«Entweder wir öffnen unsere Grenzen, oder sie kommen um»

Den tausenden Flüchtlingen vor der türkischen Grenze drohe der sichere Tod, sagt der türkische Vize-Regierungschef. Das Grenztor ist aber immer noch geschlossen.

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Die syrische Regierungsoffensive um Aleppo hat Zehntausende vertrieben. Die jüngste Flüchtlingswelle hat die Türkei nach Angaben der Regierung an den Rand ihrer Aufnahmefähigkeit gebracht. Der stellvertretende Ministerpräsident Numan Kurtulmus sagte dem Fernsehsender CNN-Türk, sein Land sei angesichts der drohenden humanitären Katastrophe in einem Dilemma. Er machte keine konkreten Zusagen, die seit drei Tagen geschlossene Grenze zu öffnen. Dort harren in der Kälte mindestens 35'000 Flüchtlinge aus, deren Lage von einem Arzt als schrecklich beschrieben wurde.

«Da sind so viele alte Menschen und Kinder in der Kälte ... Sie sind von der (Terrormiliz) Isis im Osten, vom Regime im Süden und den Kurden im Westen umzingelt», sagte Dr. Ahmad Abdelaziz von der Syrisch-amerikanischen Medizingesellschaft in der türkischen Grenzstadt Gaziantep der Nachrichtenagentur AP.

Menschen fürchten eine Belagerung Aleppos

Im schwer umkämpften Aleppo gebe es nur noch vier Ärzte, die Operationen vornehmen könnten, sagte der Arzt der humanitären Hilfsorganisation, der nach eigenen Angaben noch in die einstige Wirtschaftsmetropole Syriens ein- und ausgeht. «Die Leute haben Angst vor einer Belagerung, die jederzeit beginnen könnte. Wir erwarten, dass noch viel mehr Menschen aus der Stadt herauszukommen versuchen, falls die Lage so bleibt und es keine Besserung gibt.»

Kurtulmus sagte, «im schlimmsten Fall» könnten bis zu einer Million Menschen aus Aleppo und Umgebung versuchen, in die Türkei zu fliehen. 2,5 Millionen syrische Flüchtlinge habe sein Land bereits aufgenommen, insgesamt seien 3 Millionen Menschen aus Konfliktgebieten in der Türkei.

«Die Türkei hat das Ende ihrer Aufnahmekapazität (von Flüchtlingen) erreicht», sagte der Vizepremier. «Aber am Ende können diese Leute nirgendwo anders hingehen. Entweder kommen sie in den Bombardements um, und die Türkei schaut dem Massaker wie der Rest der Welt zu, oder wir werden unsere Grenze öffnen.»

Syrische Offensive geht unvermindert weiter

Kurtulmus sagte weiter, derzeit würden nur einige wenige Flüchtlinge über die Grenze gelassen. Die türkischen Behörden versuchten, den auf der syrischen Seite gestrandeten «jede erdenkliche humanitäre Unterstützung» zukommen zu lassen. «Wir sind nicht in der Position, ihnen zu sagen, sie sollen nicht kommen. Wenn wir das machen, überlassen wir sie ihrem Tod.» Er erklärte aber nicht, warum die Türkei das Grenztor bei Oncupinar geschlossen hält, das gegenüber dem mit Tausenden Flüchtlingen überfüllten syrischen Grenzübergang Bab al-Salameh liegt.

Die Offensive der syrischen Armee von Präsident Bashar al-Assad um Aleppo ging unterdessen unvermindert weiter. Unterstützt von russischen Luftangriffen griffen Bodentruppen nach Angaben von Aktivisten Rebellen beim kürzlich von ihnen eroberten Dorf Ratjan und Umgebung an.

Die Europäische Union appellierte an die Türkei, ihre Grenzen für die Bürgerkriegsflüchtlinge zu öffnen. Ankara bekomme dafür finanzielle Unterstützung von der EU, hiess es mit Verweis auf die drei Milliarden Euro, die für die Versorgung von Flüchtlingen in der Türkei zugesagt worden waren. Am Montag will die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Gesprächen über die Flüchtlingskrise in die Türkei reisen. In Ankara trifft sie mit Ministerpräsident Ahmet Davutoglu und Präsident Recep Tayyip Erdogan zusammen. (ofi/sda)

Erstellt: 07.02.2016, 18:11 Uhr

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