Eine Botschaft im Niemandsland

Mit Flaggen, Plakaten und Delegierten wird die Verlegung der US-Vertretung nach Jerusalem gefeiert. Doch das Gebäude liegt auf einem umstrittenen Gelände.

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Heute Montag werden die Hüllen fallen: Das riesige kreisrunde Schild am Eingang ist bereits seit Tagen montiert, ein dunkelblaues Tuch verdeckt noch den Schriftzug der US-Botschaft. In allen Strassen sind die Laternenpfähle mit israelischen und amerikanischen Flaggen geschmückt. Die ganze Stadt ist zugepflastert mit Plakaten, die verkünden: «Trump – make Israel great». Es ist eine Aktion der Freunde von Zion, gegründet vom amerikanischen evangelikalen Christ Mike Evans, der sich der Förderung des Zionismus verschrieben hat.

Die Verlegung der amerikanischen Botschaft markiert eine Zäsur in der US-Aussenpolitik durch die formale Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels. Eine angeblich aus 250 Personen bestehende Delegation, angeführt von Finanzminister Steven Mnuchin, Vize-Aussenminister John Sullivan sowie Präsidententochter Ivanka Trump und ihrem Ehemann Jared Kushner, ist extra aus den Vereinigten Staaten angereist, Donald Trump wird per Video zugeschaltet. Am Wochenende herrschte grosses Gerangel um die 800 Einladungskarten zur Eröffnung.

Seit 2010 nutzen die USA das Gebäude auf einem Hügel im Stadtteil Arnona im Süden Jerusalems für Kon­sulatsangelegenheiten. Die «New York Times» machte vor zwei Monaten zum ersten Mal darauf aufmerksam: Die Botschaft ist zwar in Jerusalem, aber nicht ganz in Israel. Der Gebäudekomplex steht auf der sogenannten Grünen Linie und im Niemandsland. Die Grüne Linie war bis zum Sechstagekrieg 1967 ein Teil der Aussengrenzen Israels. Das Niemandsland erstreckte sich zwischen West- und Ostjerusalem: vom Scopusberg über einen schmalen Streifen im Norden und einen etwas breiteren im Süden der Altstadt; es wurde von Jordanien und Israel gleichermassen beansprucht. Damit liegt zumindest ein Teil der neuen US-Botschaft auf einem Gelände, das von der UNO und den meisten Staaten der Welt als von Israel besetztes Gebiet betrachtet wird. Dabei verfügen die USA noch über ein anderes Gebäude im Stadtzentrum, das klar im westlichen Teil Jerusalems liegt.

Die Senioren verlieren ihr Heim

Die Umwandlung des Konsulatsgebäudes in Arnona ist aber noch keine Entscheidung darüber, ob die Botschaft hier dauerhaft bleibt. «Zunächst wird die Übergangsbotschaft in Arnona Büroflächen für den Botschafter und einen kleinen Stab enthalten», erklärte ein Vertreter des US-Aussenministeriums. Mit der Suche nach einem Standort sei begonnen worden. Bis Ende kommenden Jahres soll jedoch ein Botschaftsanbau auf dem Gelände fertiggestellt werden.

Dort befindet sich auch das nach 1967 eröffnete Hotel Diplomat. Es ist seit Jahren eine Seniorenresidenz, 450 vor allem aus Russland stammende ältere Menschen leben hier. Sie werden innerhalb der nächsten zwei Jahre ihr Heim verlieren. Denn das israelische Einwanderungsministerium, das die Wohnstätte betreibt, musste sich zur Räumung verpflichten, um Platz zu schaffen für das Botschaftspersonal. «Ich weiss nicht, wo ich hin soll», sagt Swetlana Klibanow, die in den Achtzigerjahren aus Luchowizy eingewandert ist. Die 81-Jährige sieht mit ihrem geblümten Kleid flott aus, ist aber schlecht zu Fuss. Sie hat alleine die schweren Einkaufstaschen den Hügel hinaufgeschleppt und macht kurz Rast auf einer Bank. «Aber mit der Ruhe ist es hier ohnehin vorbei.»

Petition der Anwohner

Wohl kein Altersheim der Welt wird derzeit so gut bewacht, denn bewaffnete Männer schirmen es ab. Wer immer sich nähert, wird vom Sicherheitspersonal fortgescheucht. Auf der Aussenfassade prangt ein Megaplakat: «Trump is a Friend of Zion.» Es ist ein beliebtes Fotoobjekt für Touristen, für die es neuerdings mit der US-Botschaft eine weitere Sehenswürdigkeit in Jerusalem gibt und die in Bussen herangekarrt werden.

Genau das ist es, was David Rabin stört. Anwohner wie er befürchten mehr Verkehr sowie verstärkte Kontrollen und Sicherheitsmassnahmen in dem bisher ruhigen, abseitsgelegenen Wohnviertel mit sandfarbenen Bungalows. Er rechnet auch mit Strassensperren, wenn wichtige Besucher in die Botschaft kommen. Gemeinsam mit 19 anderen Anwohnern hat er eine Petition beim höchsten Gericht gegen die Botschaftsverlagerung eingereicht – sie wurde abgelehnt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.05.2018, 08:02 Uhr

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