Interview

«Ein Militärschlag erscheint plausibel»

Die Zeichen verdichten sich, dass Israel einen Militärschlag gegen den Iran plant. Militärstratege Albert A. Stahel über die Möglichkeiten und Folgen eines Angriffs auf den Iran.

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Herr Stahel, Israel hat allem Anschein nach eine Jericho 3 erfolgreich getestet. Die Waffe hat mit rund 7000 Kilometern eine Reichweite, um auch den Iran zu treffen. Was wissen Sie über die Jericho 3?
Es handelt sich um eine Weiterentwicklung der Jericho 2, eine ballistische Boden-Boden-Lenkwaffe. Sie kann mit nuklearen Sprengköpfen bestückt werden.

Hätte der Iran im Falle eines Militärschlages ein geeignetes Abwehrsystem gegen diese Waffe?
Das ist die grosse Frage: Die Iraner haben bei den Russen eigentlich schon die S-300 bestellt. Das ist ein Abwehrsystem, das auch in der Lage ist, ballistische Lenkwaffen abzuwehren. Interessanterweise haben die Russen die S-300 offenbar noch nicht geliefert. Das ist übrigens eine merkwürdige Geschichte, die mit den ganzen Gesprächen um die Entwicklung iranischer Nuklearwaffen zusammenhängt.

Wenn Iran nicht über die S-300 verfügt, wie sieht die Abwehr dann aus?
Dann hat der Iran keine Abwehrmöglichkeiten gegenüber ballistischen Boden-Boden-Lenkwaffen. Dagegen dürfte der Iran über eine beschränkte Abwehrfähigkeit gegenüber Bombern und Marschflugkörpern haben.

Was bedeutet das konkret?
Ich vermute, dass Israel von den USA gelenkte Bomben erhalten hat, die verbunkerte Anlagen durchschlagen können. Es dürfte sich um Bomben mit grosser Sprengkraft handeln. Wenn die Durchschlagfähigkeit und die Zielgenauigkeit vorhanden sind, dann könnten die Anlagen Irans zur Urananreicherung ausgeschaltet werden. Der Iran wäre in der Entwicklung von Nuklearwaffen um Jahre zurückgeworfen.

Ist es denkbar, dass Israel bei einem Militärschlag nukleare Sprengköpfe einsetzt?
Es ist alles denkbar. Allerdings braucht es die Zustimmung von Obama und ich kann mir nicht vorstellen, dass Obama einem Nuklearschlag zustimmen würde. Aber wie gesagt: Es ist alles denkbar.

Wie könnte ein Gegenschlag Irans aussehen?
Im Augenblick wären die Waffen Irans ballistische Boden-Boden-Lenkwaffen. Der Iran hat bislang noch keine nuklearen Sprengköpfe.

Israel wäre also klar der stärkere Gegner.
Ganz klar: Israel ist die Militärmacht des mittleren Ostens, der einzige Staat dort mit nuklearen Waffen und einem funktionsfähigen Abwehrsystem gegen ballistische Boden-Boden-Lenkwaffen.

Anscheinend verdichten sich die Anzeichen, dass ein Militärschlag gegen Iran realisiert werden könnte: Laut «Guardian» bereitet sich London darauf vor, die USA bei einem Schlag gegen den Iran zu unterstützen. Wie schätzen Sie die Lage ein?
Ein Militärschlag erscheint plausibel und zwar aus zwei Gründen: Erstens auf Grund des Berichtes der IAEA und zweitens wegen der Gefahr der Satellisierung des Iraks durch den Iran in Folge des bevorstehenden Rückzuges der USA aus dem Irak.

Welche Rolle spielen die mutmasslichen iranischen Anschlagspläne auf den saudischen Botschafter in den USA?
Keine, es ist nicht relevant. Wichtig ist der neue Bericht der IAEA, der Internationalen Atomenergiebehörde. Die Frage ist nur, ob er zutrifft, aber das ist ein anderes Thema. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.11.2011, 17:14 Uhr

Prof. Albert A. Stahel (* 3. März 1943) wirkte während über 26 Jahren als Hauptamtlicher Dozent für Strategische Studien an der Militärakademie der ETHZ.
Er leitet das Institut für Strategische Studien in Wädenswil. Zu den wissenschaftlichen Schwerpunkten gehören Afghanistan und Zentralasien. Während über 30 Jahren hat er sich mit den Kriegen in Afghanistan wissenschaftlich auseinander gesetzt.

Er ist Mitglied des International Institute for Strategic Studies in London und der Clausewitz-Gesellschaft in Hamburg.

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