Die winzige Grossmacht am Golf, deren Einfluss bis nach Bern reicht

Katar sucht in Bern eine passende Liegenschaft für seine Botschaft. Die Schweiz ist seit Frühling im reichen Golfemirat präsent. Woher rührt diese plötzliche gegenseitige Begeisterung?

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Katar ist nur knapp doppelt so gross wie der Kanton Bern. Doch seit einigen Jahren mischt das erdgasreiche Golfemirat überall in der Welt an vorderster Front mit. Die Hauptrolle in Doha spielt dabei Hamad bin Khalifa Al Thani. Seit 1995 ist er der Emir von Katar. Er hat die Fussball-WM 2022 in seinen boomenden Zwergstaat geholt. Der TV-Nachrichtensender al-Jazeera hat in Doha seinen Hauptsitz. Eben ging dort der alle vier Jahre stattfindende Kongress des in Bern ansässigen Weltpostvereins zu Ende. Im November folgt der Klimagipfel.

Das Golfemirat kauft überall in der Welt Immobilien und tritt an unzähligen Orten und in unzähligen Firmen als Gross- oder Hauptaktionär oder als Sponsor in Erscheinung: in der deutschen Autoindustrie, beim Bergbauriesen Xstrata (vgl. Box), in Fussballvereinen – etwa beim FC Barcelona oder bei Paris Saint-Germain – oder bei Banken in Griechenland. Katar hat sich mit Nachdruck für die «Arabellion» in diversen Ländern eingesetzt. Der Scheich versucht sich bei regionalen Konflikten als Vermittler mit Scheckbuch. Nach Medienberichten unterstützt er auch islamistische Tuareg-Rebellen im Norden Malis. Die riesigen Erdgasvorkommen lassen fast jeden Wunsch wahr werden. Kein Philanthrop

Wie der aktuelle Weltvermögensreport der Beratungsfirma Boston Consulting Group zeigt, weist die Schweiz zwar die höchste Millionärsdichte der westlichen Hemisphäre aus. Weltweit dichter angesiedelt aber sind die Reichen in Singapur, Kuwait und Katar. Während die Zahl der Logiernächte ausländischer Touristen in der Schweiz angesichts der Krise rückläufig ist, verzeichnet jene von Gästen aus den Golfstaaten – auf niedrigem Niveau – einen markanten Zuwachs.

Wer ist dieser Scheich Hamad, der Emir von Katar? Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» sieht es so: «Ein islamischer Missionar ist der Emir nicht, eher ein pragmatischer Realpolitiker. Interessen sind ihm wichtiger als Ideologien.» Trotzdem tanzt der Emir mit seinen Petrodollars nicht auf ganz allen Hochzeiten. Als er vom italienischen Regierungschef Mario Monti im Frühling gefragt wurde, weshalb Katar keine Investitionen in Italien tätige, antwortete der Scheich: «Vor allem wegen der Korruption.»

Kontroverse in Frankreich

Der 60-jährige Emir hat drei Frauen. Bei offiziellen Anlässen ist meist Scheicha Mozaha bint-Nasser Al Missned an seiner Seite. Die 53-jährige Soziologin ist Unesco-Sonderbeauftragte für Bildung, die Zeitschrift «Forbes» führte sie 2007 auf Rang 79 der 100 mächtigsten Frauen der Welt. Sie ist die Mutter des 1980 geborenen Thronfolgers Tamim bin Hamad Al Thani.

Für Aufsehen und heftige Kontroversen sorgt das Emirat derzeit in Frankreich, denn dort beschreitet Katar neue Wege. Über 50 Millionen Euro steckt der Zwergstaat in Projekte in trostlosen Banlieuezonen. Manche Franzosen sehen den katarischen Investitionsfonds als willkommene Hilfe, andere jedoch vermuten, dass durch die dargebotene Hand aus Doha der Islamismus in den Vorstädten Auftrieb erhält. Für den Philosophen Bernard-Henri Lévy ist das Vorhaben zynisch. «Das Geld hat den Geschmack eines Landes, wo man die Einwanderer (Inder, Pakistani und Filipinos) wie Bürger zweiter Klasse, wenn nicht gar wie Sklaven hält», schreibt er in einem Essay.

Katar ist klein. Doch es verfügt über die drittgrössten Gasreserven nach Russland und Iran. Sein wirtschaftlicher Erfolg und die Prestigeprojekte des Emirs haben die Bevölkerungszahl rasant anwachsen lassen.

Heer von Fremdarbeitern

Etwa 200000 Menschen lebten vor 35 Jahren dort, heute sind es gegen 1,8 Millionen. Davon haben aber nur rund 250000 die katarische Staatsangehörigkeit. Tatsächlich sorgt der Umgang mit den vielen Arbeitsmigranten aus Indien und von den Philippinen immer wieder für Schlagzeilen. Für jede Ausreise benötigt ein Ausländer, der in Katar lebt und nicht für eine grosse europäische Firma arbeitet, ein Ausreisevisum.

Positiver als Lévy wertet Theaterregisseur Michael Schindhelm die Situation. Von 2007 bis 2009 war er in Dubai als Kulturmanager tätig. «Dubai, Katar und Abu Dhabi zeigen, dass es eine Alternative gibt in dieser Region, in der sonst vor allem politische Instabilität und religiöser Fanatismus herrschen», sagt der Deutsche, der von 1996 bis 2006 Theaterdirektor in Basel war. Dabei ist Katar weiterhin eine absolute Monarchie. Scheich Hamad hält die Zügel straff in der Hand: Selbst al-Jazeera bekommt den Einfluss des Emirs gelegentlich direkt zu spüren. Wie der «Guardian» kürzlich berichtete, musste die Redaktion einen Beitrag über eine UNO-Debatte zu Syrien umbauen. Er begann schliesslich mit der Rede des Emirs von Katar vor der UNO. Dieser forderte auf der Weltbühne angesichts der Uneinigkeit im UN-Sicherheitsrat ein militärisches Eingreifen arabischer Staaten in Syrien.

Munition aus der Schweiz

Scheich Hamad war schon 1991 – damals noch als Kronprinz und Verteidigungsminister – massgeblich an der Befreiung Kuwaits im Zweiten Golfkrieg beteiligt. Und in der ganzen «Arabellion» spielt der Emir als gestaltende Kraft eine bedeutende Rolle.

In Libyen etwa hatte er die Aufständischen in ihrem Kampf gegen Diktator Ghadhafi schon früh unterstützt. Als einzige arabische Staaten schlossen sich Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate der «Koalition der Willigen» gegen den libyschen Herrscher an. Katar lieferte unter anderem Ruag-Munition an die Aufständischen. Das Staatssekretariat für Wirtschaft Seco stoppte daher die Lieferungen an Katar vorübergehend. Nach einer Entschuldigung aus Doha aber hat das Seco den Lieferstopp für Schweizer Kriegsmaterial Ende letzten Jahres wieder aufgehoben. Gemäss Seco hatte die Schweiz im Jahr 2010 Kriegsmaterial im Wert von rund 500000 Franken geliefert. Es handelte sich dabei ausschliesslich um Hand- und Faustfeuerwaffen.

Diesen Sommer unterzeichnete Katar einen Vertrag mit dem Stanser Flugzeugbauer Pilatus: Deas Emirat kauft 24 PC-21-Trainingsflugzeuge im Wert von 600 Millionen Franken.

Yakins Katar-Intermezzo

Vielleicht skurril, politisch aber völlig unverfänglich war da die Verpflichtung von Hakan Yakin: Der Schweizer Fussballprofi stand die Spielsaison 2008/2009 beim katarischen Verein al-Gharafa unter Vertrag.

Vor dem Hintergrund dieser wirtschaftlichen Verflechtungen und Perspektiven ist die Intensivierung der diplomatischen Beziehungen nur die logische Folge. In Bern gehört Katar das Hotel Schweizerhof. Von dort aus ist ein Geschäftsträger derzeit dabei, erstmals eine eigene Botschaft in der Schweiz aufzubauen (wir berichteten). Katar ist auch bei der Credit Suisse als Aktionär eingestiegen.

Berner Botschafter in Doha

Umgekehrt hat die Schweiz im Frühling eine Botschaft in Katar eröffnet. Seither vertritt der Berner Martin Aeschbacher die Interessen der Schweiz in der gegenwärtig am schnellsten wachsenden Volkswirtschaft überhaupt. Er war zuletzt in Damaskus stationiert. Im August 2011 wurde er wegen der anhaltenden Unruhen abberufen. Die Schweizer Kolonie ist mit 120 Menschen derzeit noch überschaubar. Doch die NZZ schrieb kürzlich, dass in «naher Zukunft Investitionsvorhaben für 100 Milliarden Dollar ausgeschrieben werden».

Scheich Hamads persönliches Verhältnis zur Schweiz ist delikat: Als der damals 47-jährige Scheich Ende Juni 1995 seinen Vater mit einem unblutigen Putsch vom Thron stiess, weilte dieser mit seinem 45-köpfigen Gefolge gerade in der Schweiz. Er logierte in Zürich im Grandhotel Dolder und in Genf im Hôtel du Rhône. Vielleicht deshalb plant der Emir keinen längeren Aufenthalt in der Schweiz. Immerhin hat er 24 Kinder – 11 davon sind Söhne.

Erstellt: 17.10.2012, 13:36 Uhr

Klein und reich (Bild: BZ-Grafik)

Milliardendeal: Glencore und Xstrata

Die Milliardenfusion des weltgrössten Rohstoffhändlers Glencore mit dem Bergbaukonzern Xstrata ist ein Stück näher gerückt: Der wichtige Grossaktionär Katar wird sich das ausgehandelte Angebot mit «Wohlwollen» anschauen. Das sagte Scheich Hamad bin Jassim Al Thani, Premier von Katar, am Montag in Doha. Der Staatsfonds des Emirats ist mit 12 Prozent an Xstrata beteiligt und gilt als Zünglein an der Waage für das Gelingen der Übernahme. (SDA)

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