Dutzende Islamisten ersticken bei Gefangenentransport

Fünf Tage nach Beginn der Ausschreitungen droht Ägyptens Armeechef den Islamisten, wenn nötig, härter gegen sie vorzugehen. In Kairo starben Dutzende verhaftete Muslimbrüder. Sie sollen versucht haben zu fliehen.

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Bei einem Fluchtversuch von Islamisten aus einem Gefangenentransport in Ägypten sind mindestens 35 Mitglieder der Muslimbruderschaft getötet worden. Die Männer seien an von der Polizei eingesetztem Tränengas erstickt, teilte das Innenministerium in der Nacht mit. Damit stieg die Zahl der Todesopfer der Auseinandersetzungen der vergangenen Tage auf fast 800.

Mit dem Transport sollten nach Angaben des Innenministeriums mehr als 600 Muslimbrüder und Anhänger der Islamisten von Kairo aus in ein Gefängnis am Rande der ägyptischen Hauptstadt gebracht werden. Einige der Gefangenen hätten einen Polizisten überwältigt und ausbrechen wollen. «36 von ihnen sind erstickt, nachdem die Polizei Tränengas eingesetzt hatte, um den Ausbruch zu verhindern», erklärte das Ministerium. Laut der Nachrichtenagentur Mena wurde der Transport von «unbekannten Bewaffneten» angegriffen, die den Gefangenen zu Hilfe kommen wollten.

Nach Angaben der Muslimbruderschaft wurden bei dem Vorfall 35 ihrer Mitglieder getötet. Die Islamisten hatten die Zahl der Opfer zunächst mit 52 angegeben, später korrigierten sie diese Angaben. «Die Ermordung von 35 festgenommenen Teilnehmern an Demonstrationen gegen den Sturz von Präsident Mohammed Mursi zeigt die zielgerichtete Gewalt der Sicherheitskräfte», erklärten die Muslimbrüder. Die Anhänger von Mursi, der selbst der Muslimbruderschaft entstammt, seien «das Ziel kaltblütigen Tötens».

Merkel: Stopp der Rüstungsexporte

In Brüssel kommen am Montag die 28 Botschafter der EU-Staaten zusammen, um über die Lage in Ägypten zu beraten. Dabei soll eine gemeinsame Position der EU-Länder gefunden werden. Die Sitzung könnte laut der EU-Aussenbeauftragten Catherine Ashton als Vorbereitung für ein mögliches Aussenministertreffen dienen. Dies fordert insbesondere Deutschland.

Nach Ansicht von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) könnte ein Stopp der Rüstungsexporte nach Ägypten ein geeignetes Druckmittel sein. Rüstungsexporte könnten «auch Gegenstand von Massnahmen sein, mit denen man deutlich macht, wir sind sehr skeptisch gegenüber dem, was in Ägypten im Augenblick vorgeht», sagte Merkel am Sonntag im ZDF. Die Situation in dem Land sei «ausserordentlich brisant, auch besorgniserregend».

Im US-Kongress wurde derweil weiter heftig darüber gestritten, ob die Gewalteskalation in Ägypten eine Kürzung der Militärhilfen für Kairo rechtfertigt – oder diese sogar ganz gestrichen werden müssen. Während einige Senatoren am Sonntag das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte verurteilten, äusserten andere die Sorge, ein Ende der Zahlungen werde den Einfluss auf einen Schlüsselpartner im Nahen Osten gefährden.

Armee setzt harten Kurs gegen Muslimbrüder fort

Ägypten wird seit dem Sturz Mursis durch das Militär Anfang Juli von Protesten seiner Anhänger erschüttert. Mitte vergangener Woche eskalierte die Lage, bei blutigen Zusammenstössen zwischen Sicherheitskräften und Islamisten wurden seitdem fast 800 Menschen getötet. Zudem nahmen die Sicherheitskräfte mehr als tausend Muslimbrüder und Mursi-Anhänger fest. Auch in den kommenden Tagen will die Armee ihren harten Kurs gegen die Islamisten fortsetzen. «Wir werden niemals schweigend der Zerstörung des Landes zusehen», sagte Armeechef Abdel Fattah al-Sisi am Sonntag.

Die Muslimbruderschaft war unter dem früheren Machthaber Hosni Mubarak ebenfalls verboten gewesen. Nach einem Wahlsieg war sie vergangenes Jahr an die Macht gekommen. Am 3. Juli wurde Mursi vom Militär gestürzt. Vorangegangen waren Massenproteste gegen die Herrschaft der Islamisten.

Ein erneutes Verbot der Muslimbruderschaft würde den Anhängern von Ex-Präsident Mursi den Boden für ein politisches Engagement entziehen. Die Sicherheitskräfte könnten hingegen eine Null-Toleranz-Linie gegen Demonstrationen der Gruppe fahren, gaben Experten zu bedenken. Dadurch dürfte sich das Gewaltrisiko in den kommenden Tagen noch erhöhen. Begonnen hatte das Blutvergiessen am Mittwoch mit der Räumung zweier Protestlager von Mursi-Anhängern in Kairo durch Sicherheitskräfte. (kpn/chk/fko/sda/AFP)

Erstellt: 18.08.2013, 23:56 Uhr

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