Ein Staat in «geschichtlich völlig befreitem Raum»

Im Irak verwüsten Kämpfer des Islamischen Staats antike Stätten, zuletzt jene von Nimrud. Die Geschichtsverweigerung der Islamisten ist beinahe total und betrifft sogar die Höhepunkte der muslimischen Kultur.

Mit dem Hammer gegen die eigene Kultur: IS-Kämpfer demolieren Statuen im Mosul-Museum.

Mit dem Hammer gegen die eigene Kultur: IS-Kämpfer demolieren Statuen im Mosul-Museum. Bild: Keystone

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Nimrud, gegründet vor 3200 Jahren an den Ufern des Tigris, im 8. und 7. Jahrhundert vor Christus Hauptstadt der Assyrer. Nimrud, eine der bestausgestatteten und besterhaltenen archäologischen Stätten mit weitläufigen Palästen, mit Reliefs. Nimrud ist unter die Räder des Islamischen Staates (IS) gekommen.

Mit schweren Militärfahrzeugen und Planierraupen sei die Grabungsstätte zerstört worden, meldet das irakische Antikenministerium in Bagdad. Statuen, Wände, sogar ein Palast seien vernichtet worden, berichten Augenzeugen. Auch Lastwagen seien gesehen worden, möglicherweise, um transportable Objekte fortzuschaffen: Der IS hasst die Zeugnisse anderer Kulturen, aber er verdient gern am Raubgut. Die Unesco spricht von «kultureller Säuberung». Der wichtigste schiitische Geistliche des Irak, Ayatollah Ali al-Sistani, rief in der Freitagspredigt zum Kampf auf gegen eine Terrororganisation, die «weder Mensch noch Stein verschont».

Nimrud rettet das nicht. Niemand weiss genau, wie gross die Zerstörung, wie gross der Verlust ist. Es ist nur klar, was auf dem Spiel steht. Als Assurnasirpal II. die Stadt im 8. Jahrhundert v. Chr. zur Königsresidenz erhob, war Assyrien die aufstrebende Macht, hatte sich durchgesetzt unter den vielen Stämmen und Regionalherrschern. Lange Zeit hatten die assyrischen Könige ihre Feldzüge eher um der Beute willen geführt, weniger für den Gewinn von Territorium und die Unterwerfung anderer Völker. Dann aber breitete Assyrien sich aus, dank moderner Kriegsführung mit einer Streitmacht, mit besten Pfeilen und Bögen, Steinschleudern, Streitwagen, Rammböcken, einer gezielten und umfassenden Umsiedlungspolitik und dem Ruf höchster Grausamkeit.

Eine der ältesten Bibliotheken

Keilschrifttexte berichten darüber, dass Tglatpilesar III. im 7. Jahrhundert v. Chr. den gesamten Adelsstand in Damaskus pfählen liess. Häutungen, Verstümmelungen, Massaker aller Art versetzten die Gegner in Angst und Schrecken. An den Wänden der Paläste, dort, wo die ausländischen Gesandten warteten, schufen Reliefs verschiedener Tötungsarten ebenjenes Klima der Einschüchterung, das die diplomatischen An­stren­gun­gen beflügeln sollte. Einige Wissenschaftler weisen inzwischen darauf hin, dass die Assyrer kaum blutrünstiger ­waren als der zeitgenössische Durchschnitt, dass sich ein Reich von dieser Grösse über so viele Jahrhunderte nicht hätte halten können, wenn es durch Furcht allein regiert hätte.

Nicht nur die Paläste in Nimrud oder später in Ninive zeugten vom zivilisatorischen Triumph der Assyrer, sondern auch ihre Bildungseinrichtungen. Die Assyrer schufen eine der ältesten Bibliotheken der Welt. 612 v. Chr. aber fiel ­Assyrien an die persischen Meder, kurz darauf an die Babylonier. Nimrud verfiel, wurde erst Mitte des 19. Jahrhunderts wieder ausgegraben. Nimrud war immer für eine Überraschung gut. Während des Iran-Irak-Kriegs fielen einem irakischen Archäologen Unregelmässigkeiten der Bodenfliesen im Nordwestpalast auf, und er stiess auf drei unversehrte Grabmale assyrischer Königinnen und einen Schatz, den Forscher mit jenem des ägyptischen Pharaos Tutanchamun vergleichen: 57 Kilogramm Gold, Gürtel, Kannen, Diademe und eine Krone, nachgebildet einer Weinlaube, mit tanzenden weiblichen Geistern. Nachdem die Amerikaner 2003 im Irak einmarschierten und einen Sturm auf Museen und Kulturgüter entfesselten, fürchteten viele, auch diese Kostbarkeiten seien verloren. Wissenschaftler wussten, was später viele andere erleichtert erfuhren: Das Gold der Königinnen lagerte – und lagert bis heute – an einem sicheren Ort.

Etwas völlig Neues aufbauen

Auch Hatra, eine weitere archäologische Stätte im Herrschaftsbereich des Islamischen Staats, ist gefährdet, bedroht. Doch es geht bei diesem Feldzug nicht nur um die Antike, es geht um alles, was anders ist als der Islamische Staat. In einem Radiointerview sagt der Archäologe Reinhard Bernbeck von der Freien Universität Berlin, die Anhänger des Jihadi-Kalifats wollten mit dem Zerstörungsfeldzug in ihrem Herrschaftsgebiet «fast die gesamte Vergangenheit, die dort kulturell vorhanden ist», offensichtlich zerstören, um einen «geschichtlich völlig befreiten Raum» zu bekommen, in dem sie dann etwas völlig Neues aufbauen können.

Der Islamische Staat will das kulturelle Gedächtnis der Menschen im Nahen und Mittleren Osten vollständig auslöschen und Geschichte auf die knapp 100 Jahre islamischer Frühzeit reduzieren, auf die Lebenszeit Mohammeds und die Eroberung der damaligen Welt. Die kulturelle Festplatte der Region soll erst gelöscht und dann neu bespielt werden.

Nur so kann sich der gewalttätige ­Islamismus mit seinem grotesken Anspruch auf globale Staatlichkeit zur einzig vorstellbaren Form von Religion und Gesellschaft erheben. In einer Grossregion, die die Wiege der Zivilisation ist und dies mit ungezählten Stätten aus der Zeit der Assyrer und Sumerer, aber auch der ägyptischen Pharaonen und der griechisch-römischen Kultur beweist, muss die historische Stunde null mit Planierraupe und Vorschlaghammer eingeläutet werden – ob im Museum von Mosul, den Ruinen von Nimrud oder in den anderen Gebieten, die den IS-Kämpfern noch in die Hände fallen werden.

Wissenschaftler als Häretiker

Wie sehr die Idee eines voraussetzungslosen Neuanfangs im IS verankert ist, zeigt eines der wenigen Schriftstücke, das die radikale Ideologie halbwegs offiziell festhält. Der britische Thinktank Quilliam-Foundation hat das «Manifest der Frauen der Al-Khanssaa-Brigade» übersetzt und ausserhalb des Kreises der Terrorunterstützer zugänglich gemacht. Es wendet sich an arabische Musliminnen, formuliert die Rolle der Frau in der angeblich perfekten islamischen Gesellschaft. Dass die weibliche Existenz auf die «göttliche Mutterschaft» reduziert wird und darauf, dem Mann zu dienen, ihm zu Willen zu sein und im häuslichen Gefängnis die Kinder aufzuziehen, ist im Denken vieler Islamisten anzutreffen. Weit weniger bekannt – aber ebenso erschreckend – ist die völlige Ablehnung der eigenen Geschichte.

Und zwar nicht nur der vorislamischen Geschichte – auch hier stimmen die Militanten mit vielen Islamisten überein. Ähnliches haben schon die Taliban in Afghanistan mit der Zerstörung der Buddhas in Bamian bewiesen. Doch die IS-Vordenker lehnen selbst die Höhepunkte der eigenen, der islamischen Kultur ab. Jahrzehntelang sei den Muslimen schon in der Schule beigebracht worden, dass sie den Europäern beweisen müssten, welche glorreichen Höhepunkte der Islam erlebt habe in früheren Jahrhunderten, heisst es im Manifest. Für die IS-Ideologien sind Wissenschaftler und Denker der islamischen Welt nur «Häretiker und Genies für Europäer». Der radikale Schluss: «Muslime brauchen die Erkenntnisse dieser Leute nicht. Muslime müssen nicht ihr Leben darauf verschwenden, weltliche Wissenschaft zu betreiben, die keinen spiri­tuellen Gewinn abwirft.»

Das Ergebnis dieses kulturellen Nihilismus: ein Naher Osten ohne vorislamische Hochkulturen, sei es in Mesopo­tamien, im Iran oder in Ägypten. Ein ­Naher Osten ohne Christen und Juden und damit ohne Alternative zum Monotheismus islamischer Prägung. Ein Naher Osten natürlich auch ohne westliche Moderne, ohne jede Möglichkeit einer Säkularisierung: «Der Kolonialismus verbreitete eine unreine Kultur und den Atheismus unter den Muslimen», so das Manifest.

Alles dreht sich um Gott

Da ist kein Platz für Nimrud oder Ninive, da ist auch kein Platz für ein jüdisch-christliches Jerusalem und ebenso wenig für das glorreiche Kalifat von Bagdad des 12. Jahrhunderts. Nur die Gesellschaft des Propheten in Medina «war die beste aller Gesellschaften. Sie war einfach, sowohl in materieller Hinsicht als auch im Blick auf die weltlichen Wissenschaften.»

Und weiter: «Die Menschen bauten Hütten aus Palmzweigen und Lehm, ritten auf Kamelen und Pferden und wussten nichts über Physik, Ingenieurswesen oder Astronomie. Deshalb drehte sich alles um Gott, und die Rechtgläubigen waren seine Sklaven.» Wer braucht schon Reliefs und Statuen, wenn er in ­einem solchen Staat leben kann? Die neusten Zerstörungen werden kaum die letzten gewesen sein.

Erstellt: 06.03.2015, 23:29 Uhr

IS-Kämpfer zerstören Wiege der Zivilisation: Archivbilder zeigen die archäologische Stätte Nimrud, ein wertvolles Relikt des assyrischen Reiches. (Video: Reuters )

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