Interview

«Die Séléka muss die Menschen schützen – anstatt sie anzugreifen»

Eskalation in Zentralafrika: Bei Gefechten in der Hauptstadt Bangui sterben immer mehr Zivilisten. Joanne Mariner von Amnesty International schildert die Lage vor der Intervention Frankreichs.

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Uns erreichen Meldungen von heftigen Gefechten in Bangui – in einer Moschee wurde heute mindestens 80 Menschen tot aufgefunden. Wie ist die Situation vor Ort?
Wir nehmen an, dass Kämpfer des früheren Ex-Rebellenbündnisses Séléka die Zivilbevölkerung ohne Gerichtsprozess hinrichten. Es wird aber auch berichtet, dass die «Miliz zur Selbstverteidigung» – die sich selbst Anti-Balaka nennen – Menschen tötet. Bisher ist nicht klar, ob es sich bei den Toten in der Moschee um Zivilisten handelt und unter welchen Umständen sie gestorben sind. Was wir aber wissen, ist: Hier wird willkürlich auf Zivilisten geschossen.

Sie sprechen von zwei unterschiedlichen Gruppierungen?
Zum Einen gibt es die ehemaligen Séléka-Kämpfer – ein Teil der Gruppe, die durch den Staatsstreich im März an die Macht kam. Sie sind Muslime, also eine Minderheit hier in der Zentralafrikanischen Republik, und stellen die Regierung. Es gibt aber auch eine zweite Gruppe, die zu den Waffen greift: Sie nennen sich Anti-Balaka – was in der Ortssprache soviel wie Anti-Macheten bedeutet – und gehören der christlichen Mehrheit im Land an. Sie haben sich zum Teil aus dem Militär gebildet, das die Regierung um den gestürzten Ex-Präsidenten François Bozizé unterstützt hatte. Gleichzeitig haben sich ihnen viele Menschen aus den ländlichen Gegenden des Landes angeschlossen, die waffentechnisch schlecht ausgerüstet sind – im Gegensatz zu den Ex-Militärs.

Hat Übergangspräsident Michel Djotodia nicht die Séléka-Rebellen aufgelöst...
Ja – jedoch nur auf dem Papier. Tatsache ist aber: Es sind immer noch die selben Menschen in den gleichen Positionen, die im Land das Sagen haben.

Was sind die Hintergründe dieses Konfliktes?
Am Anfang schien es, als ginge es allein um wirtschaftliche Motive. Die Rebellen versuchten, Kontrolle über Diamantminen und andere natürliche Ressourcen des Landes zu erlangen. Gleichzeitig nutzten sie ihre Macht, um Dörfer und Städte systematisch zu plündern. Auch viele ausländische Kräfte sind in einigen Landesteilen an der Macht – etwa aus dem Tschad oder Sudan. Jetzt haben die Anti-Balaka-Milizen auch zu den Waffen gegriffen, um die muslimisch dominierte Regierung zu stürzen.

Handelt es sich also um einen religiös motivierten Konflikt?
Der Konflikt hat wohl konfessionelle Züge angenommen. Die Fronten verhärten sich, vor allem der muslimischen Minderheit im Land sind viele nun feindlich gesinnt – manche sprechen sogar schon von einer Vorstufe von Genozid. Im Grunde kämpft hier eine muslimische Minderheit gegen die christliche Mehrheit im Land – und beide Seiten hegen einen Groll gegen die jeweils andere.

Was heisst das konkret?
Viele Menschen fühlen sich von der jeweils anderen Seite ungerecht behandelt – und die Linie verläuft zwischen den zwei Religionen. Einige Instanzen, unter ihnen auch Priester und Imame, haben schon viel unternommen, um die zwei Lager miteinander zu versöhnen. Aber die Situation scheint sich nur weiter zu verschlimmern – es gibt immer mehr Gewalt. Im muslimischen Viertel von Bangui sollen sich im Moment Milizen der Séléka aufhalten, die mit Macheten durch die Strassen ziehen und töten. Immer wieder erreichen uns höchst alarmierende Berichte, auch wenn sie sich bisher nicht bestätigen liessen.

Sie sprachen von ausländischen Kräften. Gibt es Hinweise auf die Beteiligung von al-Qaida oder anderen islamistischen Gruppen?
Dafür sehen wir im Moment keinerlei Anzeichen. Die Séléka sind zwar Muslime – doch in keinster Weise Fundamentalisten. Sie hatten nie vor, hier einen islamischen Staat aufzubauen – ganz im Gegenteil. Ihnen ging es immer darum, von der instabilen Lage im Land wirtschaftlich zu profitieren. Zwar geht es in dem Konflikt nun auch um Religion – ich sehe jedoch keine Verbindung zum weltweiten Problem mit dem Terrorismus. Darin unterscheidet sich die aktuelle Lage auch vom Konflikt in Mali.

Warum hat es rund ein halbes Jahr gedauert, bis der Konflikt eskalierte?
Schon vorher wurden immer wieder Dörfer geplündert; aber im September trat die christliche Miliz zum ersten Mal in Erscheinung und begann, die Séléka zu bekämpfen. Daraus entstanden nicht nur Gefechte zwischen den beiden Gruppierungen – auch Zivilisten sind seitdem betroffen. Aktuell scheint es, als ob die Anti-Balaka an Boden gewinnen. Gleichzeitig versuchen manche hier, alte Rechnungen zu begleichen, bevor die internationalen Truppen ankommen.

Droht dem Land ein Bürgerkrieg?
Die aktuelle Entwicklung in der Zentralafrikanischen Republik bereitet mir grosse Sorgen – Chaos und extreme Gewalt sind zunehmend an der Tagesordnung. Die heutigen Ereignisse zeigen wieder einmal, wie sehr wir die internationalen Truppen brauchen, um Ordnung im Land herzustellen. Nur wenn sie schnell genug kommen, gibt es noch die Chance, mehr Gewalt zu verhindern.

Reichen die unternommenen Anstrengungen?
Angesichts der Gewalt, die in vielen Landesteilen ausbricht, brauchen wir mehr Truppen, als die uns zugesicherten. Dennoch: Die Menschen hier sind voller Hoffnung. Wenn die Soldaten erst einmal da sind, glauben sie, wird sich die Lage umgehend bessern.

Die internationale Gemeinschaft schickt nun Soldaten. Was könnte sie noch tun, um die Lage vor Ort zu verbessern?
Vor allem gilt es, eine stabile Regierung einzusetzen. Dafür muss die internationale Gemeinschaft Programme finanzieren, die zu einer Auflösung des Militärs führen, und gleichzeitig dabei helfen, die lokalen Sicherheitskräfte auszubilden. Das Ziel ist eine nationale Armee – nicht die undisziplinierten Milizen, die die Zivilbevölerung unterdrücken. Wichtig ist aber schon, dass die Welt endlich diesen Konflikt wahrnimmt. Die heutige Resolution ist entscheidend – aber gleichzeitig dürfen das nicht nur leere Versprechungen sein. Die UNO-Mission vor Ort muss schnell ausgebaut werden, um Zivilisten zu schützen und wieder Ordnung herzustellen.

Droht die Zentralafrikanische Republik sonst zu einem Gescheiterten Staat zu werden, der die Sicherheit seiner Bürger nicht mehr garantieren kann?
Wenn die internationale Gemeinschaft sich nicht einmischt, wird das Land vermutlich zu einem Gescheiterten Staat. Die Séléka – als die De-facto-Regierung des Landes – hat per Gesetz die Pflicht, die Zivilbevölkerung zu schützen – anstatt sie anzugreifen.

Erstellt: 05.12.2013, 22:29 Uhr

Joanne Mariner ist Krisenberaterin bei der Menschenrechtsorganisation Amnesty International und befindet sich aktuell in Bangui. Sie hat jahrelange Erfahrung in Krisen- und Konfliktgebieten, u.a. durch ihre Arbeit in Darfur. (Bild: PD)

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