«Ein Racheakt aus Missverständnis»

Bei einem Massaker in einer Synagoge in Jerusalem starben sechs Menschen. Korrespondentin Susanne Knaul über die Hintergründe des Attentats.

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Gibt es erste Erklärungen für das Attentat von Palästinensern in einer Synagoge in Jerusalem, bei dem mindestens vier Israelis und die beiden Täter starben?
Zusätzlich zu der ohnehin angespannten Lage in Jerusalem handelt es sich offenbar um ein Missverständnis. Dabei geht es um den Tod eines palästinensischen Busfahrers, der am Montagabend erhängt aufgefunden worden war. Eine erste Autopsie, bei der auch ein palästinensischer Arzt anwesend war, ergab, dass der Busfahrer Selbstmord begangen hat. Dies wird auf palästinensischer Seite aber nicht geglaubt. Manche Medien gehen davon aus, dass der Busfahrer von Israelis gelyncht worden sei. Vor diesem Hintergrund ist das Attentat auf die Synagoge in Jerusalem als Racheakt zu deuten.

Jerusalem kommt seit Wochen nicht zur Ruhe, palästinensische Demonstranten und israelische Sicherheitskräfte gehen immer wieder aufeinander los. Welche Bedeutung hat das jüngste Attentat für den Jerusalem-Konflikt?
Das war das schlimmste Attentat gegen Israelis in Jerusalem seit sechs Jahren. Es deutet sich eine neue Kampfphase an. Vieles erinnert an die erste palästinensische Intifada Ende der 1980er-Jahre und Anfang der 1990er-Jahre. In Jerusalem kommt es regelmässig zu Krawallen, bei Demonstrationen werfen junge Palästinenser Steine und Molotowcocktails gegen die israelischen Sicherheitskräfte. Es ereignen sich auch Einzelattentate mit Messern und Pistolen. Im Vergleich zur ersten Intifada der Palästinenser konzentriert sich die Gewalt dieses Mal auf Jerusalem.

Warum ist das so?
Ein wesentlicher Grund besteht darin, dass die Hamas derzeit nicht in der Lage ist, grössere Sprengstoffattentate zu organisieren. Solange die palästinensische Führung um Mahmoud Abbas und Israels Regierung von Benjamin Netanyahu ihre Zusammenarbeit bei den Sicherheitsdiensten aufrechterhalten, lässt sich die Gefahr von Hamas-Attentaten wesentlich eindämmen. Abbas und Netanyahu bekämpfen sich zwar auf verbaler Ebene. Abbas’ Fatah setzt aber weiterhin auf den Dialog mit Israels Regierung und den diplomatischen Kampf auf internationaler Ebene.

Waren die Attentäter von Jerusalem Hamas-Mitglieder? Was ist über sie bekannt?
Die Attentäter sind zwei Männer in den Zwanzigerjahren, Vettern aus Ostjerusalem. Die Hamas hat das Attentat gelobt. Ob die Attentäter der Hamas angehörten oder in deren Auftrag handelten, ist nicht klar.

Israels Premier Netanyahu hat unmittelbar nach dem Synagoge-Attentat eine scharfe Reaktion angekündigt. Was könnte er damit gemeint haben?
Netanyahu hat keinen grossen Handlungsspielraum. Vermutlich wird er die Wohnhäuser der Familien der Attentäter zerstören lassen, um eine gewisse Abschreckung zu schaffen. Neue Attentäter wird dies aber kaum beeindrucken.

Sehen Sie Anzeichen für eine Beruhigung der Lage in Jerusalem?
Es wird immer wieder zu Gewalt kommen, solange bei den sensiblen Themen keine Lösungen gefunden werden. Dabei geht es insbesondere um die israelische Besatzung im Westjordanland und in Ostjerusalem, das starke soziale Gefälle zwischen Israelis und Palästinensern in Jerusalem sowie den Zugang zum Tempelberg.

Welchen Einfluss hat das Synagoge-Attentat von Jerusalem auf die Verhandlungen im Gaza-Konflikt?
Die Waffenstillstandsverhandlungen liegen schon seit einiger Zeit auf Eis. Im Moment gibt es keinen Vermittler, nachdem Kairo wegen eines Hamas-Attentats die Waffenstillstandsverhandlungen bis auf weiteres abgesagt hat.

Erstellt: 18.11.2014, 14:01 Uhr

Susanne Knaul ist Nahost-Korrespondentin in Israel.

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