Hintergrund

Ein Wunder in Afrika

Telemedizin im Busch, abenteuerliches Wachstum beim Mobilfunk, nigerianischer Online-Shop in Paris: Afrika erlebt zurzeit ein technologisches Wunder. Davon profitieren jedoch auch Terroristen.

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Mit ihrer blutrünstigen Aktion wollten die extremistischen Gotteskrieger, die im vergangenen Monat Nairobis Luxus-Mall Westgate heimsuchten, nicht nur möglichst viele Menschen töten, sondern auch ein Fanal gegen den modernen, westlich beeinflussten Lebensstil setzen. Erreicht haben sie das Gegenteil. Ausser einer neuen Stufe der Brutalität fundamentalistischer Milizionäre markiert der Angriff eine weitere Etappe des Siegeszugs westlicher Informationstechnologien und sozialer Netzwerke wie Twitter: Es war die erste Terrorattacke auf afrikanischem Boden, die sich gleichzeitig in der grausamen Wirklichkeit wie im Cyberspace abspielte.

«Ich liege unter den Matratzen!!!!!», twitterte eine Besucherin der Mall unter @ShirleyGhetto in den ersten Stunden der Attacke: «Das ist vielleicht mein letzter Tweet. :’( :’(». Zahlreiche im Kugelhagel festgehaltene Shopper sandten mit ihren Handys Hilferufe oder Lebenszeichen in die Aussenwelt: «Spendet Blut. Bitte!», flehte Kamal Kaur unter @kamz26: «Ich sah Kinder, die es brauchen.» Unter dem Hashtag #Westgate löste das viertägige Drama ein beispielloses elektronisches Stakkato aus: Stunde um Stunde wurden bis zu 1,8 Millionen kurze Augenzeugenberichte, Kommentare oder Beileidsbekundungen über Twitter versandt.

Einer der ersten Netzwerknutzer war Armeesprecher @MajorEChirchir, der sich von dem Internetclub ein «Update» über die Lage im Einkaufszentrum erhoffte. Kurz später folgte Polizeichef David Kimaiyo @IGkimaiyo, der wenige Tage zuvor ans Netz gekommen war: Er forderte seine «Follower» auf, dem Einkaufszentrum fernzubleiben. Bald meldeten sich auch die Täter selbst zu Wort: «Good Morning Kenia !» tweetete die somalische Al-Shabaab-Miliz unter ihrem Handle @HSMPress in einer sarkastischen Anspielung an die Textlängenbeschränkung des Netzwerks: «Ein 14-stündiger Angriff mit 1400 Schuss Munition und 140 Zeichen von Rache!» Propaganda auf Twitter

In der Folge wurde die blutige Konfrontation vor Ort von einer virtuellen Propagandaschlacht zwischen kenianischen Sicherheitskräften und somalischen Milizionären begleitet, wobei Letztere von der wiederholten Suspendierung ihres Accounts seitens der Twitter-Administratoren immer wieder unterbrochen wurden. Stets richteten die Hintermänner der Terroristen umgehend neue Konten ein, um mit ihrer Gefolgschaft im Cyberspace in Verbindung zu bleiben. «Wir haben gerade wieder unsere Mujahedin in der Mall kontaktiert», schrieben die Milizionäre: «Sie kämpfen noch immer und fühlen sich stark. Stay tuned!»

Nur mit der industriellen Revolution vergleichbar

Dass der Terrorangriff ausgerechnet in Kenia stattfand, kam seinem überwältigenden digitalen Echo zweifellos zugute. Auf dem Erdteil sind kaum irgendwo anders südlich der Sahara mehr Menschen mit sozialen Netzwerken verknüpft: Im ostafrikanischen Schwellenland wird Twitter längst zur Organisation von Fahrgemeinschaften, zum Auffinden billiger Tankstellen oder zur Identifizierung von Krisenherden ethnischer Konflikte benutzt.

Während des Wahlkampfs zu Beginn dieses Jahres setzte vor allem der schliesslich erfolgreiche Kandidat Uhuru Kenyatta elektronische Plattformen wie Facebook, Instagram oder Google+ ein: Sowohl von seinen Ministern wie den Chefs des Sicherheitsapparates wird erwartet, dass sie über Twitter die Verbindung zum vernetzten Volk halten. In dem 50 Millionen Einwohner zählenden Staat gibt es bereits mehr als 30 Millionen Karten für Mobiltelefone: Angesichts der Tatsache, dass weit über die Hälfte der Bevölkerung jünger als 18 Jahre ist, eine beachtliche Bilanz.

Afrika erlebte in den vergangenen zwei Jahrzehnten ein Wunder, das nur mit der industriellen Revolution in Europa im 19. Jahrhundert zu vergleichen ist. Gab es Mitte der 90er-Jahre südlich der Sahara noch gerade mal 600 000 Mobilfunktelefone – die meisten davon in Südafrika –, so sind in diesem Teil des Kontinents heute mehr als 850 Millionen Handys registriert. Das abenteuerliche Wachstum des afrikanischen Mobilfunksektors von derzeit mehr als 21 Prozent pro Jahr wird anhalten, prophezeien Experten: In sieben Jahren soll die Branche bereits 250 Milliarden US-Dollar Wert sein. Und das alles ohne einen Dollar an Entwicklungshilfe. Die afrikanische IT-Revolution wurde allein vom scheinbar im Sterben liegenden Privatsektor befeuert.

Unter Afrikas Herrschern glauben nur Fossilien wie Zimbabwes fast 90-jähriger Präsident Robert Mugabe noch, ohne Twitter-Account auskommen zu können. Andere, wie der technologiebegeisterte ruandische Staatschef Paul Kagame, greifen mehrmals täglich in die Tasten. Autokratisch regierte Staaten wie Äthiopien oder Eritrea, welche die egalitären Netzwerke unter ihrer Kontrolle zu halten suchen, tun das auf eigene Kosten: Die Entfesselungskünstler bisher ungeahnter wirtschaftlicher Chancen ziehen an ihnen vorbei.

Hilfe bei Operationen via Handy

Dagegen wurde in Paris jüngst das nigerianische Onlinekaufhaus Jumia als weltweit bester Neustart eines Einzelhandels-Unternehmens prämiert: Die knapp ein Jahr alte Firma wird bereits täglich 100 000-mal von Kunden angesurft. War es vor zwanzig Jahren selbst in afrikanischen Hauptstädten noch so gut wie ausgeschlossen, jemanden telefonisch übers Festnetz zu kontaktieren, so werden heute in entlegenen Buschkliniken komplizierte Operationen mit telemedizinischer Hilfe aus Kliniken der Ersten Welt durchgeführt. «Die Informationstechnologie hat die Kraft, das Leben in Afrika genauso radikal zu verändern, wie das die Dampfmaschine in Europa im 19. Jahrhundert tat», sagt Bitange Ndemo, ehemaliger Ministerialdirektor im kenianischen Kommunikationsministerium.

Nur wenige Kilometer von Nairobis Westgate-Mall entfernt ist im vierstöckigen Bischof-Magua-Haus das iHub untergebracht: eines jener Zentren, die derzeit wie Pilze aus Afrikas Böden schiessen. Mindestens 90 solcher Magnete für Technologiefundis und Jungunternehmen gibt es in Afrika bereits, alle zwei Wochen kommt ein neues hinzu. In Nairobis iHub sind junge Kenianer vor allem damit beschäftigt, auf afrikanische Verhältnisse massgeschneiderte Computerapplikationen wie etwa M-Farm zu entwickeln: Eine Anwendung, die es Kleinfarmern ermöglicht, selbst mit ihrem archaischen Handy über SMS im Internet Preise für ihre Agrarprodukte zu erfragen und sich so von blutsaugerischen Mittelsmännern unabhängiger zu machen.

Bereits seit Jahren macht Kenia, in Insiderkreisen auch «Silicon Savannah» genannt, durch immer neue Erfindungen im IT-Sektor auf sich aufmerksam. Hier wurde auch der handygestützte Zahlungsverkehr M-Pesa entwickelt, mit dem die unzähligen Afrikaner, die über kein Bankkonto verfügen, per Mobilfunktelefon Geld überweisen können. Sechs Jahre nach M-Pesas Start wird der Service bereits von mehr als 70 Prozent der erwachsenen Kenianer in Anspruch genommen: Monat für Monat wechseln auf diese Weise nahezu 1,5 Milliarden Dollar den Besitzer. Die Idee wird inzwischen in einem Staat der Welt nach dem anderen eingeführt: Es ist eine der ersten afrikanischen Erfindungen, die weltweit Furore machen.

Mobilfunkmasten und Netzgezwitscher

Wie kein anderer Staat des Kontinents repräsentiert Kenia die Ambivalenzen des in die Moderne katapultierten Erdteils. Vor sechs Jahren von blutigen ethnischen Unruhen an den Rand des Abgrunds gedrängt, wird der ostafrikanischen Nation in Sachen Informationstechnologie eine glänzende Zukunft vorausgesagt – schon heute sorgt der Sektor für zehn Prozent des kenianischen Bruttoinlandprodukts.

Kenias Präsident, der wegen seiner vermeintlichen Verwicklung in die Gewalttaten vor dem Haager Strafgerichtshof angeklagt ist, gilt als entschiedener Verfechter der Technologie, die wiederum von dem Blutbad islamistischer Terroristen auf ein neues Niveau gehoben wurde. Zu befürchten ist, dass weder dieser Anschlag noch die ethnischen Unruhen die letzten waren. Zu hoffen ist, dass solche Schreckgespenster in einer artenreich blühenden Savanne mit Mobilfunkmasten und Netzgezwitscher nichts mehr zu suchen haben.

Erstellt: 19.10.2013, 09:00 Uhr

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