Eine Feindschaft, die nicht enden will

Amerika und den Iran trennt eine lange Geschichte gegenseitiger Attacken. Teherans Machtzuwachs hat die Lage schwieriger gemacht. Daran haben die USA einen gehörigen Anteil.

Schiffe der US-Navy durchqueren am Donnerstag den Suezkanal. Foto: Darion Chanelle Triplett (US Navy, AP)

Schiffe der US-Navy durchqueren am Donnerstag den Suezkanal. Foto: Darion Chanelle Triplett (US Navy, AP)

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Nimmt man die Worte von US-Präsident Donald Trump für bare Münze, liesse sich die Krise zwischen Amerika und dem Iran ganz einfach entschärfen. «Was sie machen sollten, ist, mich anzurufen, sich hinzusetzen. Wir können einen Deal machen, einen fairen Deal», sagte er am Donnerstagabend im Weissen Haus, während der Flugzeugträger USS Abraham Lincoln gerade aus dem Suezkanal ins Rote Meer einlief und B-52-Bomber nach Katar zum Stützpunkt al-Udeid flogen. «Wir wollen nur, dass sie keine Atomwaffen haben – das ist ja wohl nicht zu viel verlangt.» Dann würde Amerika dem Iran helfen, wieder in Form zu kommen, wie Trump sich ausdrückte. Einen Militärschlag aber könne er auch nicht ausschliessen, stellte er zugleich klar.

Die maximale Drohkulisse, kombiniert mit einem Angebot, das eigentlich zu gut ist, um es auszuschlagen – für den Geschäftsmann Trump mag das eine klare Sache sein. Doch in den 40 Jahren seit der Islamischen Revolution haben sich auf beiden Seiten traumatische Erfahrungen angehäuft. Die fegte 1979 Schah Reza Pahlewi einen der engsten Verbündeten der Amerikaner in der Region hinweg. Seither hat sich eine Feindschaft verfestigt, die längst ein massgeblicher Faktor in der Machtarchitektur der Region zwischen dem Persischen Golf und der Levante ist.

Wunden von 1953 und 1979

Die Geiselnahme in der US-Botschaft in Teheran 1979, der Anschlag auf die Kasernen der US-Marines in Beirut 1983 mit 241 toten GIs, die Angriffe schiitischer Milizen auf amerikanische Soldaten im Irak nach der Invasion 2003 – sie bemühen US-Offizielle immer wieder, um die Islamische Republik als Terrorregime zu brandmarken.

Im Iran reichen die Beschwernisse noch weiter zurück – bis 1953. Damals stürzte die CIA den gewählten Premier Mohammed Mossadegh, die USA stützten anschliessend die blutige Diktatur des Schahs, der als Marionette der Amerikaner galt. Oder die Hilfe für den irakischen Diktator Saddam Hussein im acht Jahre währenden Golfkrieg, in dem Hunderttausende Iraner getötet wurden, es Raketen auf den Iran regnete und der Irak Chemiewaffen einsetzte. Antiamerikanismus gehört zum Kern der Ideologie der Islamischen Republik, die USA sind der grosse Satan, dem in Sprechchören beim Freitagsgebet allwöchentlich der Tod gewünscht wird.

Dieses Dreivierteljahrhundert Geschichte zu entwirren oder hinter sich zu lassen, wird erschwert durch die Konflikte der beiden Staaten in der Region. Schon 1982 stellten die Revolutionsgarden in der von Syrien besetzten Bekaa-Ebene im Libanon die Hizbollah zum Kampf gegen Israel auf – dem engsten Verbündeten der USA in der Region. Heute gilt die Hizbollah als kampfstärkste Miliz der Welt und dient dem iranischen Regime als Speerspitze in Syrien. Amerika galt seit dem Golfkrieg 1990 als unangefochtene Ordnungsmacht im Nahen Osten. Diese Position hat es nicht durch das Atomabkommen verloren, sondern durch den mit Lügen gerechtfertigten Einmarsch 2003 im Irak – zu dessen glühendsten Verfechtern schon damals John Bolton zählte, der Sicherheitsberater von Präsident Donald Trump.

Seit dem mit Lügen gerechtfertigten Einmarsch im Irak 2003 haben die USA ihren Status in der Region verloren.

Die US-Armee gelangte in einer im Januar veröffentlichten Studie zum Ergebnis, der Krieg habe «tief greifende geopolitische Konsequenzen» nach sich gezogen: Ein «ermutigter und expansionistischer Iran scheint der einzige Sieger zu sein», schreiben die Autoren. Der Irak, das traditionelle Gegengewicht, sei «im besten Falle entmannt, und im schlimmsten Falle handeln Schlüsselelemente seiner Regierung als Stellvertreter für iranische Interessen». Gestärkt hat den Einfluss des Iran noch der Kampf gegen die Jihadisten des Islamischen Staats. Schiitische Milizen unter iranischer Kontrolle haben sich fest etabliert.

So gelang dem schiitischen Iran, was Israel und sunnitisch geprägte US-Verbündete in der Region wie Saudiarabien lange befürchtet haben: sich als Regionalmacht zu etablieren mit einer Militärpräsenz in Syrien an der Seite Russlands, einen schiitischen Halbmond vom Iran über den Irak nach Syrien und den Libanon zu schlagen, wie es einst Jordaniens König Hussein formulierte. Dazu kommen die Unterstützung des Iran für militante Palästinensergruppen im Gazastreifen gegen Israel und der Rückhalt für die Huthi im Jemen. Die bieten seit mehr als vier Jahren Saudiarabien die Stirn.

Arabische Monarchen fürchten den Iran nicht nur wegen des konfessionellen Konflikts. Teheran pflegt etwa Netzwerke zu schiitischen Volksgruppen in ihren Ländern. Sie sehen vielmehr die revolutionäre islamistische Ideologie des Iran als Herausforderung für ihre eigene Legitimität. Milizen unter iranischer Kontrolle, angeleitet von Revolutionsgardisten oder der Hizbollah und beseelt von Ideologie, haben sich als effektive Kämpfer erwiesen. Käme der Iran überdies einer nuklearen Bewaffnung nahe, würde das nochmals entscheidend das strategische Gleichgewicht verschieben – ein Raketenprogramm betreiben die Revolutionsgarden ja ohnehin.

Das ist das Szenario, das US-Aussenminister Mike Pompeo im Mai in einer Rede zur neuen Iran-Strategie der USA in 12 Forderungen gefasst hat. Er verlangte den Abbruch des iranischen Atom- und Raketenprogramms, den vollständigen Rückzug der Iraner aus den arabischen Staaten und ein Ende aller Unterstützung für Gruppen, die von den USA als terroristisch eingestuft werden – vor allem der Hizbollah. Diplomaten in Europa schüttelten den Kopf, auch wenn sie inhaltlich viele Positionen teilen. Pompeos Liste komme einer Aufforderung zur Kapitulation gleich.

Im Nahen Osten sehen das viele anders. Saudiarabien, die Vereinigten Arabischen Emirate oder Israel stehen hinter solchen Forderungen. Eine informelle Kooperation gegen den Iran hat alte Streitthemen wie die Palästinenserfrage in den Hintergrund gedrängt. Sie fühlten sich von Barack Obama im Stich gelassen, durch das Atomabkommen von 2015 verraten. Schon 2008 forderte der damalige saudische König Abdullah die Amerikaner unverhohlen dazu auf, «der Schlange den Kopf abzuschlagen».

Trump will keinen Krieg

Einen neuen Krieg im Nahen Osten, das sieht selbst der Aussenminister des Iran, Mohammad Jawad Zarif, so, wolle Trump nicht – er hat sich vom damaligen Einmarsch im Irak distanziert, will Truppen aus Syrien abziehen und mit der Region abseits von Waffenlieferungen an die Golfmonarchien so wenig wie möglich zu tun haben. Eine Invasion des Iran aber, viermal so gross wie der Irak, würde Hunderttausende Soldaten erfordern. Was europäische Diplomaten und selbst Aussenpolitiker im US-Kongress umtreibt, ist das Risiko, dass ein kleiner Zwischenfall eine Eskalationsspirale auslöst, die dann nur noch schwer zu stoppen ist und zu einem regionalen Flächenbrand führt.

Das Regime in Teheran mit Luftschlägen etwa auf die Revolutionsgarden, auf Einrichtungen des Raketen- oder Atomprogramms in die Schranken zu weisen – das sind Optionen, die sich Bolton bereits vergangenes Jahr vom Pentagon vorlegen liess, als drei Mörsergranaten in Bagdad auf einem Gelände der US-Botschaft einschlugen.

Der Iran würde in einer militärischen Auseinandersetzung wohl asymmetrisch reagieren: Aus dem Libanon und dem Gazastreifen könnten Raketen auf Israel abgeschossen werden, Milizen könnten die 5200 im Irak stationierten US-Soldaten attackieren – ein Szenario, das die USA ohnehin fürchten: Es löste die Verlegung des Flugzeugträgers aus. Die Revolutionsgarden könnten zudem die Strasse von Hormuz blockieren, durch die ein Drittel der weltweiten Öllieferungen verschifft wird. Der Iran ist durch die US-Sanktionen unter Druck wie selten. Es gibt Hardliner, die glauben, Teherans Verhandlungsposition durch eine Eskalation verbessern zu können. Sie wollen mit dem Geschäftsmann Trump einen Deal machen – aber zu ihren Konditionen. Das ist riskant, doch sie verweisen auf die Erfolge des Iran in der Region.

Erstellt: 10.05.2019, 21:10 Uhr

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