Drei Wochen mit IS-Kämpfern unterwegs

Medyan Dairieh gelang, was bisher kein anderer westlicher Journalist schaffte: Er begleitete die Krieger des Islamischen Staats (IS) auf Schritt und Tritt. Die Aufnahmen faszinieren und verstören zugleich.

«Die Verbreitung des Kalifats»: Teil 1 der Dokumentation «The Islamic State». (engl. untertitelt, Quelle: Youtube/Vice News)


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Mit erhobenem Zeigefinger steht Abu Bakr al-Baghdadi auf der Kanzel und predigt: «Allah ist allmächtig. Seine Ziele verpflichten uns, für ihn in den Heiligen Krieg zu ziehen!» Der Anführer der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) hält seine Brandrede in einer Moschee im syrischen ar-Raqqa – dem Zentrum der selbst ernannten Gotteskrieger.

Unter den Zuhörenden befinden sich einige Kinder. Sie horchen aufmerksam und tragen Gewehre im Anschlag. Obwohl sie sich in einer heiligen Stätte befinden, ist die martialische Montur kein Widerspruch. Im Gegenteil: In ihren Augen führen sie einen gerechten Krieg. Getötet wird mit Gottes Segen.

Drei Wochen im Kalifat

Noch selten wurde der Heilige Krieg überzeugender illustriert als mit diesen Bildern. Sie stammen aus der Dokumentation «The Islamic State» («Der Islamische Staat») – einer fünfteiligen Filmserie, die zurzeit vom Onlinemagazin «Vice» ausgestrahlt wird. Für die Realisierung begab sich der Journalist Medyan Dairieh drei Wochen unter die Fittiche der Mitglieder des Islamischen Staats.

«Kinder für den Jihad vorbereiten»: Teil 2 der Dokumentation «The Islamic State» (engl. untertitelt, Quelle: Youtube/Vice News)

Das ist alles andere als selbstverständlich. Bisher ist es noch keinem Journalisten gelungen, ins Innerste des Kalifats vorzudringen. Nicht wie andere Reporter, die schon über radikale Islamisten berichteten, verwendete Dairieh keine falsche Identität. Er nutzte einzig seine Kontakte aus früheren Reportagen, um an seine Gesprächspartner heranzukommen. Selbsterklärend, dass er sich in Todesgefahr begab. Doch das Vertrauen seiner Vorgesetzten erscheint grenzenlos. «Er sagte, er könne liefern. Also glaubten wir daran, dass er den Film realisieren kann», sagt Kevin Sutcliffe, Programmchef bei «Vice».

Nichts für sensible Gemüter

Die ersten drei Episoden von «The Islamic State» sind mittlerweile abrufbar. Dabei wird klar: Die Welt, die Dairieh dem Zuschauer präsentiert, ist so faszinierend wie verstörend. Teilweise zeigt der Film exklusives Propagandamaterial, das er offenbar von IS zugespielt bekam: Rollende Köpfe feindlicher Kämpfer sind dabei keine Seltenheit und somit nichts für sensible Gemüter.

Doch zumeist liefert Dairieh eigenes Bildmaterial. Dafür heftete er sich an die Fersen von Abu Mosa, dem Pressesprecher von IS. Dieser führt ihn an die verschiedensten Schauplätze, grösstenteils in der Umgebung der nordsyrischen Stadt ar-Raqqa, die seit ihrer Eroberung im März 2013 als Zentrum und Rückzugsort der islamistischen Kämpfer dient.

«Willst du Märtyrer werden?»

Im zweiten Teil findet Dairieh zu Abdullah al-Belgian, einem islamistischen Wanderprediger, der getreu seinem Namen aus Belgien stammt und nun mit einem Bus durch die Gegend zieht, um Mitglieder für IS zu rekrutieren – bevorzugt Kinder: «Möchtest du lieber ein Jihadisten-Kämpfer sein oder an einer Selbstmordattacke als Märtyrer teilnehmen?» Diese Frage stellt Belgian seinem Sohn, der kaum älter als fünf Jahre alt ist. «Jihadist», antwortet der Bub und lächelt.

«Von Isis zum Islamischen Staat»: Teil 3 der Dokumentation «The Islamic State» (engl. untertitelt, Quelle: Youtube/Vice News)

Pressesprecher Mosa bezeichnet die angehenden Männer als die «kommende Generation des Kalifats»: «Wir vermitteln ihnen die richtige Doktrin: In Gottes Namen kämpfen sie für die Errichtung eines islamischen Staats.» Der Film zeigt, wie die Kinder zur Ausbildung in Scharia-Camps geschickt werden. Ein Bub erzählt von seinem Umgang mit einer russischen Kalaschnikow, mit der er «Ungläubige» bekämpfen wolle: «Russen und Amerikaner.» Er ist elf Jahre alt.

Einmaliges Dokument

Solche Szenen entfalten eine verstörende Wirkung. Als Dokument über die Motive und die Praktiken der IS-Kämpfer sind sie bisher einmalig. «Vice»-Pogrammchef Sutcliffe sagt gegenüber der «Huffington Post»: «Unser Ziel war eine Reportage, die hinter die Kulissen des Islamischen Staats blickt – nicht wie die übliche Berichterstattung, die auf nicht verifizierten Youtube-Clips basiert.» Mit der Dokumentation haben die Verantwortlichen des in New York beheimateten Magazins ihr Ziel erreicht.

Erstellt: 12.08.2014, 13:51 Uhr

Berichtet aus dem Kalifat: Medyan Dairieh.

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