«Ein falscher Blick und wir schlugen zu»

Israelische Soldaten berichten, wie sie minderjährige Palästinenser misshandelten und erniedrigten. Eine von Veteranen gegründete Organisation will damit nun künftige Soldaten konfrontieren.


«Wir reissen hier Familien auseinander»: Von Breaking the Silence veröffentlichte Aussage eines Soldaten. (Video: Youtube.com)


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«Wir fanden den Jungen hinter der letzten Türe auf der linken Seite. Er war vollkommen verängstigt. Unser Kommandant schlug ihn zu Brei. Anschliessend zerrte er ihn die Strasse entlang. Unterwegs deutete er wiederholt auf Löcher am Strassenrand und fragte den Jungen: ‹Willst du sterben? Willst du hier und jetzt sterben?›»

Mit diesen Worten schildert ein ehemaliger israelischer Soldat, wie seine Patrouille in Hebron einen palästinensischen Jungen misshandelte, der sie zuvor mit Steinen beworfen hatte. Aufgezeichnet hat diese Aussagen die israelische Nichtregierungsorganisation Breaking the Silence. Die 2004 von Veteranen der israelischen Armee gegründete Organisation setzt sich dafür ein, dass ehemalige Soldaten über das Verhalten der israelischen Besatzungstruppen reden können und sich die Gesellschaft mit den Folgen auseinandersetzt. In ihrem neuen Bericht listet sie 47 solcher Fälle von Gewalt gegen palästinensische Kinder und Jugendliche auf.

«Ich kenne keine Gnade»

Der erwähnte Fall geht im Bericht noch weiter: Nachdem der Kommandant der Patrouille den Jungen die Strasse entlang gezerrt hatte, brachte er ihn in ein Gebäude im Rohbau. Dort nahm er einen Stock und schlug den Jungen damit abermals zusammen. Als sich die Familie des Jungen vor dem Haus versammelte, schleppte er den Jungen nach draussen und hielt ihm dort eine Pistole in den Mund. «Wenn jemand näher kommt, töte ich ihn. Ärgert mich nicht. Ich werde ihn töten. Ich kenne keine Gnade», schrie der Kommandant.

Die Vorwürfe, die Breaking the Silence gegen die israelische Armee erhebt, sind heftig. Entsprechend umstritten sind die Berichte der Organisation. Während die EU sowie Grossbritannien, Spanien und die Niederlande Breaking the Silence finanziell unterstützen und die Organisation vornehmlich als glaubwürdig gilt, hat die israelische Armee ihr in Vergangenheit vorgeworfen, sie sei nur daran interessiert, die Armee blosszustellen, nicht aber an seriösen Untersuchungen.

Breaking the Silence gibt an, die im neuen Bericht enthaltenen Aussagen stammten von über 30 Soldaten der israelischen Armee, die zwischen 2005 und 2011 in der Westbank, im und um den Gazastreifen gedient hatten. Alle Fälle seien sorgfältig anhand von anderen Aussagen und Angaben von Menschenrechtsorganisationen überprüft worden. Es handle sich zudem um Vorkommnisse, wie sie in den Palästinensergebieten alltäglich seien.

Vom Bericht hat Breaking the Silence Tausende Exemplare drucken lassen. Diese sollen nun an Studenten in Jerusalem und Tel Aviv verteilt werden und somit an künftige Soldaten der israelischen Armee.

Andauernder Kampf gegen Kinder

Im Bericht zeichnen die Aussagen der Soldaten das Bild eines Kleinkriegs zwischen Besatzungssoldaten und minderjährigen Palästinensern. Jugendliche im Alter von vielleicht fünfzehn Jahren und sogar zehnjährige Kinder greifen die Soldaten immer wieder mit Steinen und Molotowcocktails an. Diese schlagen wie im geschilderten Fall manchmal mit unverhältnismässiger Gewalt zurück; misshandeln und erniedrigen teilweise aber auch völlig willkürlich ausgewählte Kinder. So ist von Soldaten zu lesen, die eine Strasse hinuntergingen und dabei wahllos Kinder mit Stöcken in die Kniekehlen schlugen, damit diese umfielen. Andere Kinder sollen gezwungen worden sein, die israelische Nationalhymne zu singen. Wieder andere würden an Kontrollposten geschlagen, wenn sie die Anweisungen der Soldaten nicht verstünden.

Auch die Provokation von Ausschreitungen soll laut den Aussagen eines Soldaten üblich gewesen sein. Wenn sich die Soldaten langweilten, hätten sie eine Schockgranate durch das Fenster einer Moschee geworfen – und schon hätten sie ihre Ausschreitung gehabt. Als Reaktion auf die Schilderungen eines der Soldaten fragt der Interviewer nach: «Was müsste ich als Palästinenser tun, um zusammengeschlagen zu werden?». Die Antwort des Soldaten: Uns genügte ein falscher Blick und wir schlugen auf der Stelle zu. Wir hatten es derart satt, an diesem Ort zu sein.

Befehl zum Schiessen

Neben offenbar an der Tagesordnungen liegenden Gewaltexzessen wirft der Bericht von Breaking the Silence auch ein Schlaglicht auf die Instruktionen, welche die Soldaten der israelischen Armee erhalten. Mehrere Soldaten berichten übereinstimmend, die Anweisung sei, auf Bewaffnete zu schiessen. Es dürfe sogar geschossen werden, wenn es sich um ein Kind handle, das erst im Begriff sei, ein Molotowcocktail anzuzünden. Nicht einmal daran scheinen sich die Soldaten aber in manchen Fällen zu halten: «Ich glaube, sie hielten eine Art Sack, ich kann mich nicht genau erinnern. Wir hatten einen Scharfschützen dabei. Ich war bis zum Äussersten angespannt – und plötzlich: Bumm!», berichtet ein Soldat von einem Vorfall in Nablus im Jahr 2009.

Ein anderer Soldat berichtet auch vom Einsatz von Kindern als menschliche Schutzschilder – ein Vorgehen, dass sogar vom obersten israelischen Gerichtshof geächtet wird. «Immer wenn wir arabische Kinder erwischten, hielten wir sie vor uns. So dass die anderen Steine auf sie warfen und nicht auf uns,» so der Bericht des Soldaten von einer Auseinandersetzung mit Palästinensern.

Israel streitet Vorwürfe nicht kategorisch ab

Gegenüber Medien haben offizielle Stellen zum Bericht von Breaking the Silence Stellung genommen. Sie streiten die Vorwürfe nicht kategorisch ab, stellen die Gewaltexzesse aber als Einzelfälle dar. Premierminister Benjamin Netanyahus Sprecher Mark Regev forderte laut dem «Sydney Morning Herald» dazu auf, Beschwerden gegen die israelische Armee zu melden: «Wir haben einen sehr strikten Verhaltenskodex. Verstösse dagegen werden disziplinarisch oder sogar mit Gefängnis bestraft.»

Während Regierung und Armee Einzelfälle nicht ausschliessen, verteidigen sie aber das Vorgehen der Armee im Allgemeinen. Über Jahre hinweg seien palästinensische Minderjährige in Gewalt gegen israelische Zivilisten verwickelt gewesen. «Wir anerkennen, dass Minderjährige spezielle Bedürfnisse haben und wir versuchen sie unter sehr schwierigen Bedingungen so vorsichtig wie möglich zu behandeln», ergänzte Regev. Es sei «unglücklich», dass sich militante palästinensische Organisationen dazu entschliessen würden, Minderjährige «an die Front» zu schicken.

Armee-Sprecher Arye Shalicar verwies laut dem «Sydney Morning Herald» ebenfalls gegenüber Medien darauf, dass die Zahl der Selbstmordanschläge in den letzten zehn Jahren gesunken sei. «Im Jahr 2002 gab es Hunderte von Selbstmordattentätern – im Jahr 2012 keinen. Das zeigt, dass das Vorgehen der israelischen Sicherheitskräfte auf eine gewisse Art und Weise Wirkung zeitigt.»

Shalicar kritisierte, dass Breaking the Silence die Fälle gegenüber der Armee nicht offenlege, damit diese die Vorfälle untersuchen könnte. Yehuda Shaul, einer der Gründer der Organisation entgegnete, es sei wichtig, dass Breaking the Silence die Identität seiner Quellen schütze – viele müssten Richtlinien der Armee brechen, um auf die Missstände aufmerksam zu machen. «Es ist von grösster Wichtigkeit, dass die Menschen in Israel damit konfrontiert werden, was es für palästinensische Kinder bedeutet, unter militärischer Besatzung zu leben», sagte Shaul. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.08.2012, 12:17 Uhr

Laut dem Bericht schlagen die Israelis bei Angriffen durch Kinder unverhältnismässig zurück: Ein palästinensischer Junge rennt in Jenin im Westjordanland weg, nachdem er Steine auf israelische Armeejeeps geworfen hat. (6. September 2007) (Bild: Keystone )

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