«Ein neuer Konflikt ist absehbar»

Der blutige Schusswechsel an der Grenze zwischen Israel und Libanon überrascht Nahost-Experte Erich Gysling nicht. Die Spannungen seien seit Wochen gezielt geschürt worden.

Bei einem Feuergefecht zwischen Israel und Libanon gab es Tote und Verletzte.

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Herr Gysling, israelische und libanesische Soldaten lieferten sich an der Grenze ein heftiges Gefecht, es gab Tote und Verletzte. Wie werten Sie die neuen Spannungen an der israelisch-libanesischen Grenze?
Es überrascht mich nicht. Die Spannungen wurden seit Wochen sowohl von Israel wie von der Hizbollah geschürt, etwas mehr von Israel. Schon vor drei, vier Monaten warf Israel der Hizbollah vor, dreissigtausend Raketen zu haben, die Israel bedrohen würden. Man musste damit rechnen, dass der Konflikt irgendwann eskaliert.

Die libanesische Regierung behauptet, die Hizbollah sei am Zwischenfall nicht beteiligt.
Das ist nicht sehr glaubwürdig. Die Hizbollah ist eine wesentliche militärische Macht im Süden Libanons, und sie ist in die Regierung eingebunden. Die Grenze zwischen der libanesischen Armee und der Hizbollah ist fliessend.

In einer Videoaufnahme ist angeblich zu sehen, dass ein israelischer Soldat auf libanesischer Seite einen Baum fällen will. Was steckt dahinter?
Anders als bei uns hat ein Baum in der Region eine grosse Bedeutung. Bäume in der Region sind oft Olivenbäume. Einen zu fällen, kann eine Miniökonomie auf Jahre beeinflussen. Israel will offenbar damit Stärke demonstrieren. Beide Seiten sind darauf aus, die Spannung anzuheizen. Alles deutet darauf hin, dass ein neuer lokaler Konflikt heraufzieht, sei es zwischen Israel und der Hizbollah im Libanon oder zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen.

Es scheint unmöglich, dass die Region jemals zur Ruhe kommt.
Weil grundlegende Probleme nicht gelöst werden wie etwa die Blockade des Gaza-Streifens. So lässt Israel nicht zu, dass sich eine Ökonomie entwickelt. Bei der Hizbollah sagt Israel, dass sie vom Iran unterstützt werde. Israel will dem Iran auch indirekt zeigen, dass es sich nichts gefallen lässt.

Gerade erst schlugen Raketen aus dem ägyptischen Sinai in Eilat und Akaba ein. Haben diese Vorfälle einen Zusammenhang?
Es ist ein Versuch der Extremisten, Israel zu zeigen, dass es sich nicht so verhalten kann wie bisher. Wie gesagt, in der Region werden die Spannungen gezielt aufgebaut. Ein weiterer Schub von Spannungen ist mit dem Siedlungsbau programmiert. Trotz Moratorium hat Israel in Ostjerusalem weitergebaut. Am 26. September läuft das Moratorium aus, Israel wird dann offiziell weiterbauen. Und der palästinensische Präsident Mahmud Abbas wird keinen Gesprächen zustimmen, wenn Israel den Siedlungsbau nicht stoppt. Ein neuer Konflikt in der Region ist absehbar.

Andererseits hat Benjamin Netanyahu der UNO-Untersuchung des Angriffs auf die Gaza-Hilfsflotte zugestimmt. Warum ausgerechnet jetzt?
Auch das zeigt, wie die Spannung in der Region am steigen ist. Der Druck aus dem Ausland war wohl so gross, dass Netanyahu nicht anders konnte, als zuzustimmen. Er geht wohl davon aus, dass es einen Schuldspruch für beide, für Israel und die Türkei geben wird.

Erstellt: 03.08.2010, 17:13 Uhr

Nahost-Experte Erich Gysling (Bild: Keystone )

Auf diesem Video fällt ein israelischer Soldat einen Baum, angeblich auf der libanesischen Seite der Grenze. (Video: Reuters )

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