Hintergrund

Eine Comicfigur lehrt Mugabe das Fürchten

Die Chancen stehen gut, dass Robert Mugabe erneut als Präsident Zimbabwes vereidigt wird. In den letzten Monaten erhielt der 89-Jährige jedoch unerwarteten Widerstand aus dem Internet.

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Robert Mugabe war einst Symbolfigur für ein selbstbewusstes und unabhängiges Afrika. Als er 1980 zum Premierminister Zimbabwes gewählt wurde, sagte er: «Lassen wir die Vergangenheit ruhen.» Der damals 56-Jährige begrub eine Zeit, in der das Land noch Rhodesien hiess und durch eine weisse Minderheit regiert wurde. Obwohl schon sein weisser Vorgänger Ian Smith die Unabhängigkeit von Grossbritannien einseitig proklamierte, war es erst der langjährige Freiheitskämpfer Mugabe, der das Land aus der Klammer der Kolonie befreite: Am 18. April 1980 verkündete er das unabhängige Zimbabwe.

Der Kult um Mugabe nahm seinen Lauf: National verhalf er dem Land zu wirtschaftlichem Aufschwung und international wurde er mit Preisen überhäuft. Gleich drei westliche Universitäten verliehen Mugabe in den 1980er-Jahren den Ehrendoktortitel. 1994 erhielt er gar den Ritterschlag – notabene von jenem Land, das die Bevölkerung Zimbabwes zuvor als Kolonialherrschaft während Jahrzehnten unterdrückt hatte: Grossbritannien.

Drastisch gesunkener Wohlstand

Von diesem Ruhm blieb spätestens nach dem Jahrtausendwechsel nicht mehr viel haften. Sämtliche Doktortitel wurden Mugabe inzwischen abgesprochen und 2008 setzte sich Königin Elisabeth II. persönlich dafür ein, dass ihm die Ritterwürde entzogen wird. Mit Menschenrechtsverletzungen, rassistischen Parolen und einer miserablen Wirtschaftspolitik hat Mugabe den guten Ruf Zimbabwes zerstört. Im aktuellen UNO-Wohlstandsindikator nimmt das Land den 172. Platz von 187 Nationen ein.

Doch Mugabe hält sich unerschütterlich an der Macht. Bei den Wahlen möchte der 89-Jährige nun seine Präsidentschaft gar um weitere fünf Jahre verlängern. Aktuelle Umfragen deuten darauf hin, dass seine Rechnung aufgehen könnte. Oppositionspolitiker gelten als chancenlos oder werden erst gar nicht zur Wahl zugelassen. Morgan Tsvangirai ist der einzige Herausforderer, der dem Diktator gefährlich werden könnte.

Das zeigte der Vertreter der Bewegung für den Demokratischen Wandel (MDC) bei den letzten Wahlen vor fünf Jahren, als er zunächst gar in Führung lag. Als Reaktion stürzte Mugabe das Land in einen bürgerkriegsähnlichen Zustand. Um seine Anhänger zu schützen, sah sich Tsvangirai letztlich gezwungen, seine Kandidatur zurückzuziehen. Mugabe erwies sich einmal mehr als erfolgreicher Machtpolitiker. Wenn nicht auf demokratischem Weg, dann mit dem Einsatz von Waffen.

Gerüchte um Krebs

Es gibt etwas, das Mugabe weniger gut kontrollieren kann: seine Gesundheit. Gerüchte, wonach er an Hodenkrebs leidet, dementierte die Regierung zwar umgehend. Dennoch will niemand so recht glauben, dass der älteste Herrscher Afrikas eine weitere Amtszeit unbeschadet überstehen würde. In seiner Zanu-Partei ist bereits jetzt ein Streit um seine Nachfolge entbrannt.

Die Zweifel an Mugabes Gesundheitszustand haben jüngst drastisch zugenommen. Dafür verantwortlich ist ein Whistleblower mit dem Pseudonym Baba Jukwa. Auf der gleichnamigen Facebook-Seite werden seit April brisante Informationen gestreut, die den Präsidenten unter Druck setzen. Beinahe im Stundentakt veröffentlicht der anonyme Informant Interna aus der Regierung und den Geheimdiensten. Die Enthüllungen reichen von Korruption, Einschüchterungen, Vergewaltigungen bis hin zum Gesundheitszustand des Präsidenten. Gemäss eigenen Angaben handelt es sich beim Geheimnisverräter um eine Einzelperson – ein ehemals hochrangiges Mitglied der Regierungspartei.

Regierung setzt Kopfgeld aus

Die Zugriffszahlen der Facebookseite sind beeindruckend: Bis heute drückten über 300'000 Benutzer den «Gefällt-mir»-Knopf. Das Profilbild des alten weissen Mannes hat sich im afrikanischen Land, dessen Internetverbreitung eigentlich gering ist, rasant verbreitet. In den Medien wird Baba Jukwa nun mit dem amerikanischen Whistleblower Edward Snowden verglichen, und die Regierung zeigt sich alarmiert: Gemäss Medienberichten hat Mugabe inzwischen 300'000 Dollar für die Ergreifung des Initiators ausgesetzt.

Über die Identität des Whistleblowers ist bis jetzt nichts bekannt. Es erscheint gar unklar, ob es sich um eine Gruppierung oder eine Einzelperson handelt. Am Montag veröffentlichte Wikileaks Forum ein Interview, in dem sich der mutmassliche Drahtzieher erstmals öffentlich zu Wort meldete. Auch das Journalistennetzwerk«The Zimbabwean» veröffentlichte den Text.

Asyl wäre willkommen

Darin gibt sich Baba Jukwa als Einzelkämpfer zu erkennen, der zwar unter Todesangst leidet, sich seiner Unterstützung aber sicher ist: «Fast drei Viertel der Bevölkerung stehen hinter mir.» Täglich versuche die Regierung seine Identität zu knacken. Dazu kooperiere sie mit befreundeten Staaten wie China, Pakistan oder Taiwan – bisher ohne Erfolg. «Falls mir etwas zustösst, bin ich vorbereitet», sagt Baba Jukwa. Mehr als 100 Leute seien instruiert und würden die Seite ohne ihn fortsetzen. Der Whistleblower wäre notfalls auch bereit, Asyl anzunehmen: «Aus einem anderen Land könnte ich meine Arbeit gefahrlos fortsetzen», sagt Baba Jukwa.

Anfangs wurde unter anderem Edward Chindori-Chininga verdächtigt, hinter den Enthüllungen zu stecken. Der ehemalige Zanu-Minister und Vorsitzende des parlamentarischen Untersuchungsausschusses machte sich einen Namen, indem er die mangelnde Transparenz bei dem Erlös aus Diamanten kritisierte. Mugabe wird schon länger verdächtigt, dass er sich die Gunst einflussreicher Personen mit funkelnden Edelsteinen erkauft. Nach der Äusserung wurde auf Baba Jukwas Seite mehrmals vor der Ermordung des Politikers gewarnt. Der prophezeite Tod sollte eintreffen. Vor sechs Wochen starb Chindori-Chiningas – offiziell bei einem Autounfall.

Wahlsieg Tsvangirais vorausgesagt

Baba Jukwa setzte nach diesem Ereignis die Enthüllungen fort. Kurz vor den Wahlen sagt er einen deutlichen Sieg für den Oppositionskandidaten Tsvangirai voraus, warnt aber gleichzeitig vor den Vorkehrungen, welche die Zanu-Partei trifft, um die Wahlen zu manipulieren. Von Wikileaks befragt, ob er – im Fall einer Mugabe-Niederlage – selbst in die Politik gehen will, sagt Baba Jukwa: «Ich glaube nicht. Ich habe meinen Teil zur Befreiung dieses Landes bereits beigetragen.»

Erstellt: 31.07.2013, 00:01 Uhr

Keine Einsicht in Wählerlisten

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