oben ändern», sagt Abdelkarim, «aber wir wollen das Fundament der Gesellschaft umwandeln. Deshalb fangen wir bei den Kindern an.»

Die Revolution ist die Menschen teuer zu stehen gekommen. Essen, Benzin, Medikamente sind für viele unerschwinglich. Aber es gibt ja die «Sheikhs», wie sie genannt werden. Sie bringen Rinder aus dem Sudan nach Genawiya. Sie organisieren Proteste vor der Dorfbäckerei, weil der Bäcker das subventionierte Mehl nicht für billiges Brot verbackt, sondern teuer weiterverkauft. Sie punkten bei denen, um die sich vor und nach der Revolution keiner kümmert. Eine junge Frau tritt an Abdelkarim heran, ihre Tochter hat Bauchschmerzen, sie braucht Medikamente und eine Ultraschalluntersuchung. Bei den Salafisten bekommt sie, was ihr der Staat nicht gibt. Sie ist keine Salafistin, aber sie ist dankbar. Und bald sind Wahlen. Dann wollen die Salafisten die Ernte einfahren, politisch die Weichen stellen für einen islamischen Staat. Die regierende Junta dulden sie. Das rachsüchtige Ancien Régime benutzt sie, um Chaos und Zwietracht zu säen. Die Muslimbrüder hofieren sie, denn sie streben nach einem «zivilen Staat mit islamischem Rahmen». So erhält eine radikale Minderheit politisches Gewicht. Zum Ramadan starten sie nach dem Vorbild der demokratischen Mobilisierung auf dem Tahrir eine besondere Aktion: Eine Million Männer soll sich bis August einen Bart wachsen lassen.Die Meinungsverschiedenheiten mögen gross sein zwischen einem Muslimbruder, der sich an der moderat islamischen AKP-Regierungspartei in der Türkei orientiert, und einem Salafisten, der eine Zukunft nur im Rückgriff auf das siebte Jahrhundert erkennt. Am Ende aber bleibt die Schnittmenge zwischen modernen Islamisten und beinharten Salafisten grösser als die zwischen Muslimbrüdern und Liberalen oder Säkularisten. Bei den Parlamentswahlen im September dürften die Islamisten aller Couleur gut abschneiden. Auch die Salafisten gründen Parteien. Vom Parlament aus wollen sie ihren Marsch durch die Institutionen fortsetzen.

Die Scharia als Anfang

Ägyptens Islamisten eint ein Etappenziel: In der neuen Verfassung soll die Scharia, die islamische Gesetzgebung, «Quelle des Rechts» bleiben. Aber während der Paragraf unter Mubarak eine Formalie war, sehen ihn die Islamisten als Startpunkt für ihre rückwärtsgewandte Utopie. Sie wissen: Die Mehrheit begreift den Unterschied zwischen einem zivilen oder einem irgendwie islamischen Staat nicht. Sie denkt nach über Jobs, bessere Schulen und bezahlbare Wohnungen. In einem Land, in dem rund 40 Prozent der Menschen an der Armutsgrenze leben, sind höhere Löhne ein Muss und Verfassungsfragen Luxus. Solange die Menschen mit dem Alltag kämpfen, können sich die Islamisten diesen Luxus leisten.

Der Sheikh thront hoch über der Menge. Safwat Hegazy hat das Morgengebet in der Moschee am Tahrir-Platz geleitet, er wird beim Mittagsgebet vor den Gläubigen stehen und sich am Abend vor ihnen nach Mekka verbeugen. Während der Sheikh im achten Stock eines bescheidenen Hotels im Teeglas rührt, macht sich die Menge unten auf dem Platz warm für eine weitere Grossdemonstration. Hegazy ist einer der Vordenker der Fundamentalisten. Unter den ägyptischen Salafisten ist er eine Grösse. Auch sein Kontakt zu den Muslimbrüdern ist eng. Neuerdings wird er sogar von der – säkularen – Regierung um Vermittlung gebeten: Nach den Zusammenstössen zwischen Fundamentalisten und Christen in Embaba suchten sie seinen Rat. Einer wie er ist das Bindeglied zwischen moderaten und Radikalen, ein islamistisches Chamäleon.Vom Tahrir dröhnen der Jubel und die Parolen hinauf, es geht um Israel und Palästina und um die nationale Einheit. Achtzehn Tage lang, während der Revolution, gab es keine Christen und keine Muslime, keine Armen und keine Reichen, keine Trennung von Frauen und Männern, nur Ägypter. Auf dem Tahrir wurde ein Volk als Bürgergesellschaft geboren, aber das ist Geschichte. Das Land zerfällt wieder in Konfessionen, Klassen, Geschlechter – auch durch die Wühlarbeit von Leuten wie Hegazy. Der aber träumt von Grösserem: einem Kalifat des 21. Jahrhunderts, einem Zusammenschluss aller Gläubigen, inspiriert, so sagt er listig, durch das Vorbild Amerikas oder der Europäischen Union – die Vereinigten Islamischen Staaten.

Erstellt: 20.06.2011, 23:44 Uhr

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