Ein Land kurz vor dem Ruin

Liberia leidet unter den Auswirkungen der Ebola-Epidemie. Das Wirtschaftswachstum des westafrikanischen Staates schrumpft. Die Regierung war auf eine Krise wie diese überhaupt nicht vorbereitet.

Kampf gegen Ebola: Ein Helfer desinfiziert eine Frau in Liberias Hauptstadt Monrovia. Foto: Jerome Delay (Keystone)

Kampf gegen Ebola: Ein Helfer desinfiziert eine Frau in Liberias Hauptstadt Monrovia. Foto: Jerome Delay (Keystone)

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Für Christian Masurenko war es ein Durchbruch, wie man ihn nur selten ­erlebt. Nach jahrelanger Vorbereitung hatte der deutsche Geologe im Juni 2014 die Lizenz für seinen Arbeitgeber, den russischen Stahlkonzern Severstal, zur Erschliessung einer der grössten Eisenerzminen der Welt von der liberianischen Regierung erhalten. Jetzt konnte im Südosten des westafrikanischen Staates mit dem Abbau eines 4,5 Milliarden Tonnen umfassenden Eisenerzbergs begonnen werden. Der Geschäftsführer der Putu Iron Ore Mining Inc. musste nur noch dafür sorgen, dass die nötige Infrastruktur mit Eisenbahnlinie und Hafen­erweiterung in die Gänge kam, die sich die russischen Investoren 2 Milliarden Dollar kosten lassen wollten. Doch dann machte ein winziges Lebewesen das Vorhaben zunichte. Der Ausbruch der Ebola-Epidemie zog einen dicken Strich durch Masurenkos Pläne: Womöglich werden sich seine russischen Auftraggeber nun ganz aus Liberia zurückziehen.

Die Finanziers der Putu-Mine meldeten gegenüber der liberianischen Regierung bereits «force majeure» an: Wegen «höherer Gewalt» könne das Bergwerksunternehmen seinen vertraglichen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. Zwar wurde aus der Region der künftigen Mine noch fast kein Infektionsfall gemeldet: Doch Geschäftsführer Masurenko kriegt weder Berater noch Ingenieure mehr ins Land. Sie weigern sich, ins Ausbreitungsgebiet der Seuche zu kommen.

Das Lebenselixier Liberias

Die Chefs in Moskau hatten auch Masurenko aufgefordert, mit den noch verbliebenen sieben ausländischen Angestellten umgehend das Land zu verlassen. Doch der Geologe erklärte: «Ich kann doch jetzt nicht alles liegen lassen.» Womöglich hat der Mann nur noch die Geschäfte abzuwickeln: Insider hätten ihm bereits mitgeteilt, dass Severstal die Putu-Mine verkaufen will, sagte Masurenko und zwang sich ein Lächeln ab.

Eisenerz ist das Lebenselixier Liberias. Die beiden derzeit aktiven Minen – eine von ihnen gehörte noch bis vor dem Bürgerkrieg Thyssen Krupp – sorgen für ein Drittel des Staatsbudgets. Mit dem Export von Eisenerz nahm Liberia im vergangenen Jahr 220 Millionen US-Dollar ein. Wäre die russische Putu- und die von Indern entwickelte Vedanta-Mine wie geplant fertig geworden, hätten sich die Staatseinnahmen verdoppelt – davon ist nun keine Rede mehr. Die heute von Chinesen geführte ehemalige Krupp-Mine Bong und die vom grössten Stahlkonzern der Welt, ArcelorMittal, betriebene Yekepa-Mine halten ihre Produktion zwar noch notdürftig aufrecht. Doch Masurenko will erfahren haben, dass zahlreiche Chinesen bereits in ihre Heimat zurückgekehrt sind und ArcelorMittal schon 600 Container zur Evakuierung seines Personals bestellte. Ein Exodus der Eisenerzschürfer hätte katastrophale Folgen: «Das Land steht vor dem wirtschaftlichen Ruin», ist Masurenko überzeugt.

Preise für Reis verdoppelt

Schon jetzt muss die Regierung auf 140 ihres auf 550 Millionen US-Dollar veranschlagten Budgets verzichten. Die Weltbank geht davon aus, dass das auf rund 6 Prozent prognostizierte Wirtschaftswachstum des westafrikanischen Staates um mehr als die Hälfte schrumpfen wird. Bleibe massive internationale Unterstützung im Kampf gegen Ebola weiter aus, werde Liberias Ökonomie sogar um 11,7 Prozent zusammenbrechen. Die Versorgung der Bevölkerung, die bereits vor dem Ausbruch der Seuche mangelhaft war (41 Prozent der Liberianer waren unterernährt), nimmt inzwischen besorgniserregende Züge an: Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) muss in den Slums Monrovias Nahrungsmittel verteilen, die Preise für Reis haben sich mancherorts verdoppelt.

William B. Seton hat bereits eine Strasse zur Putu-Mine gebaut. Der 47-jährige Gründer und Eigentümer der liberianischen Baufirma Solid Rock war bislang einer der grössten privaten Arbeitgeber des Landes und kann es nach eigenen Angaben selbst mit der chinesischen Konkurrenz aufnehmen. Doch inzwischen rosten sämtliche seiner 40 gelben Grossmaschinen bewegungslos im Regenwald vor sich hin. Seit dem Ausbruch der Seuche vermochte Seton keinen einzigen Auftrag mehr an Land zu ziehen. Die Regierung schuldet ihm sogar 4 Millionen Dollar, die sie wegen der durch die Epidemie verursachten Kosten nicht begleichen könne. Von den 2400 Arbeitern, die Seton bis vor einem halben Jahr noch beschäftigte, musste er bereits 1000 entlassen. Wenn es so weitergeht – und nichts deutet darauf hin, dass die Epidemie in absehbarer Zeit unter Kontrolle gebracht werden kann –, wird er Bankrott anmelden müssen.

«Die Regierung war auf eine Krise wie diese überhaupt nicht vorbereitet», sagt Seton. Während mancher Minister von dem derzeitigen Chaos noch profitiere, sei das Ansehen der Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf auf dem Tiefpunkt: «Ich glaube nicht, dass es viele andere Menschen gibt, die unter den Liberianern gegenwärtig noch verhasster sind als sie.»

Noch immer verfügt nur ein Prozent der Liberianer über Elektrizität; daran hat die achtjährige Herrschaft der ehemaligen Weltbankdirektorin nichts geändert. Lebensmittelengpässe und zunehmende Arbeitslosigkeit destabilisierten das Land auf bedrohliche Weise, sagt Unternehmer Seton: «Wir sind wieder da angelangt, wo wir vor dem Bürgerkrieg vor 15 Jahren waren.»

Möglich, dass die Regierung schon an Weihnachten die Gehälter der Staatsbediensteten nicht mehr bezahlen könne, sagt Ibrahim Nyei vom staatlichen Analyse-Institut Governance Commission: «Dann sind Aufstände nicht mehr ausgeschlossen.» Die Präsidentin habe es versäumt, den Kampf gegen die Korruption aufzunehmen, die Dezentralisierung voranzutreiben und rechenschaftspflichtige Institutionen aufzubauen. «Das Land», sagt Geologe Masurenko, «wird womöglich wieder in einem Bürgerkrieg enden.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.10.2014, 20:43 Uhr

Soldaten an die Pflegefront

Langsam kommt die ­Weltgemeinschaft im Kampf gegen Ebola in Schwung. Doch wie sinnvoll ist aber die Anwesenheit des Militärs in den Kliniken?

Die Pioniere der 36. Brigade der US-Armee fühlen sich nicht wohl in ihrer neuen Haut. «Man kommt sich wie der Reifenmann vor», sagt ein Soldat, nachdem er sich den Plastikoverall, die Schutzbrille, die Handschuhe und die Kapuze übergestülpt hat – wo der Mann doch eigentlich Stahlhelm, Knobelbecher und Uniform gewohnt ist. Im texanischen Fort Hood werden derzeit Teile der 36. Brigade auf einen noch nie da ­gewesenen Einsatz vorbereitet: Statt Armeen oder Terroristen sollen die Soldaten einen kleinen Feind in Westafrika bekämpfen, den sie nicht einmal durch ihr Zielfernrohr erkennen können.

Die Männer sind Teil der 4000-köpfigen Truppe, die US-Präsident Barack Obama zur Eindämmung der Ebola-Epidemie nach Liberia beordert hat: Doch sind Militärs tatsächlich die besten Jäger des Erregers? Skeptische Geister sprechen bereits von einer «Militarisierung der humanitären Hilfe». Afrika sei «die neue Front» Washingtons, schreibt Joeva Rock in der Zeitschrift «Foreign Policy in Focus»: Dort suchten die Pioniere der ­Supermacht im Tarnmäntelchen der ­Mitmenschlichkeit einen Brückenkopf zu bilden. Das eigentliche Interesse des ­Africom genannten Befehlsstabs der US-Streitkräfte sei, auf dem fremden Kontinent taktische Informationen zu sammeln, das Terrain auszukundschaften und Kontakte mit der Bevölkerung zu knüpfen: Wichtige Software, die man für spätere Konfrontationen mit welchen Gegnern auch immer benötige.

Doch die Lage ist komplizierter angesichts des Umstands, dass es ausgerechnet die pazifistische Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) war, die einen militärischen Einsatz im Seuchengebiet forderte. «Es ist uns nicht leichtgefallen, ausgerechnet Soldaten um Hilfe zu rufen», sagt MSF-Sprecherin Caitlin Ryan in Liberias Hauptstadt Monrovia: «Wir wussten allerdings nicht, wer sonst hätte einspringen können.» Monatelang hatte die mit ihrer Arbeit in Westafrika überforderte Organisation alle Welt um Hilfe angerufen: Sie konnte partout nicht genügend zivile Freiwillige finden, um der rapide wachsenden Welle der Infizierten zu begegnen.

Willkommene Verbesserung

Barack Obamas Ankündigung, viertausend Soldaten nach Liberia zu schicken, stiess im MSF-Quartier von Monrovia deshalb auf Zustimmung. Allerdings mit Vorbehalt. Denn die uniformierten Helfer werden ausgerechnet in dem Bereich nicht zum Einsatz kommen, in dem die Not am grössten ist: bei der Pflege der Patienten. «Wir sind eben nicht im Pflege-Geschäft tätig», räumt Pentagon-Sprecher John Kirby unumwunden ein. Stattdessen sollen die Pioniere im ganzen Land 17 Behandlungszentren für Ebola-Infizierte errichten und neben dem Flughafen von Monrovia ein Feldlazarett exklusiv für ­infizierte Pflegekräfte aufbauen.

Anderen Soldaten kommt die Aufgabe zu, Hunderte von Freiwilligen zu Pflegekräften auszubilden. Und schliesslich sind auch einige hochspezialisierte Laborkräfte im Kontingent, die Blutproben auswerten können. Auf diese Weise werde die Wartezeit für Ergebnisse der Ebola-Tests von über einem Tag auf wenige Stunden reduziert. Die Entsendung der Soldaten in der von der Ebola-Hys­terie heimgesuchten Supermacht hat ­bereits heftige Debatten ausgelöst.

Senator James Inhofe (Oklahoma) sah sich sogar zur Blockade des 750 Millionen Dollar umfassenden Budgets für den auf ein halbes Jahr veranschlagten Einsatz gezwungen – bis endlich auch der Republikaner davon überzeugt werden konnte, dass die «Söhne Amerikas» in Westafrika keinem ungebührlichen Risiko ausgesetzt werden. Das Dilemma der Ärzte ohne Grenzen ist mit dem US‑Einsatz jedoch noch immer nicht ­gelöst. «Mit der blossen Errichtung von Behandlungszentren ist es schlicht nicht getan», klagt die Hilfsorganisation: «Wir brauchen medizinisch ausgebildete Kräfte, die sich um die Patienten kümmern.» Allerdings zeichnet sich bereits ein «Kollateralnutzen» des militärischen Einsatzes ab. Die US-Ebola-Bekämpfer werden mit 165 kubanischen Ärzten und Krankenschwestern arbeiten: Teil der 5000 Frau und Mann starken «weissen Armee», mit welcher der isolierte Inselstaat in aller Welt Sympathiepunkte und Devisen sammelt. US-Aussenminister John Kerry pries die feindliche Nation bereits als «eindrucksvolles Beispiel»: Zumindest an dieser Front könnte der militärische Feldzug gegen das Virus also erfolgreich sein.

Johannes Dieterich, Johannesburg

(Tages-Anzeiger)

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