Hintergrund

Die wachsende Macht der Islamisten

Seit Beginn des Aufstands in Libyen gewinnen muslimische Kämpfer an Einfluss, ein früherer Al-Qaida-Terrorist ist Militärchef in der Hauptstadt Tripolis. Moderate Kräfte treten bisher wenig in Erscheinung.

Ein libyscher Rebellenkämpfer beim Mittagsgebet in der Wüste nahe des Ortes Ajdabiya.

Ein libyscher Rebellenkämpfer beim Mittagsgebet in der Wüste nahe des Ortes Ajdabiya. Bild: Keystone

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«Allahu Akbar» ist die gängige Begrüssung an den Checkpoints, nachts fährt ein Jeep durch die Strassen von Tripolis und lässt auch die Schlafenden per Megafon wissen, dass Gott der Grösste ist. Nach dem Einmarsch der AntiGhadhafi-Kämpfer in die libysche Hauptstadt herrscht ein islamischer Ton vor.

Die Rebellen in Benghazi hatten im Frühjahr stärker auf säkulare Parolen gesetzt. Der Osten stand dem Regime seit langem feindlich gegenüber; westlich orientierte, in England oder den USA ausgebildete Bürger organisierten den Aufstand zusammen mit stärker islamisch ausgerichteten Vertretern über Facebook. Rechtsanwälte und Bürgerrechtler spielten zentrale Rollen. Frauen standen im Vordergrund. Forderungen nach Demokratie und Verfassung wurden gerufen. In Tripolis ist das Bild nach sechs Monaten Krieg ein anderes: Bewaffnete der Milizen aus den verschiedenen «Heldenstädten» wie Misrata oder Sawija geben den Ton an, islamische Selbstvergewisserung ist das Erkennungszeichen.

Ein bunter Haufen

Die wichtigste Führungsfigur der neuen Machthaber bleibt Übergangspräsident Mustafa Abdul Jalil. Aber der Vorsitzende des Nationalen Übergangsrats in Benghazi ist noch immer nicht in die Hauptstadt gekommen: aus «Sicherheitsgründen». Zwar gibt es auch in Tripolis einen Mittelstand und moderate Kräfte. Sie treten bisher aber wenig in Erscheinung: Der Grund dürfte sein, dass sie in Tripolis näher am Regime waren und sich nun aus Angst zurückhalten.

Jalil, der mit seinem Rebellenrat einem sehr bunten Haufen verschiedener Gruppen vorsitzt, hatte kürzlich und von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt vor «bestimmten islamischen Kräften» gewarnt. Ross und Reiter nannte er nicht. Nach dem Einmarsch der Aufständischen in die Hauptstadt, ist klar: Islamistische Kräfte werden im neuen Libyen eine wichtige Rolle spielen – neben moderaten und säkularen Gruppierungen oder sogar vor ihnen.

Der Emir mit der Jihad-Karriere

Am klarsten zeigt sich das an der Person des Rebellen-Militärkommandeurs der Hauptstadt: Abdel Hakim Belhaj ist ein ehemaliger Al-Qaida-Mann. Der Chef des Militärrats von Tripolis war Emir der Libyschen Islamischen Kampfgruppe (LIFG). Die Gruppe versuchte, Ghadhafi in den 90er-Jahren zu stürzen, gehörte zum nordafrikanischen Terrornetzwerk al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM) und wurde nach dem 11. September als Terrorgruppe eingestuft.

Mit Beginn des Februar-Aufstands hat sich die LIFG mit ihren Kämpfern dem Nationalen Übergangsrat in Benghazi unterstellt; seit März nennt sie sich Libysche Islamische Bewegung. Der 1966 geborene Belhaj durchlief die klassische Jihad-Karriere: Er kämpfte in Afghanistan gegen die Sowjets. Dort kam er in Kontakt mit Al-Qaida-Führungsfiguren wie Osama bin Laden. Zurück in der Heimat, schloss er sich der LIFG an. Die Gruppe war vom Al-Qaida-Mann und Top-Militanten Abu Laith al-Libi gegründet worden und kämpfte aus dem Untergrund gegen Ghadhafi.

Der Ingenieur Belhaj wurde 2004 festgenommen und vom US-Geheimdienst CIA verhört; die CIA lieferte ihn an Libyen aus. Im Gefängnis schwor er der Gewalt ab. Unter der Regie von Ghadhafi-Sohn Saif al-Islam hatte Tripolis ein Resozialisierungsprogramm für Militante geschaffen. Der LIFG-Chef und andere Jihad-Kämpfer kamen frei. Sie distanzierten sich auch vom bewaffneten Kampf. Zum Beleg veröffentlichten sie ein «Korrektur-Dokument» für einen Jihad mit friedlichen Mitteln.

Mitsprache in jeder künftigen Regierung

Keine drei Jahre nach der Entlassung aus Ghadhafis Foltergefängnis hat Belhaj nun die militärische Führungsposition in Tripolis inne. Und damit Mitsprache in jeder künftigen Regierung. Belhajs mindestens 800 ehemalige LIFG-Kämpfer stellen den schlagkräftigsten Teil der Rebellenarmee dar. Der Führungsjob ist notgedrungene Anerkennung dafür, dass die heiligen Krieger den unerfahrenen Rebellen-Milizionären halfen: Benghazis Aufständische waren zu Beginn der Rebellion neu im Kriegsgeschäft.

Das war ein Nachteil, der mit dem inaller Eile erfolgten Training durch französische und britische Soldaten so schnell nicht ausgeglichen werden konnte. Damit wurde der einstige Jihad-Kämpfer Belhaj zum Helden der Anti-Ghadhafi-Revolution. Ob Männer wie er der Al-Qaida-Ideologie abgeschworen haben, ist schwer zu sagen: Libyens militante und nicht militante Fundamentalisten durchlitten die Folterkeller. Auch wenn Ghadhafi-Sohn Saif den Islam-Gelehrten Ali Salabi eingesetzt hatte, einen Dialog hinter Gittern zu führen, so war die 417-seitige «Korrektur-Erklärung» der LIFG-Militanten als Manifest für den friedlichen Kampf doch erzwungen worden.

Die zivilen Gesichter

Das Gegengewicht gegen die Islamisten bilden nun Männer wie Ratspräsident Jalil, ein früherer Justizminister Ghadhafis. Der 59-jährige Richter und moderate Muslim hatte dem Diktator mehrmals widersprochen und sich mit Beginn des Aufstands als erster Minister auf die Seite der Regimegegner geschlagen. Eine ähnliche Figur ist der Ökonom Mahmoud Jibril, Chef des Exekutivkomitees des Rats und eine Art Übergangspremier. Jibril sollte Ghadhafis verkommene Staatswirtschaft reformieren.

Beim Ausmisten dieses Augiasstalls gescheitert, schloss er sich rasch den Aufständischen an und warb international für die inzwischen von fast allen Staaten anerkannte, neue Regierung. Auch der im Rat für Öl und Wirtschaft zuständige Ali Tarhouni ist Wirtschaftswissenschaftler. Er liess während einer Vorlesung in den USA alles stehen und liegen, um nach Benghazi zu reisen.

Die Anwälte der Revolution

«Aussenminister» ist Ali al-Issawi, Ex-Botschafter und das internationale Gesicht der Rebellen. Auch er hatte früher vergeblich versucht, als Wirtschaftsminister Libyen zu reformieren. «Verteidigungsminister» ist Omar al-Hariri. Er ist Mitputschist Ghadhafis bei seiner «Revolution» von 1969, die zum Sturz von König Idris führte. 1975 scheiterte der Offizier beim eigenen Putschversuch gegen Ghadhafi; zum Tode verurteilt sass er 15 Jahre im Gefängnis.

Die wirklich zivilen Gesichter der libyschen Revolution sind zwei Rechtsanwälte: Abdel Hafis Ghoga und Fathi Terbel. Beide sind als Verteidiger von Oppositionellen bekannt, Terbels Verhaftung hatte den Aufstand ausgelöst: Der 39-Jährige ist heute im Rat der Vertreter der Jugend, die Ghadhafis Soldaten in Benghazi anfangs friedlich und später mit Steinen und Knüppeln entgegengetreten waren. Ghoga ist Vizevorsitzender des Übergangsrats. Anders als Terbel ist er ein politischer Kopf, der die Gratwanderung zwischen Bürgerrechtsaktivität und der Anpassung an das Regime besser beherrschte.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.09.2011, 06:20 Uhr

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